BIZZ-Exklusiv
08.04.2013

„Kein Geld ins Wasser schmeißen“

Tennet
Lex Hartman ist seit 2010 Mitglied der Geschäftsführung bei Tennet.

Tennet-Geschäftsführer Lex Hartman spricht im Interview mit BIZZ energy today über einem Verfehlen der Offshore-Ziele der Bundesregierung, fehlende Windturbinen und ‚Stranded Assets‘.

BIZZ energy today: Herr Hartman, 2012 warnten Sie, die Haftungsregeln seien der Tod für die Offshore-Windkraft in Deutschland. Müssen wir jetzt das Grablied singen?

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Lex Hartman: Der damalige Entwurf war tatsächlich dramatisch. Mit diesen Regeln hätten sich keine Investoren mehr gefunden.

BIZZ e.t.: Es gab Veränderungen, die Haftungssummen wurden gedeckelt. Wie reagieren die Investoren auf das neue Gesetz?

Hartman: Die Schlange der Investoren ist länger geworden, es gibt genügend Interesse.

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BIZZ e.t.: Wie etwa Mitsubishi, die sich mit über einer halben Milliarde Euro an vier Kabelverbindungen in der Nordsee beteiligen.

Hartman: Die Transaktion war schon ein Jahr in der Schublade. Aber ohne das Gesetz  hätte der letzte Schritt nicht getan werden können. Es gibt aber auch Investoren, mit denen wir schon in Gesprächen waren, denen die neuen Regeln mit zu vielen Risiken behaftet sind. Sie haben dann nein gesagt. 

BIZZ e.t.: Sie sprechen auch mit der Allianz, wie kürzlich zu lesen war.

Hartman: Das kann ich nicht bestätigen. Wir reden mit Investoren in jedem Fall nicht über einen Einstieg bei Tennet, sondern über konkrete Offshore-Projekte. 

BIZZ e.t.: Offenbar schrecken manche Investoren wegen der Unbundling-Vorschriften der EU zurück. Streng ausgelegt, darf ja kein Investor irgendwo auf der Welt ein Kraftwerk besitzen, wenn er in Deutschland in das Stromnetz investieren will.

Hartman: Wenn das tatsächlich so ausgelegt würde, dann gäbe es keine Investoren mehr. Wir haben das Thema in Brüssel schon angesprochen und dort scheint man es ähnlich zu sehen. Ich hoffe, dass es hier Regelungen geben wird. 

BIZZ e.t.: Läuft Ihnen nicht die Zeit davon? Die Bundesnetzagentur hat Tennet mangels Kapital die Zertifizierung verweigert.

Hartman: Der Vorwurf, dass wir zu wenig Kapital haben, ist absurd. Tennet hat ein stabiles A-Rating. Und unsere bestehenden elf Offshore-Projekte sind durchfinanziert. Wir haben damit bereits deutlich über sieben Milliarden Euro in die deutsche Energiewende investiert, so viel wie niemand sonst. Aber natürlich sind die Offshore-Anbindungen in Deutschland für einen einzelnen Netzbetreiber eine besondere Herausforderung. 25 Gigawatt Offshore-Windenergie sind in der Planungspipeline. Die immensen Kosten für die Anschlüsse hierfür können wir nicht allein finanzieren. Das versteht sich von selbst. Das ist eine außergewöhnliche Situation. Außerdem hat die Bundesnetzagentur auch bestätigt, dass wir ohne Zertifizierung weiter arbeiten können.

BIZZ e.t.: In den Niederlanden erwägt Tennet einen Börsengang. Wäre das auch in Deutschland eine Option?

Hartman: Nein, bei der Kapitalbeschaffung für unser deutsches Investitionsportfolio kommen wir gut voran. Aber der Kapitalbedarf für die Investitionen in das niederländische Netz muss noch gedeckt werden. Und das kann entweder durch eine Kapitaleinlage des Gesellschafters, also des niederländischen Staates, geschehen oder durch eine Teilprivatisierung über eine Minderheitenbeteiligung. In den nächsten zehn Jahren werden wir circa 13 Milliarden Euro investieren, etwa fünf Milliarden Euro in das niederländische und acht Milliarden Euro in das deutsche Netz an Land und auf See.

BIZZ e.t.: Tennet ist allein für die Anschlüsse in der Nordsee zuständig. Wäre es nicht konsequenter, eine separate Übertragungsnetzgesellschaft mit dem Offshore-Ausbau zu betrauen?

Hartman: Das war unser Vorschlag und dazu stehen wir weiterhin. Der Ausbau aller deutschen Übertragungsnetze auf hoher See und an Land kostet circa 40 Milliarden Euro für die bestehenden und zukünftigen Projekte. Ein großer Teil der Kosten entfällt auf Gleichstromverbindungen, Offshore und an Land. Die Idee, das zusammen zu machen, ist nur logisch. Wir haben die anderen Netzbetreiber eingeladen, aber die wollen nicht. Sie scheuen das Risiko. 

BIZZ e.t.: Sie plädieren dafür, dass sich die KfW am Offshore-Netzausbau beteiligt.

Hartman: Es wäre doch nur folgerichtig, wenn die Regierung mit den Haftungsregeln nicht nur die Bedingungen dafür schafft, dass der Kapitalmarkt einsteigt, sondern es über die KfW auch selbst tut. Damit könnte die Regierung zeigen, dass sie hinter den Beschlüssen steht. Das wäre ein gewaltiges Signal auch an andere Investoren.

BIZZ e.t.: In den kommenden zehn Jahren sollen Offshore-Windparks mit einer Leistung von 12,8 Gigawatt ans Netz gehen. Derzeit sind gerade mal 300 MW am Netz. Warum?

Hartman: Wir haben im letzten Jahr nur über Verspätungen von Netzanbindungen geredet und nie über die Verspätung der Windparks. Da gibt es aber massive Probleme. Zum Beispiel ist nicht klar, ob es genügend  Turbinen gibt.

BIZZ e.t.: Wie bitte? Die Hersteller leiden doch alle unter den Überkapazitäten.

Hartman: Es fehlt an Windturbinen, Schiffen und Infrastruktur. Es gibt viele Projektentwickler, die noch keine Investitionsentscheidung getroffen haben, obwohl wir schon an den Konverterplattformen arbeiten. Zum Beispiel unser neues Netzanbindungsprojekt ‚Dolwin3‘ mit einer Kapazität von 900 Megawatt. Ganz sicher wird ein Windpark mit nicht ganz 300 Megawatt angebunden werden. Welche Windparks die freien Kapazitäten dann noch nutzen werden, steht heute noch nicht fest. Solche Offshore-Anbindungen bedeuten Millardeninvestitionen. Wenn die Windparkbetreiber sich entschließen, nicht zu bauen, dann stehen dort Plattformen ohne Anschlüsse, dann haben wir die viel zitierten ,Stranded Assets‘.

BIZZ e.t.: Woran liegt das?

Hartman: Für ein paar Millionen Euro einen Park planen, kann jeder. Wir brauchen Transparenz, wer wirklich baut. Die vom Bundesumweltministerium gegründete Offshore-Stiftung sagt, mehr als sechs bis sieben Gigawatt in zehn Jahren seien nicht machbar. 

BIZZ e.t.: Das Ziel der Bundesregierung wäre damit verfehlt.

Hartman: Der Einschätzung der Offshore-Stiftung messen wir große Bedeutung bei. Wir müssen einfach wissen, welcher Teil der Offshore-Planungen wirklich realistisch ist, damit wir keine unnötigen Anschlüsse bauen. Es ist nicht effizient, wenn wir per Gesetz Geld ins Wasser schmeißen. Denn die Kosten belasten am Ende den Verbraucher.

BIZZ e.t.: Warum wird nicht gebaut?

Hartman: Das weiß ich nicht, ich beobachte es aber. Es gibt Pläne für 25 Gigawatt an Offshore-Windparks. Ich bin aber sicher, dass die nicht alle gebaut werden, obwohl die Betreiber heute sagen, dass sie auf jeden Fall bauen. Aber würden Sie heute investieren, wenn Sie wüssten, dass in fünf oder zehn Jahren die Turbinen nur noch die Hälfte kosten?

BIZZ e.t.: Zum Thema Akzeptanz: Minister Altmaier schlägt vor, Bürger zu Investoren des Netzausbaus zu machen. Sie betreiben ein Pilotprojekt. Wie funktioniert das konkret?

Hartman: Wir bauen eine Stromtrasse zwischen Brunsbüttel und Niebüll neu. Es geht um circa 150 Kilometer. Die Bürger können sich mit kleinen Beiträgen ab 1.000 Euro an den Baukosten beteiligen. Die Rendite wird bei 4,5 bis fünf Prozent liegen. Das ist von den Kapitalmarktbedingungen abhängig.

BIZZ e.t.: Wie viel Geld sammeln Sie ein?

Hartman: In dem betroffenen Gebiet wohnen 300.000 bis 400.000 Menschen. Die Höhe der Bürgerbeteiligung kann bei 40 Millionen Euro, maximal 15 Prozent des Investitionsbudgets liegen. Für uns ist das viel Aufwand. Es ist sicherlich nicht der Weg, um Kapital einzusammeln. Anders gesagt: Der Erfolg ist, dass die Bürger in der Region mitmachen, nicht, dass wir von ihnen 40 Millionen Euro bekommen. Aber Akzeptanz brauchen wir nicht nur von den Bürgern, sondern auch von den lokalen Behörden und Politikern.

Lex Hartman ist seit 2010 Mitglied der Geschäftsführung der Tennet TSO GmbH mit Sitz in Bayreuth. Der studierte Jurist ist zudem Geschäftsführer für die Unternehmensentwicklung beim nierderländischen Mutterkonzern, der das an die Nordsee grenzende Übertragungsnetz 2009 von Eon übernahm. Der Netzbetreiber ist zu 100 Prozent in niederländischem Staatsbesitz.

 
Foto Startseite: Alpha Ventus, Jan Oelker
 

 

Joachim Müller-Soares
Karsten Wiedemann
Keywords:
Lex Hartman | Tennet | Netzanschluss | Offshore Windenergie | KfW | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
Markets

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