BIZZ-Exklusiv
29.08.2013

„Erdgasmobilität braucht einen Anschub“

Foto: Zukunft Erdgas
Timm Kehler, Zukunft Erdgas

Timm Kehler vom Verband Zukunft Erdgas spricht im Interview über die steigende Anzahl von Erdgas-Autos, Steuervergünstigungen und die Rolle von Erdgas für die Energiewende.

BIZZ energy today: Herr Kehler, im ersten Halbjahr wurden zwar deutlich mehr Erdgasautos verkauft, mit 3.000 Neuzulassungen bleiben die Zahlen aber noch auf niedrigem Niveau. Woran liegt das?

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Timm Kehler: Jedenfalls nicht mehr an den Fahrzeugen. Das Angebot ist in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gestiegen. Demnächst kommt der VW Golf mit Erdgasantrieb. Auch in der Politik spielt das Thema Erdgasmobilität wieder eine größere Rolle, etwa in der neuen Kraftstoff- und Mobilitätsstrategie der Bundesregierung. Ich gehe davon aus, dass sich nach der Wahl die Diskussion um Markthemmnisse, wie das Auslaufen der Steuerbegünstigung 2018 und die irreführende Auszeichnung von Erdgas an Tankstellen, fortsetzen wird.

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Rechnen Sie mit einer Verlängerung der steuerlichen Begünstigung für Erdgaskraftstoff?

Wir sehen auf jeden Fall, dass viele Parteien das Thema in ihrem Wahlprogramm verankert haben. Erdgas als Kraftstoff muss aber kein dauerhafter Subventionsempfänger sein. Was wir brauchen, ist ein Anschub, um die hohen Kosten der Infrastruktur auszugleichen. Die werden im Moment auf wenige Fahrzeuge umgelegt.

Das bedeutet?

Heute zahlen Sie pro Liter Super circa ein Cent für die Tank-Infrastruktur. Bei Erdgas sind es 15 Cent. Diese vergleichsweisen hohen Kosten werden sinken, wenn die Zahl der Erdgasautos steigt.

Erwarten Sie sinkende Gaspreise durch die Förderung von Schiefergas?

Ich gehe mittelfristig von einer Seitwärtsbewegung bei den Preisen aus. Wesentlicher Treiber ist Flüssiggas, kurz LNG. Es lässt sich weltweit exportieren und erhöht damit den Wettbewerbsdruck. Wenn die USA anfangen, Schiefergas zu exportieren, werden sich die Gaspreise zunehmend angleichen.

Erdgas galt lange als Brücke ins Zeitalter der Erneuerbaren. Davon ist nun nicht mehr viel zu hören. Wurde Erdgas bei den Beschlüssen zur Energiewende vergessen?

Ganz sicher. Die aktuelle Diskussion um die Energiewende ist eine reine Stromdiskussion. Der Wärmemarkt, der für fast die Hälfte des Energieverbrauchs der Bürger verantwortlich ist, spielt kaum eine Rolle. Es wird übersehen, wie viel Kohlendioxid sich durch die Modernisierung der vielfach veralteten Heizungsanlagen einsparen lässt. Die Politik hat bisher keine Vorstellung, wie sie das angehen will.

Das heißt, die Klimaziele der Bundesregierung lassen sich ohne den Wärmesektor nicht erreichen?

Die Wärmewende muss in jedem Fall Teil der Energiewende sein, die Fokussierung auf Strom ist zu kurz gesprungen. Das zeigt sich auch daran, dass der Ausstoß an Treibhausgasen im vergangenen Jahr sogar gestiegen ist – trotz Energiewende. Der Wärmemarkt bietet viele Low-Hanging-Fruits. Sie können zu vergleichsweise geringen Kosten viel Kohlendioxid einsparen.

Bei den Förder-Instrumenten, wie etwa den steuerlichen Abschreibungen für die Gebäudesanierung, hakt es aber.

Das stimmt. Wir müssen die Bedeutung des Wärmemarktes als schlafender Riese noch einmal stärker in den Vordergrund stellen. 

Trotz Energiewende haben es Gaskraftwerke derzeit schwer im Markt. Was muss passieren?

Nach wie vor sind flexible Gaskraftwerke die beste Möglichkeit, um ein System mit hohen  Anteilen von erneuerbaren Energien zu gewährleisten. Derzeit fehlt es an einem Strommarktdesign, in dem diese Flexibilität belohnt wird. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Rahmenbedingungen für Gaskraftwerke nach der Bundestagswahl verbessern.

Welche Rolle kann Biomethan beziehungsweise Bio-Erdgas spielen? 

Im Kraftstoffsektor läuft es gut. Wir haben hier schon einen Anteil von 20 Prozent Biomethan am verbrauchten Erdgas. Eine solche Entwicklung wäre auch für den Heizungsmarkt wünschenswert. Die Bundesregierung hat ja klare Ziele formuliert, was die Einspeisung von Biomethan ins Erdgasnetz angeht, nämlich sechs Milliarden Kubikmeter im Jahr 2020. Davon sind wir leider Meilenweit entfernt.

Sollten mehr Anlagen Bio-Erdgas einspeisen, anstatt das Gas, wie üblich, vor Ort zu verstromen?

Die Einspeisung ist mit Sicherheit das Modell der Zukunft. Sie erreichen damit, dass Bio-Erdgas dort verbraucht wird, wo es die beste Verwendung hat. Das ist nicht unbedingt am Ort der Produktion.

Sondern in der Hausheizung?

Das ist eine attraktive Option, vor allem wenn sie Biogas in einer Brennstoffzelle oder einem Blockheizkraftwerk einsetzen, um Wärme und Strom zu erzeugen. Die Kraft-Wärme-Kopplung ist mit Sicherheit die beste Verwendung.

Timm Kehler ist Sprecher des Vorstandes der Initiative Zukunft Erdgas und Vorstand von Erdgas Mobil
Karsten Wiedemann
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Ressorts:
Governance | Technology | Community

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