Exklusiv-Interview
29.06.2012

„Keinen Keil hineinwerfen“

Thüga
Ewald Woste wurde gerade im Amt als BDEW-Präsident bestätigt.

Ewald Woste, Thüga-Vorstandschef und BDEW-Präsident, wagt den Helikopterblick auf die Energiewende. Ein Gespräch über Gleichbehandlung, die Rolle der Stadtwerke und den russischen Energieriesen Gazprom.

BIZZ energy today: Herr Woste, was erwarten Sie von Peter Altmaier als Bundesumweltminister?

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Ewald Woste: Die ersten Zeichen, die er gesendet hat, stimmen uns optimistisch. Ihm geht der Ruf voraus, dass er eine sehr vermittelnde, einbindende Person ist. Dieser Charakterzug ist für die komplexen Aufgaben der Energiewende sicher sehr wichtig.

BIZZ energy today: Nach eigener Aussage hat der Minister sein nächtliches Schlafpensum auf drei Stunden reduziert. Welche Frage ist für ihn die kniffligste?

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Woste: Wie bringt man die einzelnen Bundesländer dazu, ihre eigenen Konzepte für die Energie­wende mit der Bundesregierung abzustimmen? Das Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin und Herrn Altmaier Ende Mai war hoffentlich der Auftakt zu einer konzertierten Aktion.

BIZZ energy today: Der Industrieverband BDI begrüßte den neuen Umweltminister mit den Worten: „Die deutsche Industrie will und braucht den Erfolg der Energiewende“. Das hörte sich vor einem Jahr noch ganz anders an.

Woste: Unternehmer können sich eben relativ schnell auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Das meine ich ganz und gar positiv, dafür gibt es in der Geschichte der deutschen Industrie viele imposante Beispiele. Klar, viele Topmanager und Unternehmer bewerteten die Energiewende vor einem Jahr skeptisch. Inzwischen haben sich aber die allermeisten gesagt: So sind nun mal die Rahmenbedingungen, jetzt suchen wir darin unseren wirtschaftlichen Erfolg. Wir passen unsere Prozesse an, entwickeln neue Produkte. Wir blicken nach vorn. Jetzt, wo die Maschine angelaufen ist, darf man keinen Keil hineinwerfen, in der Hoffnung, alles wieder umzudrehen. Die Energiewende muss jetzt funktionieren. Die Koordination ist eine Herkulesaufgabe.

BIZZ energy today: Braucht Deutschland einen Energieminister?

Woste: Meine Antwort ist eindeutig: Ja. Aber man muss realistisch bleiben. Vor den Bundes­ tagswahlen 2013 wird niemand mehr ein neues Ministerium einführen. Nach 2013 stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Langfristig ist es sicherlich sinnvoll, die verschiedenen Aufgaben der Energiewende in einem Ministerium zu bündeln.

BIZZ energy today: Geht Ihnen der Ausbau der erneuerbaren Energien zu schnell?


Ewald Woste: Ja, wenn man die einzelnen Pläne der verschiedenen Bundesländer addiert. Deshalb muss das dringend zentral koordiniert werden. Ich bin zum Beispiel sehr dafür, den Bau neuer Windparks an den Ausbau der Netzinfrastruktur zu koppeln. Immerhin gibt es jetzt einen Netz­Entwicklungsplan mit einer Prioritätenliste, wo neue Leitungen gebaut werden sollen. Das ist ein erster Schritt. Wir dürfen am Ende nur das zubauen, was wir auch mit Leitungen abtransportieren können.

BIZZ energy today: Das sagen Sie sicher auch mit Blick auf die kommunalen Verteilnetze, die in der Regel Stadtwerken gehören. Was ist in diesem Bereich zu tun?

Woste: Wir brauchen neue Anreize. Netze sind natürliche Monopole und es war demnach richtig, im Zuge der geltenden Anreizregulierung Wettbewerb zu simulieren. Diese ist jedoch auf Effizienzsteigerungen und nicht auf den Ausbau und Umbau der Netze ausgerichtet. Sie muss durch eine Ausbaukomponente ergänzt werden.

BIZZ energy today: Wie soll die Ihrer Meinung nach aussehen?

Woste: Die Gretchenfrage lautet: Wie belohnen wir Innovationen, wie zum Beispiel die Einführung intelligenter Netze? Diese vielzitierten Smart­Grid­Technologien brauchen wir vor allem in den Verteilnetzen, weil dort die Schnitt­ stelle zum Endkunden liegt. Und dort werden rund 80 Prozent der erneuerbaren Energien eingespeist. Trotzdem werden die Verteilnetzbetreiber diskriminiert.

BIZZ energy today:Wie bitte?

Woste: Seit Februar dieses Jahres können sich die vier Übertragungsnetzbetreiber ihre Ausbaumaßnahmen gemäß Paragraph 23 der Anreizregulierungsverordnung genehmigen lassen. Wir Verteilnetzbetreiber dürfen das nicht.

BIZZ energy today: Wo liegt konkret das Problem?

Woste: Baut ein Stadtwerk sein Netz aus, kann es diese Kosten nicht sofort in Form von höheren Durchleitungsgebühren geltend machen, sondern muss lange warten, zum Teil bis zu vier oder fünf Jahren. Da hilft uns auch der Erweiterungsfaktor für neue Versorgungsleistungen nicht – der spiegelt nicht die unternehmerische Realität wieder. In Summe wird der Netzausausbau für das Stadtwerk zum betriebswirtschaftlichen Unfug, so wichtig er technisch gesehen auch wäre.

BIZZ energy today: Wirklich? Die Bundesnetzagentur gewährt Investoren beim Netzausbau eine Vorsteuerrendite von aktuell 9,29 Prozent. Auch in der nächsten Regulierungsperiode wird die Zinsobergrenze über neun Prozent liegen. Das ist doch angesichts der allseits niedrigen Zinsen eine üppige Rendite.

Ewald Woste: Die tatsächliche Vorsteuer­Rendite liegt viel niedriger, bei nur 4,1 Prozent. Das liegt vor allem an dem langen Zeitraum von bis zu fünf Jahren, in dem Stadtwerke ihre Netzinvestition vorfinanzieren. In dieser Zeit dürfen sie weder Abschreibungen vornehmen noch die Durchleitungsgebühren erhöhen. Die vier Übertragungsnetzbetreiber ...

BIZZ energy today: ... Tennet, Amprion, 50 Hertz und TransnetBW ...

Ewald Woste: ... diese vier Übertragungsnetzbetreiber dürfen das. Wir fordern Gleichbehandlung. Sonst können wir die erneuerbaren Energien nicht angemessen in unsere Netze integrieren und die Verteilnetze könnten sich zum Flaschen­ hals der Energiewende entwickeln.

BIZZ energy today: Warum wird dieses Thema eigentlich nur in Fachkreisen, aber nicht in Talkshows diskutiert?

Woste: Medial ist es sicher spannender für Politiker, über die Anbindung großer Windparks in der Nord­ oder Ostsee und die dafür notwendigen Übertragungsnetze zu reden. Aber darüber dürfen wir die Verteilnetze nicht vergessen. In diesem Punkt schöpfen wir in jüngster Zeit neue Hoffnung: Der neue Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, hat sich in unseren ersten Gesprächen dafür sehr offen gezeigt.

BIZZ energy today: Wieviel Geld würde der Ausbau der kommunalen Stromnetze kosten?

Woste: Laut einer Studie unseres Branchendachverbandes BDEW benötigen die deutschen Verteilnetze bis 2020 Investitionen von bis zu 27 Milliarden Euro. Allein die Thüga-Gruppe würde der Ausbau unserer 26.600 Kilometer langen Stromverteilnetze rund zwei Milliarden Euro kosten.

BIZZ energy today: Auf dem Weg ins Zeitalter der Erneuerbaren soll Erdgas eine wichtige Rolle spielen. Werden Sie als Thüga denn neue Gaskraftwerke bauen?

Ewald Woste: Nein, das werden wir nicht.

BIZZ energy today: Warum nicht?

Woste: Weil sich Investitionen in Gaskraftwerke nicht rechnen. Die Gaspreise sind zu hoch und die Strompreise relativ gering. Bessere Marktbedingungen sind nicht in Sicht, im Gegenteil: Künftig wird der Anteil vom Ökostrom im Netz immer weiter steigen – als Folge des Einspeisevorrangs für die erneuerbaren Energien. Für Strom aus Erdgas wird also weniger Platz sein, ergo verringern sich die Laufzeiten der Gaskraftwerke, was sie noch unattraktiver macht. Das ist natürlich problematisch, denn alle Experten sind sich einig: Nach 2020 werden wir Gaskraftwerke als Reservekapazitäten für die fluktuierende Wind- und Solarenergie benötigen.
Trotzdem verspürt niemand Lust, neue Gaskraftwerke zu bauen.

BIZZ energy today: Wie lange das wohl gutgeht?

Ewald Woste: Die nächsten zwei bis drei Jahre müssen wir mit den vorhandenen Kapazitäten leben und diese mit Stromimporten aufstocken. Danach muss die Bundesregierung entscheiden, ob sie das Bereitstellen von Reservekapazitäten fördert, etwa indem sie Prämien dafür zahlt. Der Bau eines neuen Gaskraftwerks dauert zwischen drei und fünf Jahre. Das heißt: 2015 müssen wir die Weichen für Reservekapazitäten nach 2020 stellen.

BIZZ energy today: Ist es denkbar – und wünschenswert –, dass der russische Staatsmonopolist Gazprom in den kommenden Jahren den deutschen Stadtwerken dabei hilft, Gaskraftwerke zu bauen und rentabel zu betreiben?

Ewald Woste: Warum nicht? Wir als Thüga sind offen für ausländische Marktpartner, auch aus Russland. Das ist wirklich meine Grundüberzeugung, wir reden mit allen Marktteilnehmern, die uns Lösungen anbieten, etwa zum Thema Gaskraftwerke. Vor dem Hintergrund der Energiewende können es sich die deutschen Unternehmen auch gar nicht leisten, auf solche Gespräche mit potenziellen ausländischen Partnern zu verzichten.

Zur Person:
Ewald Woste ist Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) – im Ehrenamt. Hauptberuflich führt er die Thüga-Gruppe, einen Verbund von 90 Stadtwerken.Woste studierte in Paderborn Wirtschaftswissenschaften und stieg bei den dortigen Stadtwerken als Prokurist ein. 2004 wurde er Chef der Frankfurter Mainova-Stadtwerke. Von dort wechselte er 2007 zur Thüga – als diese noch zum Eon-Konzern gehörte. Weil er beide Welten gut kennt, kann Woste als Vermittler agieren – zwischen den vier Stromkonzernen und den rund 900 Stadtwerken in Deutschland.

Joachim Müller-Soares
Keywords:
Energiepolitik | Netzausbau
Ressorts:
Governance

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