Interview
29.01.2013

„Die Netzbetreiber bauen ihre Hürden langsam ab.“

enviTec
Carsten Steentjes ist Product Manager Sales bei EnviTec Biogas.

Die Bundesregierung hat hehre Ziele für den Ausbau von Biogasanlagen. Bis dato speisen aber kaum Anlagen ins deutsche Gasnetz ein. Carsten Steentjes, Manager beim Biogaskonzern Envitec, erklärt, was nun passieren sollte.

BIZZ energy today: Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, in Deutschland bis 2020 sechs Milliarden Kubikmeter Biomethan pro Jahr zu erzeugen. Das entspricht mindestens 150 neuen Anlagen pro Jahr. Ist das Ziel noch erreichbar?

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Carsten Steentjes: Wir bemängeln auch den langsamen Ausbau von Biomethan. Im Markt für Gasaufbereitungsanlagen liegt der Zielerreichungsgrad aktuell erst bei acht Prozent der politisch für 2020 angestrebten Biomethan-Mengen. 

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BIZZ e.t.: Woran liet das? 

Steentjes: Gründe für den stockenden Ausbau von Biomethan-Anlagen sind vor allem die langen Realisierungszeiträume für die Netzanschlüsse. Für das kommende neue Jahr versprechen wir uns allerdings hier eine enorme Verbesserung, da die Netzbetreiber langsam ihre „Hürden“ abbauen und versuchen, die Netzeinspeisung zu beschleunigen.

BIZZ e.t.: Wo und wie müsste schnell nachgebessert werden?

Steentjes: Den schleppenden Ausbau könnte man aus unserer Sicht beschleunigen, durch einen verringerten administrativen Aufwand. Hohe Genehmigungsauflagen, die gestiegenen Substratkosten sowie die Dauer der Zuweisung der Netzeinspeisepunkte bis zu 18 Monate sind verbesserungswürdig.

BIZZ e.t.: Auch Banken zeigen sich zunehmend zurückhaltend bei der Finanzierung wegen der unsicheren Vermarktung. Wo liegen die größten Hindernisse? 

Steentjes: Von einer unsicheren Vermarktung kann man unseres Erachtens so nicht sprechen. Mit unserer vor einem Jahr gegründeten Tochtergesellschaft – Envitec Energy – übernehmen wir zuverlässig und erfolgreich die Vermarktung von Biomethan für Biogasanlagenbetreiber. Wir sorgen dafür, dass das Biomethan unserer Kunden langfristig und zu attraktiven Konditionen verkauft wird und stemmen dabei sogar das Mengenrisiko. Das bedeutet, dass wir alle Produktionsmengen übernehmen und so das Produktions- und Preisrisiko auf uns, als Käufer, übergeht. 

BIZZ e.t.: Gibt es ein Imageproblem bei Biomethan aufgrund der Tank-Teller-Diskussion?

Steentjes: Natürlich färbt die Diskussion um Tank und Teller auch auf Biomethan ab. Als Projektentwickler sind wir mit der gesamten Bandbreite an Vorurteilen konfrontiert. 

Das Problem von Monokulturen ist auf wenige Regionen beschränkt, nämlich ausschließlich dort, wo die Massentierhaltung stark ausgeprägt ist und sich Konkurrenzen um Futtermittel bilden. Wir betonen die positiven Seiten von Biogas: Insbesondere die Speicherfähigkeit, die Spitzen- und Grundlastfähigkeit und die Regelbarkeit der aus Biogas gewonnenen Energie sind wichtige Eigenschaften, die Biogas und Biomethan positiv von anderen Erneuerbaren Energieträgern unterscheidet.

BIZZ e.t.: Wo sollte der Energieträger verstärkt zum Einsatz kommen? 

Steentjes: Aus unserer Sicht gewinnt neben der direkten Stromerzeugung die Einspeisung des Biogases in das Erdgasnetz mehr und mehr an Bedeutung. Laut Erhebung des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) waren es Ende des vergangenen Jahres zwar nur 83 Anlagen in Deutschland, die das Biogas aufbereiten und in das Erdgasnetz einspeisen können – Tendenz aber steigend! Der große Vorteil der Biogasnutzung ist die Möglichkeit, das Gas zu speichern und so Bedarfsspitzen decken zu können. Die Produktion ist flexibel und die Erdgasnetze können das Biogas leicht verteilen oder speichern. 

Die Entwicklung von Stromspeichern ist natürlich eine der zentralen technischen Herausforderungen für die Erreichung einer Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien im Strombereich. Auch hier kann Biogas in Zukunft eine große Rolle spielen.

BIZZ e.t.: Und die Kosten?

Steentjes: Für den Kunden ist Energie aus heimisch erzeugtem Biogas auf bis zu zehn Jahren sehr preisbeständig und für Energieversorger, Industriekunden oder öffentliche Einrichtungen gut kalkulierbar. Von daher sind wir überzeugt davon, dass sich der Zukunftsmarkt Biomethan durchsetzen wird. 

BIZZ e.t.: Weltweit steigt die installierte Leistung an Biogasanlagen, während der Leitmarkt Deutschland einbricht. Müssen die deutschen Anlagenbauer künftig internationaler werden?

Steentjes: Envitec ist international bestens aufgestellt. Dass der Leitmarkt in Deutschland nach dem Boomjahr 2011 einbrechen musste, war zu erwarten, da viele Kunden das zum 1.1.2012 in Kraft getretene EEG sehr skeptisch sahen. Viele Kunden entschlossen sich daher noch in 2011 zur Auftragsvergabe für eine Biogasanlage. Von diesem Nachfrageschub konnte die Envitec Biogas stärker als die Branche profitieren und einen Marktanteil von gut 16 Prozent erreichen. Trotz der hohen Beanspruchung der Anlagenkapazität im Inland ist es EnviTec gelungen den Auslandsumsatz im vergangenen Jahr um nahezu 50 Prozent zu steigern. 

Gemessen am deutschen Markt stecken die Auslandsmärkte aus unserer Sicht immer noch in den Kinderschuhen und bieten somit in den nächsten Jahren ein hervorragendes Entwicklungspotenzial für die gesamte Biogasbranche.

Niels Hendrik Petersen
Keywords:
Biomethan | Envitec | Gaseinspeisung | Gasspeicher | Biogas | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
Markets

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