Exklusiv Interview
27.09.2012

„Die Energiewende darf nicht sterben“

Bill Gallery, Lance Bellers (Top Teaser)

Interview mit Stephan Reimelt, CEO der deutschen Energiesparte von General Electric, über Risiken 
im Offshore-Geschäft, die Banalität des Netzausbaus und die Folgen des Schiefergas-Booms in den USA

BIZZ energy today: Herr Reimelt, Ihr Konkurrent Siemens ist massiv ins Geschäft mit Offshore-Windparks eingestiegen. Wird General Electric (GE) jetzt nachziehen?

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Stephan Reimelt: Manche bezeichnen die Offshore-Windparks als Pionierleistung – ich bezeichne sie eher als ein Abenteuer mit vielen Risiken. Wie man sieht, kann ein solches Abenteuer mehrere hundert Millionen Euro kosten und zu sinkenden Aktienkursen führen. Solche Hiobsbotschaften wird es bei GE nicht geben. Wir beteiligen uns zwar an einzelnen Projekten, beispielsweise vor der Küste Stockholms, dabei nehmen wir aber vorher die Wirtschaftlichkeit genau unter die Lupe. Im großen Stil werden wir nicht einsteigen.

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Die Bundesregierung setzt trotzdem unbeirrt auf den Offshore-Bereich.


Reimelt: Ja, und das sehe ich durchaus kritisch. Es ist nicht in Ordnung, dass die Kosten für den verspäteten Netzanschluss sozialisiert und am Ende über eine Umlage von den Stromkunden beglichen werden sollen. Offshore-Windstrom ist dreimal so teuer wie Onshore-Windstrom. Und wenn dieser Strom mit vielen Transportverlusten endlich in Baden-Württemberg und Bayern ankommt, dann müssen dort trotzdem noch lokale Gaskraftwerke gebaut werden, um die Versorgung jederzeit zu sichern. Dieses Gaskraftwerk wird wegen des Einspeisevorrangs der Erneuerbaren aber die zum Break-Even benötigten 4.000 Volllaststunden nicht erreichen – und damit nicht wirtschaftlich zu betreiben sein.

Welche Folgen hat diese Gemengelage?

Reimelt: Die Verbindung aus teurem Offshore-Wind, teurem Netzausbau und zusätzlichen Gaskraftwerken kann die Stromkosten explodieren lassen. Übrigens sind die Stromkosten seit 1998 zwar nur um neun Prozent gestiegen, die Strompreise in Folge höherer Steuern, Abgaben und Umlagen gleichzeitig aber um 190 Prozent. Bei weiter steigenden Preisen würde die Energiewende die breite gesellschaftliche Unterstützung verlieren, die sie derzeit genießt. Das wäre fatal! Wenn die Energiewende stirbt, dann stirbt das wichtigste technologische Projekt seit Bestehen der Bundesrepublik.

Warum ist die Energiewende so wichtig?


Reimelt: Sie ist eine Blaupause für die gesamte westliche Welt. Für General Electric ist der deutsche Markt wegweisend, für andere Auslandsmärkte, aber auch für den US-Markt. Deutschland ist das größte Energielabor der Welt. Daher ist es für uns alle wichtig, dass der innovative Charakter der Energiewende erhalten bleibt.

Ist Ihnen die Energiewende aktuell nicht innovativ genug?

Reimelt: Wenn jemand ein Kabel im Boden verbuddelt oder an einen Stützmast hängt und das dann als innovativen Netzausbau verkauft, habe ich damit Probleme. Die Energiewende darf nicht zum banalen Netzausbau verkommen. Ihr innovativer Charakter muss erhalten bleiben, andernfalls ist das nicht gut für Deutschland und auch keine Blaupause. Wir müssen uns auf den Ursprung der Energiewende zurück besinnen. Die Einführung erneuerbarer Ener­gien sollte dezentral erfolgen und von Kommunen getragen werden; die zentrale, traditionelle Energiewirtschaft sollte dazu das Rückgrat bilden. Wenn wir die Energiewende jetzt auf den Netzausbau reduzieren, dann wären damit nur noch zwei Technologiekonzerne verbunden…

… nämlich ABB und Siemens.

Reimelt: Und das wäre dann nicht wirklich zielführend. Denn an der Energiewende sollten ursprünglich tausende Firmen und Einzelpersonen beteiligt werden. Dieses Ziel muss wieder gelten. Mit dezentralen, intelligenten Lösungen könnte man im Übrigen viele Milliarden Euro einsparen. Derzeit sind 4.800 Kilometer an neuen Stromnetzen im Gespräch. Mit intelligenter Steuerung und lokalen Gaskraftwerken könnte der notwendige Netzausbau deutlich auf 1.000 bis 2.000 Kilometer reduziert werden .

Wie könnten konkrete Lösungen aussehen?

Reimelt: Betrachten wir folgendes Szenario: An einem Märztag knallt die Sonne auf schneebedeckte Dächer, zum Beispiel in Bayern. Plötzlich lösen sich Schneestücke und legen die Dächer frei. Dann werden schnell einige Gigawatt Strom eingespeist – in Netze, die dafür gar nicht vorgesehen sind. Darauf sind wir heute noch nicht vorbereitet, das müssen wir dringend regeln und mit innovativer Software intelligent steuern.

Welche Rolle spielt Gas bei solchen intelligenten Lösungen?

Reimelt: Grundsätzlich ist es deutlich kostengünstiger, das Gasnetz anstelle des Stromnetzes auszubauen. Der Transport von 1.000 Megawatt kostet im Gasnetz nur zehn Prozent dessen, was es im Stromnetz kosten würde. Derartige Lösungen rücken weltweit in den Fokus, auch weil der Anteil von Gas am globalen Energiemix steigen wird – als Folge des Schiefergas-Booms, der in den USA seinen Ursprung hat.

Die New York Times hat Anfang 2010 eine Revolution durch Schiefergas prognostiziert. Hat sie übertrieben oder den Nagel auf den Kopf getroffen?

Reimelt: Die Folgen für die USA sind in der Tat sehr weitreichend. Der Schiefergas-Boom hat in den USA bereits 660.000 neue Jobs generiert. Der Sektor trägt heute 0,5 Prozent zum US-Bruttosozialprodukt bei – mit steigender Tendenz. Die Vereinigten Staaten werden vom Energieimporteur zum -exporteur. Und die Energiepreise sinken auf breiter Front. Das führt dazu, dass manches deutsche Unternehmen bereits darüber nachdenkt, lieber dort als in der Heimat zu produzieren. Schließlich hat Schiefergas auch einen Klimaaspekt: Weil die USA zunehmend Kohle durch das emissionsärmere Gas ersetzen, werden sie künftig ihre Klimaziele erreichen. Dieser Aspekt wird in Europa übrigens weitgehend ignoriert.

Umweltverbände mögen zwar diesen Aspekt begrüßen – kritisieren aber das Fracking, 
das zur Schiefergas-Förderung eingesetzt wird …

Reimelt: Fracking hat hohes Potenzial. Wir bohren heute nicht nur vertikal, sondern auch über hunderte Meter horizontal. Die betroffene Fläche wird also zunehmend kleiner, die Horrorbilder von Bohrtürmen aus der Anfangszeit entsprechen längst nicht mehr dem Stand der Technik. General Electric ist in den Vereinigten Staaten in diesem Bereich sehr aktiv und hat sich zum Ziel gesetzt, einen wichtigen Beitrag zum umweltbewussten Einsatz der Fracking-Technik zu leisten. Dabei ist natürlich auch die Wiederverwertung von Wasser ein großes Thema.

Rechnen Sie in Europa mit einem kommerziellen Einsatz des Fracking? Wenn ja, wo?

Reimelt: Polen wird im großen Stil Schiefergasförderung betreiben. Auch in Frankreich und in Großbritannien hat man Lager entdeckt. Im Münsterland könnte man ebenfalls Schiefergas fördern. Aber vorher müssen wir bei dem Thema die Emotionen rausnehmen.

Zur Person: Stephan Reimelt
Der promovierte Wirtschaftsingenieur verantwortet bei General Electric seit 2011 die Strategie und Expansion auf dem deutschen Energiemarkt. Seit mehr als zehn Jahren lehrt er nebenbei als Dozent an der TU Berlin, die ihn 2010 zum Professor ehrenhalber ernannt hat. Vor seinem Wechsel zu GE war Reimelt Vorstand beim Anlagenbauer Lurgi.

Joachim Müller-Soares
Keywords:
Stephan Reimelt | General Electric | Netzausbau | Offshore Wind | Schiefergas
Ressorts:
Markets

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