BIZZ-Exklusiv
20.11.2013

„Moratorium für Offshore-Windenergie“

Fotos: Siemens/VZBV
Holger Krawinkel leitet die Abteilung Energie beim Verbraucherzentrale Bundesverband

Die Verbraucherzentrale warnt vor den Milliarden-Kosten der Offshore-Windkraft. Im Interview mit BIZZ energy today fordert der Energieexperte Holger Krawinkel einen vorübergehenden Stopp für neue Projekte.

BIZZ energy today: Herr Krawinkel, Sie opponieren schon länger gegen die Offshore-Windkraft. Nun ist im Koalitionsvertrag vereinbart worden, das Ausbauziel bis 2020 von zehn auf 6,5 Gigawatt abzusenken. Sind Sie jetzt zufrieden?

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Holger Krawinkel: Ja und Nein. Ja, weil eine erste Anpassung an die Realität vorgenommen wurde. Selbst der Branche ist das klar. Nein, da auch die neuen Ziele weder energiewirtschaftlich begründet noch ohne zusätzliche Subventionen erreichbar sind. Eines der Grundprobleme lässt sich ohnehin nicht lösen: Die Anlagen stehen einfach zu weit draußen und zu tief im Meer. Ich fürchte, wir erleben bald die teuerste Form einer Seebestattung von technologischen Machbarkeitsphantasien.

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Warum?

Zunächst lassen die jetzigen Anlaufschwierigkeiten Rückschlüsse darauf zu, wie es weitergehen wird: Mit Pannen und teuren Verzögerungen. Im Augenblick, also Mitte November, liefern bis auf ein kleines Testfeld überhaupt keine Offshore-Anlagen Strom. Die technischen Probleme sind unübersehbar. Zum Teil ist der Netzanschluss nicht fertig, ein Windpark „fährt“ mit Diesel, damit er nicht verrostet. Der Schaden wird dann vor allem bei den kleinen Stromverbrauchern über die Offshore-Umlage abgeladen. Dann werden die Parks selbst nicht fertig, obwohl die Leitung bereits verlegt ist. Leerlaufkosten entstehen, die wiederum die Verbraucher zu zahlen haben.

Das sind Anlaufschwierigkeiten. Langfristig werden Offshore-Windparks viel grünen Strom liefern. Die jährliche Auslastung ist deutlich höher als an Land.

Sie ist kaum höher als an guten Küstenstandorten, wo ebenfalls hohe Erträge möglich sind. Aber Offshore ist in Deutschland aus den genannten Gründen pro Kilowattstunde sehr viel teurer, und wird es auch bleiben.

Wie teuer genau?

Zählen wir die Kosten zusammen: 19 Cent pro Kilowattstunde erhalten die Betreiber in den ersten acht Jahren. Geht man von der Vergütung über 20 Jahre aus und kalkuliert die Kosten auf den heutigen Wert, liegt die Vergütung bei etwa 12 bis 13 Cent. Offshore ist dann bis auf Biomasse, die Schwarz-Rot aber stoppen will, die teuerste grüne Stromquelle. Und das sind nur die Erzeugungskosten! Hinzu kommen etwa 3,5 Cent Kosten, um eine Kilowattstunde an Land zu bringen. Und noch einmal bis zu 1,5 Cent, um den Hochseestrom in die Verbrauchszentren im Süden zu transportieren. Da kostet selbst relativ teurer Windstrom in Bayern nur etwa die Hälfte.

Wie viel kosten die Offshore-Pläne der Regierung insgesamt?

Meiner Kalkulation nach stehen bei dem neuen Ausbauziel von 6,5 Gigawatt bis 2020 auf dem Preisschild mindestens 40, eventuell sogar 50 Milliarden Euro. Die gleiche Leistung mit konventioneller Windkraft an Land kostet ein Fünftel. Auch wenn damit nur etwa die Hälfte an Strom erzeugt werden kann, bleibt es eine katastrophale Performance. Es ist wie beim Transrapid: Klar, er war etwas schneller. Aber der Nutzen stand in keinem Verhältnis zu den enormen Kosten im Vergleich zu konventionellen Hochgeschwindigkeitszügen.

Moment mal: Offshore liefert rechnerisch an 4500 von 8760 Stunden pro Jahr volle Leistung. Das ist doch ein enormer Mehrwert im Vergleich zur Ausbeute von Onshore, die oft nicht mal halb so hoch liegt. Das entlastet das Stromsystem und macht weniger Speicherbau nötig.

Das ist schlicht falsch. Zwar sind längere Flauten auf dem offenen Meer seltener. Aber es kann auch dort mal eine Woche lang nur ein laues Lüftchen wehen. Das heißt: Offshore-Windkraft spart uns keine einzige Gasturbine als Reservekraftwerk. Die Kosten für das sogenannte Backup im System bleiben exakt gleich. Im Gegenteil, meiner Einschätzung nach würde Offshore im Gegensatz zu Windkraft in Süddeutschland die Systemkosten sogar noch erhöhen.

Wie das?

Zum einen natürlich durch den nötigen Ausbau der Nord-Süd-Stromtrassen. Zum anderen führt das Erzeugungsprofil von Offshore zwangsläufig zu einer höheren Gleichzeitigkeit mit der Solarenergie als Onshore. Da die Erzeugungsspitze der Solarkraftwerke schon jetzt sehr hoch ist und in Zukunft natürlich mit dem Ausbau noch weiter ansteigt, führt Offshore verstärkt zu Überkapazitäten, was entweder die Wirtschaftlichkeit der Seewindanlagen vermindert oder, falls sie nicht abgeregelt werden, zu weiterem Netzausbau. So werden die Regelungs- und Netzkosten und natürlich auch die Entschädigungen, die an die Betreiber bei Notabschaltung gezahlt werden müssen, durch Offshore überproportional steigen.

Was sollte die Politik also tun?

Wenn wir ein Milliardengrab ernsthaft verhindern wollen, muss ein vollständiges Moratorium für neue Projekte verhängt werden. Ab 2017 könnte man die Offshore-Windkraft ganz behutsam weiterführen, aber nur, wenn die Anbieter zu konkurrenzfähigen Preisen liefern können. Ich glaube allerdings überhaupt nicht an die Versprechungen der Branche, die Kostensenkungspotentiale von bis zu 40 Prozent als möglich ansieht. Noch ist längst nicht klar, ob die Mühlen die hohe Konzentration von Salz in der Luft und die heftigen Winterstürme länger als 10 Jahre überstehen. Um Erfahrungen zu sammeln reichen die ersten 3 bis 4 Gigawatt aus, die bis 2017 errichtet werden. Als Fördermodell böten sich danach Ausschreibungen an, und zwar von Windrädern und Netzanschluss gemeinsam, damit es künftig weder Geisterwindparks noch sinnlose „Steckdosen“ im Meer geben kann. Wenig hundert Megawatt Neubau pro Jahr wären aus energiewirtschaftlicher Sicht aber schon das Maximum.

Warum wird Offshore von der Bundesregierung trotz aller Probleme so treu unterstützt?

Es ist wie bei vielen Mega-Projekten: Am Anfang werden sie attraktiv gemacht, Zweifler werden bei Seite geschoben, negative Fakten ignoriert. Technische Probleme werden mit Startschwierigkeiten abgetan, Kosten systematisch nach unten gerechnet. Politiker aus der Region stehen in der Zwickmühle, weil sie mit Investitionen und Arbeitsplätzen gelockt wurden. Oft sind sie sogar in Vorleistung gegangen und können nicht mehr zurück. Irgendwann lassen sich die Probleme nicht mehr ignorieren. Dann beginnt ein quälender Ausstiegsprozess, weil keiner die Verantwortung tragen will. Ich vermute, dass dieser Moment bei Offshore kurz bevor steht. Aber es ist eben wie beim Transrapid: Der Abschied von Illusionen ist langwierig und schmerzhaft.

Holger Krawinkel leitet die Abteilung Energie beim Verbraucherzentrale Bundesverband

 

Jakob Schlandt
Keywords:
Offshore-Windenergie | Holger Krawinkel | EEG
Ressorts:
Markets

Kommentare

Schade, dass Herrn Krawinkel hier wieder ein Forum für seine polemischen Halbwahrheiten geboten wird, ausgerechnet während die europäische Offshore Windindustrie in Frankfurt Planungsicherheit fordert, um Kosten zu senken und Lösungen für die völlig überzogen dargestellten Probleme zu finden. Die aktuelle Studie zur energiewirtschaftlichen Bedeutung der Offshore Windenergie und die Kostensenkungsstudie aus dem Okober zeigen deutlich andere Fakten auf. Sicher wird BIZZ energy today auch darüber berichten.

Der obige Kommentar von Johannes Schiel würde was taugen, wenn er dem Herrn Krawinkel nicht polemische Halbwahrheiten unterstellen, sondern dessen Aussagen inhaltlich widerlegen und seine Richtigstellungen dazu geben würde. Nur so ließe sich auch vernünftig diskutieren.

Fakten helfen weiter. Die Offshore-Erzeugung ist sogar laut Planung (Mifri der ÜNB) mittel- bis langfristig die teuerste der Erzeugungsart der relevanten Erneuerbaren. Wer wirklich Kosten sparen will, sollte genau diesen industriepolitischen Größenwahnsinn sofort stoppen. Er wird nur deswegen gepusht, weil die Politiker der Küstenländer der bereits tatsächlichen und künftig vermeintlichen Arbeitsplätze wegen das wollen und weil die G4 das als ihren Rettungsanker entdeckt haben, der sie ein Stück weit aus der Misere des bislang verschlafenen Anschlusses an den EE-Ausbau herausführen soll.
Herr Krawinkel hat zu 100% recht.
Die Kostensenkungsstudie ist bei näherem Hinsehen zumindest fragwürdig. Man sollte sich von den vermeintlichen Kostensenkungspotenzialen nicht blenden lassen, auch wenn sie realisiert werden könnten, bleibt Offshore teuer - und überflüssig. Mit dem gleichen Geld ist dezentral und an Land viel mehr zu erreichen.

 

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