BIZZ-Exklusiv
10.06.2013

„Peter akzeptiert meine Haltung“

BMU; Titelbild PR
Der britische Energieminister Edward „Ed“ Davey mit seinem deutschen Amtskollegen Peter Altmaier

Der britische Energieminister Edward Davey über die Vorreiterrolle Großbritanniens bei der Speicherung von Kohlendioxid in der Nordsee, den Bau neuer Kernkraftwerke und über Bundesumweltminister Peter Altmaier.

BIZZ energy today: Herr Davey, steht in Großbritannien etwas Ähnliches wie die deutsche Energiewende bevor?

Anzeige

Edward „Ed“ Davey: Wir haben ein Äquivalent zur deutschen Energiewende, nämlich unsere Energiemarktreform. Im Moment beziehen wir zwei Drittel unserer Energie aus Kohle und Gas, wollen aber künftig mit weniger Emissionen wirtschaften. Daher setzen wir Anreize für Investitionen in CO2-arme Technologien. Dazu zähle ich alle Formen erneuerbarer Energien, aber auch Carbon Capture and Storage (CCS), um saubere Kohle zu produzieren. Und natürlich den Bau neuer Kernkraftwerke, den wir als „New Nuclear“ bezeichnen. 

Anzeige

Um welche Projekte geht es denn dabei konkret?

Wir verhandeln aktuell mit drei Konsortien. Der französische Staatskonzern EDF ist mit zwei möglichen Standorten im Rennen; einer davon ist Hinkley Point C in der Grafschaft Somerset, dort sind die Planungen am weitesten fortgeschritten. Das zweite Konsortium wird vom weltgrößten Energiekonzern GDF Suez geführt, das dritte vom japanischen Hitachi-Konzern. Der hat das Horizon-Projekt von RWE und Eon gekauft und will jetzt in Wylfa in Nord-Wales investieren. Das ist noch in einem sehr frühen Stadium, aber Hitachi hat bereits 700 Millionen Pfund für Horizon ausgegeben, das sehen wir als ein Vertrauensvotum in die britischen Nuklearpläne.

Nach der japanischen Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 betrieb die konservativ-liberale Bundesregierung Merkel in Berlin den Atomausstieg. In London hält die konservativ-liberale Regierung Cameron an der Kernenergie nicht nur fest, sondern verkündet sogar den Bau neuer Reaktoren. Wie passt das zusammen?

Wir haben damals unseren Chef-Nuklearinspektor Mike Waitman gebeten, die Ereignisse in Fukushima zu bewerten. Er hält die Wahrscheinlichkeit für extrem gering, dass so etwas wie Fukushima außerhalb Japans im europäischen oder im britischen Kontext geschehen könnte... 

... die Japaner selbst hatten eine solche Katastrophe auch für unmöglich gehalten. Vor diesem Hintergrund erscheint Ihr Argument ein wenig riskant, mit Verlaub.

Die britischen Kernkraftwerke sind sehr robust, und die britische Öffentlichkeit hat genauso reagiert wie die Regierung Cameron. Die Quintessenz der Meinungsumfragen damals war, dass wir unsere Kernkraftwerke beibehalten und unsere Atompolitik fortsetzen sollten. So funktioniert Demokratie.

Atomausstieg und Energiewende sind in Deutschland aufs Engste verknüpft. Wie reagiert ihr Amtskollege, Bundesumweltminister Peter Altmaier, wenn Sie mit ihm über Kernenergie sprechen?

Wir haben bislang nicht viel über neue Kernkraftwerke gesprochen. Peter akzeptiert meine Haltung. Und für mich ist es völlig ok, dass Deutschland sich für einen anderen Weg entschieden hat. Die Bundesrepublik hat sich den europäischen Abkommen verschrieben, nach denen der Energiemix Sache der Mitgliedsstaaten ist. Wir setzen genau wie die Bundesregierung auf das Subsidiaritätsprinzip und darauf, dass EU-Mitgliedsstaaten ihre bisherigen Kompetenzen behalten. 

Sie haben bei der Brüsseler EU-Kommission Privilegien für Atomstrom und andere CO2-arme Technologien beantragt, die an die deutschen Einspeisevergütungen für Ökostrom erinnern. Das klingt wie ein Gegenmodell zum deutschen Atomausstieg...

Wir setzen ganz klar auf die Kernenergie, weil sie eine CO2-arme Art der Energieerzeugung ist. Wir wollen größtmöglichen Wettbewerb unter emissionsarmen Erzeugungstechnologien. Die Erneuerbaren, etwa Wind-, Solar- und Biomasseanlagen, aber auch Gezeitenkraftwerke, sollen miteinander konkurrieren. Und sie sollen sich im Wettbewerb mit der Kernenergie messen. Gleichzeitig sollen unterschiedliche Nuklearbetreiber gegeneinander antreten. Diese Konkurrenz wird die Energiepreise niedrig halten. Unsere Energiemarktreform schafft dafür die Voraussetzungen. Sie bietet gute Geschäftschancen, wir wollen dafür Investoren gewinnen – auch in Deutschland.

Kritiker des britischen Atomprogramms bemängeln unter anderem, dass die Steuerzahler die Zeche für Sicherheit und Endlagerung zahlen müssen. Stimmt das?

Das ist in der Tat ein wichtiger Punkt. Auch ich habe die Kernenergie in den letzten Jahren kritisiert – wegen der Kosten. Die bisherigen Verträge britischer Regierungen mit den Betreibern haben die Kosten für die Beseitigung des Atommülls und die Stilllegung nicht beinhaltet. Das war ein grober Fehler. Ich will sichergehen, dass dieses Mal all diese Kosten vom Betreiber übernommen werden. Genau darum geht es in den aktuellen Verhandlungen mit EDF. Der französische Staatskonzern will bei uns voraussichtlich ab 2020 Atomstrom erzeugen. Wir haben zwar grundsätzlich grünes Licht für die Planung des neuen Reaktors Hinkley Point C in der Nähe von Hinkley Point A und B gegeben. Allerdings haben wir uns noch nicht auf ein endgültiges Berechnungsmodell geeinigt. 

Wer zahlt denn für die Folgekosten bereits existierender Kernkraftwerke in Großbritannien?

Das bislang letzte britische Kernkraftwerk wurde 1985 gebaut und bis 1995 betrieben. Die Abfallentsorgung und Stilllegung der Kraftwerke muss ich aus meinem heutigen Budget bezahlen, das zu zwei Dritteln aus Steuergeldern besteht. Das wird nicht noch mal passieren, egal ob wir mit EDF, Hitachi oder GDF Suez ins Geschäft kommen.

Ist für Sie ein Szenario denkbar, in dem keine neuen Kernkraftwerke in Großbritannien gebaut werden?

Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die geplanten Kernkraftwerke werden ausgesprochen konkurrenzfähig sein. 

Gilt das auch für britisches Gas? Wird es einen Schiefergas-Boom wie in den USA geben? Immerhin haben Sie angekündigt, Förderprojekte für Schiefergas voranzutreiben, die von der Labour-Regierung 2011 auf Eis gelegt wurden.

Schiefergas hat Potenzial, keine Frage, aber wir sind noch in der Explorationsphase. Wir erlauben die Förderung zu Forschungszwecken, weil wir sehr strikte Umweltschutzbedingungen haben, etwa für Grundwasser, Methanemissionen und seismische Aktivitäten. Für uns ist Schiefergas in erster Linie ein Beitrag zur Versorgungssicherheit und keine Frage des Preises. Wir beziehen unser Gas aus Norwegen, Holland, Belgien, der Nordsee, wir bekommen Flüssiggas aus Quatar und Algerien. Jetzt hat die Firma Centrica einen Importvertrag für Schiefergas aus den USA abgeschlossen. Das diversifiziert unsere Gasimporte, warum sollten wir darauf verzichten? US-Schiefergasimporte werden zudem helfen, Preiserhöhungen bei uns abzufedern.

Welche Rolle spielt Gas in Ihrer Gesamtstrategie?

Wir werden 20 Prozent unserer Gesamtkapazitäten bis 2020 ersetzen müssen, einiges davon durch erneuerbare Energien, ziemlich viel davon durch Gas. Speziell in den nächsten zehn Jahren sehen wir den Bedarf an neuen Gaskraftwerken im Umfang von 26 Gigawatt. Einerseits wollen wir alte Gaskraftwerke durch neue ersetzen, andererseits soll Gas in vielen Fällen letztendlich Kohle ersetzen. So bekommen wir eine enorme CO2-Ersparnis. Mithilfe von CCS wollen wir nach 2030 Gas auf emissionsarme Art und Weise weiterverbrennen. 

Welche Zukunft hat Carbon Capture and Storage?

Für CCS haben wir einen milliardenschweren Wettbewerb ausgeschrieben, mit ursprünglich acht Teilnehmern, aus denen inzwischen zwei finale Kandidaten übrig geblieben sind. Beide werden dieses Jahr mit der ersten Planungsphase beginnen. Wenn sie das zu unserer Zufriedenheit machen, werden wir einen Vertrag mit ihnen eingehen. Die CCS-Betreiber werden als Vertreter einer klimafreundlichen Technologie im Kontext unserer Energiemarktreform signifikante Zuschüsse erhalten. CCS hat nach unserer Überzeugung riesiges Potenzial. Wir haben viel Erfahrung mit Speicherstätten für Öl und Gas in der Nordsee. Unter dem Meeresgrund lassen sich CO2 und andere Treibhausgase sicher speichern. Das ist umweltfreundlich und ermöglicht uns die klimaschonende Verbrennung von Gas. 

Wird CCS von der britischen Öffentlichkeit akzeptiert?

Ja. Wir haben zumindest nichts Gegenteiliges bemerkt. 

In Deutschland gab es mehrfach öffentlichen Aufruhr, bis die Bundesregierung CCS auf Eis legte. Sind die Briten pragmatischer als die Deutschen?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Es ist gut, wenn man die Regierung hinterfragt und sie zur Verantwortung zieht. Ich hoffe aber, dass wir in Großbritannien zeigen können, dass CCS für die Umwelt sehr, sehr vorteilhaft ist. Schön wäre es, wenn dann andere Staaten in Europa nachziehen und CCS auf breiter Front einsetzen. Der Klimawandel ist für mich eine reale und allgegenwärtige Gefahr. Da möchte ich keine Option missen, die uns beim CO2-Sparen hilft. Also setze ich auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz ebenso wie auf CCS und neue Kernkraftwerke.

Edward Davey

... wurde am 3.  Februar 2012 „Secretary of State for Energy and Climate Change“ der konservativ-liberalen Regierung in London. Nur sechs Tage später eröffnete er den damals weltweit größen Offshore-Windpark Walney in der Irischen See. Der 1965 geborene marktliberale Ökonom sitzt seit 1997 für die Liberalen im House of Commons. Er gilt als Vertrauter und Kronprinz des liberalen Parteichefs  und Vizepremiers Nick Clegg.

 

 

Joachim Müller-Soares
Karsten Wiedemann
Keywords:
BIZZ-Exklusiv | Ed Davey | Großbritannien | Erdgas | Atomausstieg | Atomkraft | CCS | erneuerbare Energien | Peter Altmaier
Ressorts:
Governance

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy
Winter 2018/2019

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de

Das E-Paper ist erhältlich bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen