BIZZ-Exklusiv
04.10.2013

„EU muss Industrie bei Klimaschutzvorgaben berücksichtigen“

Fotos: Arcelormittal
Frank Schulz, Deutschland-Chef Arcelormittal

Frank Schulz, Deutschland-Chef des weltgrößten Stahlkonzerns Arcelormittal, über Stahl für die Energiewende, die EEG-Umlage und Klimaschutz.

 

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BIZZ energy today: Welche Rolle spielt Stahl für die Energiewende?

Frank Schulz: Ohne technischen Fortschritt ist die Energiewende nicht zu meistern, und dafür brauchen Sie Stahl. Denken Sie nur an Windanlagen oder effiziente Gasturbinen.

Ihre Branche freut sich also über die neue Nachfrage? 

So wie die Energiewende aktuell läuft, ist sie eher eine Bedrohung für die Stahlbranche in Deutschland. Wir profitieren nur zu einem kleinen Teil. In Deutschland produziert Arcelormittal pro Jahr acht Millionen Tonnen Stahl, 40.000 bis 50.000 Tonnen davon für Windenergieanlagen. Wir reden also über einen relativ kleinen Teil. Auf der anderen Seite verursacht der Ausbau der erneuerbaren Energien sehr hohe Kosten.

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Von denen Sie als energieintensives Unternehmen befreit sind.

Wir sind entlastet, dennoch zahlen wir pro Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag, den unsere internationalen Wettbewerber in Europa und der Welt nicht zahlen müssen. Ohne die Befreiung wären einige Standorte schon gar nicht mehr wirtschaftlich. Jeder Cent pro Kilowattstunde zusätzlich würde uns 25 Millionen Euro pro Jahr kosten. Das kann nicht so weitergehen.

Sie fordern eine Kurskorrektur?

Wir brauchen ein Moratorium für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Aktuell läuft das unkontrolliert und ungebremst ab. Vor allem darf es keine Mehrbelastungen für die Industrie geben. Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. In der Stahlbranche werden Investitionsentscheidungen für 20 Jahre und mehr getroffen. Wir müssen uns  darauf verlassen können, dass Entscheidungen Bestand haben.

Welche meinen Sie?

Wir haben in Eisenhüttenstadt 50 Millionen Euro in ein neues Kraftwerk investiert, indem wir die Gase, die bei der Produktion entstehen, verstromen. Wenn nun das Eigenstromprivileg in Frage gestellt wird, ist unsere gesamte Planungsgrundlage dahin.

Beim Emissionshandel will die EU-Kommission eingreifen und die Zertifikate verknappen.

Das sorgt für Unsicherheit, weil damit die Marktmechanismen ausgehebelt werden.  Das größere Problem sind aber die langfristigen Klimaschutzvorgaben der EU.

Bis 2050 sollen die Treibhausgas-Emission nach den Plänen der EU um 80 Prozent sinken. 

Das ist für die Stahlbranche unrealistisch. Wir haben seit 1990 die Emissionen bei der Rohstahlfertigung um 15 Prozent reduziert. Jetzt haben wir eine Grenze erreicht. Mit aller zur Verfügung stehenden Technologie könnten wir theoretisch die Emissionen vielleicht um insgesamt 30 bis 35 Prozent senken, das wäre wirtschaftlich aber absolut nicht mehr darstellbar. Die EU sollte diese Tatsachen bei den Klimaschutzvorgaben für die Industrie berücksichtigen.

Kann CCS helfen die Emissionen zu reduzieren?

Die Verfahren sind noch nicht marktreif, außerdem ist CCS in Deutschland auch nicht gewollt. Aber selbst mit der Abscheidung von Kohlendioxid sind keine Einsparungen von 80 Prozent machbar.

Welche Rolle spielt das Recycling?

Sie können Stahl immer wieder recyceln. Aktuell haben wir an unseren Standorten eine Quote von 32 Prozent. Das wird auch noch etwas steigen. Die Frage ist, ob genügend Schrott in ausreichender Qualität verfügbar ist. Pro Jahr werden immer noch 19 Millionen Tonnen Schrott aus Europa exportiert. Aber selbst wenn alle Ströme erfasst werden könnten, wäre weiterhin der Hauptanteil der Rohstahlproduktion aus Erz notwendig.

 

Frank Schulz ist seit 2009 Deutschland-Chef und Vice President Europe von Arcelormittal, dem größten Stahlunternehmen der Welt. Seine Karriere begann der Ingenieur für Hüttenkunde und Materialwissenschaft bei der EKO Stahl in Eisenhüttenstadt.

 

 

Karsten Wiedemann
Keywords:
ArcelorMittal | Stahl | EU | Klimaenergie
Ressorts:
Technology | Markets

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