Fukushima
08.03.2013

„Kein Konsens in der japanischen Gesellschaft“

Shutterstock.com
Weiter ein zartes Pflänzchen: Die Anit-AKW-Bewegung in Japan.

Zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima wird in Japan um die Zukunft der Atomkraft gerungen. Der Soziologe Ortwin Renn sieht im Interview mit BIZZ energy today Parallelen zur Situation im Deutschland der siebziger Jahre.

BIZZ energy today: Herr Professor Renn, Japans neuer Regierungschef Shinzo Abe will nicht nur abgeschaltete AKWs wieder in Betrieb nehmen, sondern zusätzlich neue bauen. Was bedeutet das für die Menschen in Japan?

Anzeige

Ortwin Renn: Viele Japaner, die angesichts der temporären Abschaltung der Kernkraftwerke auf ein Umdenken in der Politik gehofft hatten, werden sicher sehr enttäuscht sein. Auch glaube ich nicht, dass das erneute Anfahren der AKW geräuschlos geschehen wird. Die lokale Opposition, die in den letzten beiden Jahren sehr erstarkt ist, wird sich der Atompolitik der neuen Regierung keineswegs kampflos beugen.

Anzeige

BIZZ e.t.: Wird das die noch junge Anti-AKW-Bewegung in Japan eher zurückwerfen oder stärken?

Renn: Die japanische Anti-Kernkraftbewegung wird sehr stark von regionalen und lokalen Initiativen geprägt. Die Situation ähnelt der Lage in Deutschland in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 

BIZZ e.t.: Sie meinen noch bevor 1980 die Partei „Die Grünen“ gegründet wurde?

Renn: Ja, bis dato fehlte in Deutschland eine treibende politische Kraft, die eine nationale Plattform für eine effektive Anti-Kernkraftpolitik betreiben konnte. Insofern glaube ich auch, dass die japanischen Kernkraftgegner auf nationaler Ebene eher geschwächt werden. Auf lokaler Ebene hingegen, könnten sich die regionalen Politiker mit den neu entstandenen Anti-Kernkraftinitiativen verbünden und gemeinsam den zentral getroffenen Regierungsbeschlüssen trotzen. Wir werden sehen, ob diese neuen Bündnisse politisch stark genug sind, um sich gegen die mächtige Zentralregierung Japans durchsetzen zu können.

BIZZ e.t.: Bewertet die Regierung der drittgrößten Weltwirtschaft die wirtschaftliche Schwäche stärker als die Angst vor einem neuen Atomunglück? 

Renn: Wenn man den neuesten Umfragen trauen kann, ist die Sorge vor einer nuklearen Katastrophe in Japan im Vergleich zu den gestiegenen Befürchtungen vor einem wirtschaftlichen Abstieg zurückgegangen. Insofern reflektiert der neue Beschluss der japanischen Regierung die Stimmung eines breiten Teils der Bevölkerung. Dennoch sind weiterhin mehr als 50 Prozent der Japaner der Meinung, dass die Kernenergie langfristig keinen wesentlichen Beitrag zur Energieerzeugung mehr leisten sollte. Die Regierung muss also auf die Stimmung in der Bevölkerung achten. Wahrscheinlich wäre es politisch klüger, den Beschluss über einen Atomausstieg so lange zurückzuhalten, bis sich die wirtschaftliche Lage verbessert. Dadurch würde man sich alle Optionen offen halten.


Der renommierte Soziologie war Mitglied der Töpfer-Kommission zum deutschen Atomausstieg. Bild: acatech

BIZZ e.t.: Vor der nuklearen Katastrophe in Fukushima glaubten die Japaner, dass Kernenergie eine sichere Technologie sei, die man beherrschen könne. Diese Theorie ist nun widerlegt. 

Renn: Auch heute glauben noch viele Köpfe in Japan, dass die Kernenergie durch neue Reaktortypen und erhöhte Sicherheitsanforderung eine zu beherrschende Technologie sei. Zwar wird aktuellen Meinungsumfragen zufolge die Sicherheit der Kerntechnik insgesamt infrage gestellt, aber schon vor Fukushima glaubte die Mehrheit der Japaner nicht unbedingt an die Beherrschbarkeit von Kernenergie. Damals konnte oder wollte man sich aber zu diesem Thema nicht eindeutig äußern. Das hat sich mit der Katastrophe dramatisch geändert. Dennoch stößt die Regierung durch ihr Versprechen, die Sicherheit der Kernkraftwerke auch gegen die Gewalt großer Naturkatastrophen zu verbessern, auf positive Resonanz in der breiten Bevölkerung.

BIZZ e.t.: Warum ist der Atomausstieg in Japan noch nicht endgültig?

Renn: Die Ankündigung der vorherigen Regierung, mittelfristig aus der Kernenergie auszusteigen, hat in Japan ein geteiltes Echo hervorgerufen. Ähnlich wie bei dem Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Regierung in Deutschland haben wichtige wissenschaftliche Vereinigungen sowie industrielle und wirtschaftliche Verbände in Japan gegen die Ankündigung protestiert. Es herrscht also kein Konsens in der japanischen Gesellschaft. Allerdings wird es angesichts der breiten Diskussion um kerntechnische Risiken nicht mehr so einfach sein, Sicherheitsfragen in kleinen geheimen Zirkeln zu verhandeln oder Mängel bei der Sicherheitsausstattung zu übergehen. Ob Japan in Zukunft weiter auf Kernenergie setzen wird, zeigt die aktuelle Stimmungslage nicht wirklich.

BIZZ e.t.: In Deutschland sieht das anders aus: Die Abkehr von der Energiewende scheint undenkbar, oder?

Renn: Die Ethikkommission hat sich einstimmig für einen Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie entschieden. Dadurch ist ein breiter Konsens in der Gesellschaft entstanden. Darunter auch in solche Gesellschaftsgruppen, die in der Vergangenheit eher für den Ausbau von Kernenergie eingetreten sind. Zwar gibt es immer noch Befürworter von Kernenergie, etwa Vertreter einzelner Energieunternehmen, die vehement gegen den Ausstieg Deutschlands kämpfen. Sie werden aber weder von den wichtigen ökonomischen oder gesellschaftlichen Gruppen unterstützt, noch finden sie Resonanz in der breiten Bevölkerung. Das beste Beispiel dafür, dass Deutschland sich endgültig von der Kernenergie verabschiedet hat, ist die Entscheidung des Siemens-Konzerns, ganz aus dem Nukleargeschäft auszusteigen.

Ortwin Renn ist Soziologieprofessor an der Uni Stuttgart. Er war Mitglied der Töpfer-Kommission zum deutschen Atomausstieg. 

 

Niels Hendrik Petersen
Keywords:
Fukushima | Ortwin Renn | Atomausstieg | Japan | Antiatombewegung
Ressorts:
Governance

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen