BIZZ-Exklusiv
12.06.2014

„Netzentgelte können sogar ein wenig sinken“

Bundesnetzagentur
Bundesnetzagentur-Präsident Jochen Homann

Jochen Homann, Deutschlands Chefregulierer für Energie, im Interview mit BIZZ energy today. Der Präsident der Bundesnetzagentur über neue Netzgebühren, Energie-Autarkie und Versorgungsrisiken ohne Kapazitätsmechanismen.

 

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BIZZ energy today | Müssen die Stromnetzentgelte reformiert werden?

Jochen Homann | Sobald die EEG-Reform abgeschlossen ist, wird sich die Bundesregierung mit diesem Thema befassen. Meiner Meinung nach müssen wir die Netzentgelte neu aufteilen.

Was bedeutet das konkret?

Homann | Der Anteil der Leistungsentgelte an den Netzentgelten sollte erhöht werden, um die wachsende Zahl der Energie-Autarken oder besser der sogenannten Energie-Autarken, stärker an den Netzkosten zu beteiligen. Dazu haben die Netzbetreiber heute schon die nötigen rechtlichen Möglichkeiten, das muss gar nicht behördlich vorgegeben werden. Die Netzentgelte, die sich ja aus Grundgebühren und Arbeitspreis zusammensetzen, müssen deswegen nicht steigen. Sie könnten sogar ein wenig sinken, wenn sich mehr an den Kosten des Netzes beteiligen.

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Sind die sogenannten Autarken denn gar nicht wirklich autark?

Homann | Wer sich mit einer PV-Anlage auf dem Dach selbst mit Strom versorgt, mag sich dafür halten, ist es aber nicht, denn er speist ins Netz ein oder bezieht daraus Energie, sobald die Sonne nicht scheint. Und er trägt mit seiner PV-Anlage dazu bei, dass das Netz ausgebaut oder zumindest stabilisiert werden muss. Für die Eigenkraftwerke der Industrie gilt genau das gleiche: Auch dort verzichtet niemand auf die Absicherung durch das Netz und die Vermarktung von Überschüssen über das Netz. Dann sollte man sich auch an der Finanzierung des Netzes beteiligen.

Machen unterschiedliche Strompreiszonen in Deutschland Sinn, wie sie einige liberale Ökonomen fordern?

Homann | Nein. Unterschiedliche Preiszonen machen vielleicht in der ökonomischen Theorie einen Sinn, weil sie Knappheiten anzeigen. Politisch wären sie jedoch das falsche Signal und auch nicht durchsetzbar. Es gibt für das von diesen Ökonomen beschriebene Problem nur eine technisch-physikalische Lösung: Die Netzengpässe in Deutschland müssen dringend beseitigt werden.

Das Geld zum Netzausbau soll auch von Finanzinvestoren kommen. Ist der regulatorische Rahmen attraktiv?

Homann | Ja, die Bundesnetzagentur gewährt Eigenkapital-Renditen vor Steuern von neun Prozent, das ist sehr attraktiv, etwa im Vergleich zu Staatsanleihen. Anfang 2013 waren einige Investoren verunsichert, weil aus ihrer Sicht die Entflechtungs-Regeln der EU den gleichzeitigen Besitz von Erzeugungsanlagen und Netzen erschwerten. Dieses Problem scheint gelöst: Ich höre darüber zumindest keine Klagen mehr.

Ein anderes anstehendes Thema ist die Einführung von Kapazitätsmärkten. Sind Sie dafür?

Homann | Ich persönlich bin dafür, zügig zu Entscheidungen über sogenannte Kapazitätsmechanismen zu kommen, um wieder mehr Planungssicherheit im Kraftwerksmarkt zu haben. Derzeit haben wir Überkapazitäten. Hierfür brauchen wir ein solches Instrument nicht. Aber was passiert, wenn die Überkapazitäten abgebaut sind? Werden dann die Börsenpreise so deutlich steigen, dass Investoren von sich aus neue Kraftwerke bauen? Unter dem Strich sehe ich persönlich in der Zukunft ohne Kapazitätsmechanismen Risiken für die Versorgungssicherheit. Die Gefahr ist, dass ohne einen Preis für Leistungen keine neuen konventionellen Kraftwerke gebaut werden.

Wie sollten Kapazitätsmärkte ausgestaltet werden?

Homann | In jedem Fall muss es eine europäische Ausgestaltung sein. Einen rein nationalen Markt für Leistungsentgelte darf es nicht geben, das wäre mit EU-Recht nicht vereinbar. Ich bin sehr für eine deutsch-französische Kooperationslösung zu Beginn; die Franzosen haben sich ja bereits für ein konkretes Modell entschieden, das ab 2016 gelten soll. Allerdings sehe ich noch Diskussionsbedarf, ob dieses auf die spezifischen französischen Marktverhältnisse zugeschnittene Modell, in Deutschland funktionieren kann. Auch mit unseren anderen Nachbarstaaten, insbesondere Österreich, sollten wir bei Kapazitätsmechanismen zusammenarbeiten. Je mehr Kooperationen, desto besser.

 

 

Jochen Homann

... ist seit März 2012 Präsident der Bundesnetzagentur und damit deutscher Chefregulierer für Energie, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen. Zuvor arbeitete der Diplom-Volkswirt im Bundeswirtschaftsministerium, anfangs als Redenschreiber für die FDP-Minister Martin Bangemann und Helmut Haussmann, zuletzt vier Jahre als beamteter Staatssekretär, zuständig u.a. für Energiepolitik.

 
Joachim Müller-Soares
Keywords:
Jochen Homann | Bundesnetzagentur | Netzentgelte | Eigenerzeugung | Strom | Stromversorgung
Ressorts:
Governance | Markets

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