BIZZ-Exklusiv
30.07.2013

„Niedriger Gaspreis ist für Förderer auf Dauer tödlich“

Wolfgang Pflüger, Volkswirt der Privatbank Berenberg, über die Situation von amerikanischen Frackingunternehmen, China als Schiefergasimporteur und unkonventionelles Erdgas in Deutschland.

BIZZ energy today: Herr Pflüger, trotz des Schiefergasbooms in den USA leiden die Förderunternehmen dort, wie etwa Cheasepeake, unter hohen Schulden. Droht hier eine Blase zu platzen?

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Wolfgang Pflüger: Unternehmen wie Cheaspeake und einige andere, die nur auf das Schiefergas setzen und keine anderen konventionellen Reserven besitzen, macht der gesunkene Gaspreis in den USA zu schaffen. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie die Erschließung über Kredite finanziert haben. Wenn nun die US-Notenbank die Zinsen anhebt, steigen die Kosten für die Refinanzierung und die Unternehmen geraten unter Druck. Das gilt vor allem für den Fall, dass der Gaspreis in den USA auf dem niedrigen Niveau verharrt. Ein Preisniveau von unter 2,50 Dollar, wie wir es schon hatten, wäre für diese Unternehmen auf Dauer tödlich.

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Sie rechnen also mit einer Marktkonsolidierung?

Ja, davon ist auszugehen. Es sei denn, die USA ringen sich dazu durch, den Export von Schiefergas zu erlauben. Das wäre für die Förderunternehmen vorteilhaft, denn die Gaspreise in Asien oder Europa sind ja höher.

Welche Rolle wird China beim Schiefergas spielen? Auch dort gibt es ja große Vorkommen.

Schiefergas wird in China vor allem für den Binnenmarkt eine Rolle spielen. Ob die Chinesen auch exportieren, ist fraglich. Die Vorkommen dort liegen vor allem im Norden, in wasserarmen Gebieten. Die Förderunternehmen müssen daher erstmal das Problem der Wasserversorgung lösen. Wie sich dann die Förderkosten dort insgesamt entwickeln, ist völlig offen.

Wer könnte also neben den USA zum Schiefergasplayer werden?

Von der Kostensituation sind andere Länder schlechter gestellt als die USA, weil sie entweder tiefer bohren müssen oder ein Wasserproblem haben.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Wir müssen erst mal abwarten, ob sich die hier vermuteten Schiefergas-Vorkommen auch als realistisch und förderbar erweisen. Dafür bedarf es Probebohrungen. Sollten sich die Reserven tatsächlich gewinnen lassen, wird dies schon einen positiven Effekt auf die Eigenversorgung mit Gas haben. Die Frage ist aber, ob wir überhaupt investieren müssen, oder nicht ohnehin von sinkenden Weltmarktpreisen profitieren können, auch ohne eigene Förderung. Ich bin da mittelfristig optimistisch.

Würden Sie Anlegern empfehlen, in Schiefergaswerte zu investieren?

Wir empfehlen eher auf ETFs auf Zertifikatebasis. Das ist zwar nicht ganz so aufregend. Ich gehe aber davon aus, dass wir hier weiter eine Outperformance sehen werden. Ein Thema sind zudem abgeleitete Positionen oder Derivate, mit denen man auf die sich anbahnenden Wettbewerbsunterschiede zwischen der Industrie in den USA und Europa anspielt.

 

Wolfgang Pflüger ist Volkswirt der Hamburger Privatbank Berenberg. Zusammen mit dem Hamburger Weltwirtschaftsinstitut hat er eine Studie zum Einfluss der Schiefergasförderung auf die Energiemärkte verfasst.

 
Karsten Wiedemann
Keywords:
BIZZ-Exklusiv | Bank Berenberg | Fracking | Schiefergas
Ressorts:
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