Ökostrom
26.11.2014

„Die Industrie will Ökostrom aus Deutschland“

PR

Ronald Heinemann vom Ökostrom-Anbieter Naturstrom erläutert im Interview mit BIZZ energy today das Graustromproblem und macht einen konkreten Lösungsvorschlag.

 

Anzeige

_BIZZ energy today | Herr Heinemann, im Augenblick wird Ökostrom in Deutschland im Rahmen des EEG produziert und dann an alle Kunden verteilt. Das ist im Sinne der Energiewende doch eine gute Lösung.

_Ronald Heinemann | Nein, das denken wir nicht. Es ist doch so, dass es eine hohe Nachfrage nach reinem Ökostrom aus Deutschland gibt – nicht nur von den privaten Verbrauchern, sondern auch von der Industrie. Absurd ist aber: Diese Nachfrage kann aber überhaupt nicht befriedigt werden, denn der größte Teil des deutschen Ökostroms muss als Graustrom verkauft werden. So sieht es derzeit das EEG vor. 

Anzeige

_BIZZ energy today  | Das hat einen guten Grund: Ökostrom soll nicht doppelt vermarktet werden – denn die Verbraucher haben ja bereits über die EEG-Umlage dafür bezahlt. 

_Heinemann Dieses Problem ist uns bewusst. Keiner möchte das Doppelvermarktungsverbot antasten. Aber es gibt eine sinnvolle Lösung, wie dennoch deutscher Ökostrom an die Kunden kommen kann. Wir haben zusammen mit anderen Ökostromanbietern, zum Beispiel Clean Energy Sourcing und Greenpeace Energy, ein Modell entwickelt, dass das EEG nicht untergräbt, aber dennoch eine Kundenversorgung mit echtem Ökostrom möglich macht – das Grünstrom-Markt-Modell.

_BIZZ energy today | Wie funktioniert das?

_Heinemann | Das Grundprinzip ist einfach: Stromvertriebe wie wir sollen die Möglichkeit bekommen, Grünstrom wirtschaftlich und in großen Mengen direkt von den Anlagenbetreibern zu kaufen. Wer das Grünstrom-Markt-Modell nutzt und damit Strom ohne weitere Förderung direkt vom Anlagenbetreiber kauft, zahlt für jede Kilowattstunde die durchschnittlichen Vergütungen für EEG-Strom. Für nächstes Jahr wären das rund 17 Cent. Im Gegenzug muss der Vertriebe keine EEG-Umlage für seine Kunden bezahlen, also zum Beispiel im kommenden Jahr 6,17 Cent. Knapp die Hälfte des Stroms würde dann aus Direktverträgen mit EEG-Anlagen kommen.

_BIZZ energy today | Moment mal: Dann holen Sie sich den Strom von billigen Windrädern für fünf Cent pro Kilowattstunde und den normalen Stromkunden bleiben die teuren Solaranlagen?

_Heinemann | Nein, Rosinenpicken ist ausgeschlossen. Damit der Vertrieb sich eben nicht auf Kosten des Umlagesystems die kostengünstigen EEG-Anlagen heraussuchen kann, muss er im gleichen Ausmaß Strom aus EEG-Anlagen einkaufen wie andernfalls über das EEG-Umlagesystem gefördert würde. Heißt erstens: Ich muss den gleichen Anteil an Strom aus EEG-Anlagen insgesamt und an Strom aus fluktuierenden Energieträgern einkaufen, wie über das EEG-System gefördert wird. Und zweitens muss ich Strom verwenden, der im Durchschnitt eine Vergütung aufweist, die mindestens so hoch ist, wie die durchschnittlichen Kosten des EEG-Stroms, der über das EEG gefördert wird. Oder, vereinfacht ausgedrückt: Das Modell garantiert: Es wird keine zusätzliche Belastung für das EEG und damit die normalen Stromkunden geben.

_BIZZ energy today | Warum ist das Modell dann für Sie überhaupt interessant?

_Heinemann | In erster Linie  können wir damit unseren Kunden ein hochwertiges Ökostromprodukt aus Deutschland anbieten und sogar angeben, aus welcher Anlage die Elektrizität kommt. Das interessiert nicht nur Privatkunden, sondern auch Industrie und Gewerbe. Deshalb erhalten wir auch von Wirtschaftsverbänden Unterstützung. Aus unserer Sicht sind Vertriebe die zentralen Akteure im Strommarkt – allein durch unseren exklusiven Zugang zu den Stromkunden.

_BIZZ energy today | Das Modell sichert Ihnen also den Zugang zu einem interessanten Markt. Aber wo ist der Nutzen für die Energiewende?

_Heinemann | Neben den finanziellen Auflagen wird es auch die Verpflichtung geben, fluktuierende erneuerbare Energien, also Wind- und Solarenergie, im gleichen Maß ins Portfolio zu nehmen wie es auch im EEG-Mix enthalten ist. Rund zwei Drittel des Ökostroms müssen demnach aus diesen Quellen stammen. Gleichzeitig sieht das Modell eine Strafzahlung von zwei Cent pro Kilowattstunde vor, wenn unsere Anlagen mehr Energie produzieren als unsere Kunden verbrauchen. Stromversorger, die dieses Modell nutzen, haben also ein hohes Interesse daran, die Stromerzeugung der EEG-Anlagen und den Strombedarf der Stromkunden auszugleichen und im Wettbewerb nach möglichst kostengünstigen Möglichkeiten für diesen Ausgleich zu suchen. Dazu gehören neben der Nutzung des Stromgroßhandels auch physische Maßnahmen wie das Lastmanagement, der bedarfsgerechte Betrieb von erneuerbaren und konventionellen Erzeugungsanlagen und der Einsatz von Stromspeichern. Im Augenblick funktioniert der Ökostrommarkt ja nach dem Motto: Produce and Forget. Das geht dann nicht mehr.

_BIZZ energy today | Wie beurteilen Sie die Chancen, dass das Modell tatsächlich eingeführt wird?

_Heinemann | Wir sind optimistisch. Und aus  der Branche gibt es Zustimmung und Unterstützung von verschiedener Seite – von Stadtwerken genauso wie von Bürgerenergiegenossenschaften. Auch die großen Versorger sehen das Modell durchaus mit Interesse und Wohlwollen. Noch wichtiger ist aber:  Die Bundesregierung hat im EEG bereits eine sogenannte Verordnungsermächtigung verankert und das Parlament hat zugestimmt. Das heißt, das Energieministerium kann ein neues Instrument zur Grünstromvermarktung ohne aufwendiges Gesetzgebungsverfahren einführen. Vor allem aber müssen wir zeigen, dass unser Vorschlag konform ist mit geltendem EU-Recht. Deshalb führen wir parallel auch Gespräche mit der neuen EU-Kommission.

_BIZZ energy today | Wann könnte also der Startschuss fallen?

_Heinemann | Aus unserer Sicht steht einer Einführung zur Mitte kommenden Jahres nichts im Wege. Die Entscheidung über das ob und wie unterliegt aber natürlich der Bundesregierung.

_BIZZ energy today | Würde Naturstrom dann auf das Grünstrom-Markt-Modell umstellen, um seine Kunden zu versorgen?

_Heinemann | Ja. Wir würden das mit Sicherheit soweit wie möglich nutzen. Raum für Differenzierung im Vergleich zum Wettbewerb gibt es immer noch genug: Wir können durch optimales Management die Kosten gering halten. Und über 50 Prozent unseres Grünstroms müssen wir auch nach Einführung des Grünstrom-Markt-Modells auf anderem Weg beschaffen.

 

Ronald Heinemann ist politischer Leiter der Naturstrom AG. Das Unternehmen mit Sitz und Düsseldorf und Forchheim ist mit rund einer Viertelmillion Kunden einer der größten reinen Ökostromanbieter Deutschlands.

Jakob Schlandt
Keywords:
Naturstrom | Ökostrom | EEG | EEG-Umlage | Solaranlagen
Ressorts:
Finance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen