BIZZ-Exklusiv
06.12.2012

„Diplomatische Deeskalation“

Foto: Wacker-Chemie
Rudol Staudigl

Wacker-Chemie-Chef Rudolf Staudigl spricht im Interview mit BIZZ energy today über das Potenzial der Energiewende, das Verhältnis zu China und die konzerneigene Aktie.

BIZZ energy today: Welche Geschäftschancen bietet die Energiewende für die

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Chemiebranche?

Rudolf  Staudigl: Für jegliche Art der Energieversorgung ist auch Chemie nötig. Unsere Branche sieht ihre Chancen im Bereich der Erneuerbaren, als Hersteller von Materialien und Komponenten etwa für Solarmodule und Windrotoren. Vor allem setzt die Branche auf den weltweiten Trend zum Energiesparen. In diesen Bereich gehören etwa Dämmmaterialien für Gebäude, effiziente Haushaltsgeräte, aber auch die elektronische Steuerung von Geräten mit Silizium-Chips. 

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BIZZ e.t.: Ist die Energiewende also ein Segen für die Chemie? 

Staudigl: Bei aller Begeisterung für die Energiewende darf man deren Risiken nicht ignorieren. Denn die Chemie nutzt die Energie quasi als Rohstoff. Fabriken in Deutschland sind nur bei international vergleichbaren Stromkosten konkurrenzfähig. 

BIZZ e.t.: Muss das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) reformiert werden? 

Staudigl: Das EEG muss neu überdacht werden. In der Vergangenheit kam es bei den Einspeisevergütungen zu Übertreibungen und dadurch zu hohen Kostensteigerungen. Die aktuellen Einspeisevergütungen stellen nach unserer Einschätzung aber keine Überförderung mehr dar. Allerdings existieren strukturelle Probleme. Eine vermehrte Einspeisung von Ökostrom senkt zwar den Börsenpreis, führt aber paradoxerweise zu einer höheren Belastung für die Endverbraucher. Ich plädiere daher für einen Referenzpreis, der nicht so stark schwankt; er sollte sich stattdessen am Strompreis orientieren, den moderne Gaskraftwerke brauchen, um Strom wirtschaftlich zu erzeugen.

BIZZ e.t.: Ist Ihr Unternehmen von der EEG-Umlage befreit?

Staudigl:  Bei uns ist nur ein kleiner Teilbereich von der Umlage ausgenommen. Und die Umlagen für die anderen Bereiche summieren sich: Wir haben 150 Millionen Euro seit der EEG-Einführung gezahlt – das Gros davon in den letzten drei Jahren. Aktuell beantragt Wacker die Befreiung für weitere Bereiche. Übrigens sehe ich ein generelles Problem: Unternehmen sind von der Umlage befreit, wenn die Energiekosten mehr als 14 Prozent der Bruttowertschöpfung betragen. In der Spezialchemie ist das aber oft nicht der Fall – obwohl viele Firmen dieses Segments energieintensiv arbeiten.

BIZZ e.t.: Wacker baut ein Polysilizium-Werk in Tennessee. Wie wichtig ist der US-Markt ?

Staudigl: Wir wollen das Werk aus mehreren Gründen: Erstens sind die Energiekosten um mehr als die Hälfte niedriger als in Deutschland. Zweitens ist Polysilizium ein Material, bei dem die Transportkosten keine große Rolle spielen. Eine weltweite Belieferung aus den USA ist somit gut möglich. Der Standort bietet zudem den Vorteil des Natural Hedgings und hilft uns, Währungsschwankungen zwischen Euro und Dollar abzufedern. Nicht zu vergessen: Der US-Chemiemarkt ist gut drei Mal größer als der deutsche, allein deshalb ist er interessant für uns. Langfristig wollen wir einen Silizium-Verbundstandort in den USA haben, wo wir nicht nur Polysilizium, sondern auch andere siliziumbasierte Produkte wie Silikone herstellen – ähnlich wie in Deutschland oder in China. 

BIZZ e.t.: Welches Potenzial bietet China?

Staudigl: Wir machen dort rund 20 Prozent unseres Umsatzes, vor allem mit Polysilizium. Wir verkaufen auch Silikone, etwa für Dicht- und Imprägniermaterial bis hin zu Beschichtungen und Kabelisolierung. Zudem stellen wir in China Polymerprodukte her, also Dispersionen und Dispersionspulver. Die gehen zum Beispiel in Klebstoffe, in die Bau- und Autoindustrie sowie in die Farbproduktion. Ein erheblicher Anteil unserer Dispersionspulver dient der Wärmedämmung, die von Chinas Staatsführung stark forciert wird. 

BIZZ e.t.: China droht mit Strafzöllen auf polykristallines Silizium. Fürchten Sie einen Handelskrieg?

Staudigl: Wir haben uns frühzeitig gegen jede Form von Handelsbeschränkungen ausgesprochen. Wenn Geld für Strafzölle ausgegeben werden muss, fehlt es für Forschung und Innovationen. Die Photovoltaik würde damit künstlich verteuert und das würde die weltweite Energiewende bremsen. Der globale Siegeszug der Photovoltaik ist die Folge günstiger Preise. Als Unternehmen muss sich Wacker wappnen, um mit Anti-Dumping-Zöllen zurecht zu kommen. Trotzdem hoffe ich auf diplomatische Deeskalation. Differenzen sollten auf dem Verhandlungsweg ausgeräumt werden, so wie es die Bundeskanzlerin in Peking kürzlich vorgetragen hat. 

BIZZ e.t.: Sind Batterien aus Ihrer Sicht ein lukrativer Zukunftsmarkt? 

Staudigl: Der Markt bietet in der Tat riesige Wachstumschancen für die gesamte Chemiebranche. Aufgrund unseres Know-hows bei Silizium und Silikon hoffen wir, davon zu profitieren. Bei Lithium-Ionen-Batterien beispielsweise wird an allen Bestandteilen geforscht: Anode, Kathode, Elektrolyten und Trennmaterialien wie Membranen. Silikon bietet sich auch als Dichtmaterial in Batterien an. 

BIZZ e.t.: Die Chemieindustrie ist auf der Suche nach alternativen Rohstoffen zu Mineralölprodukten. Sie auch?

Staudigl: Ja, wir auch. Wacker produziert den einzigen Polymerwerkstoff, der ohne Erdöl auskommt, nämlich Silikon. Auch an der weißen Biotechnologie zur Herstellung von Rohstoffen aus pflanzlichen Materialien forschen wir. Noch sind diese Produkte im Vergleich zu erdölbasierten Materialen aber nicht rentabel. Immerhin zehn Prozent der weltweit hergestellten Chemieprodukte stammen bereits aus nachwachsenden Rohstoffen – mit steigender Tendenz. In Brasilien zum Beispiel produziert man heute im großen Stil Polyethylen aus Ethanol, das wiederum aus Zuckerrohr gewonnen wird.  

BIZZ e.t.: Wie ist der Absturz der Wacker-Aktie seit rund eineinhalb Jahren zu erklären? 

Staudigl: In der Vergangenheit gab es Übertreibungen im Markt für Polysilizium, da es sehr knapp war. Phasenweise war Silizium sogar teurer als Silber. Nun ist das Pendel auf die andere Seite geschwungen, der Preis ist deutlich gesunken. Das haben wir so auch erwartet und immer wieder vorausgesagt. Aufgrund unseres Engagements bei Silizium werden wir oft in eine Kategorie mit Solar-unternehmen gesteckt – fälschlicherweise. 

BIZZ e.t.: Sehen Sie eine Trendwende für die Wacker-Aktie?

Staudigl: Darauf setze ich und betone deshalb bei jeder Gelegenheit, dass wir Wacker Chemie und nicht Wacker Solar sind. Unsere Produkte finden sich in allen Lebensbereichen − von der Körperpflege über Baumaterialien bis hin zur Automobil- und Medizintechnik. Das müssen wir dem Kapitalmarkt noch intensiver vor Augen führen.

 
Niels Hendrik Petersen
Joachim Müller-Soares
Keywords:
BIZZ-Exklusiv | Wacker-Chemie | Rudolf Staudigl | Solarenergie | China | EEG | Strompreis | EEG-Umlage
Ressorts:
Finance | Markets

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