BIZZ-Exklusiv
06.12.2013

„Potenzial für Lastmanagement wird nicht genutzt“

Clean Energy Sourcing
Matthias Karger, Leiter Virtuelles Kraftwerk bei Clean Energy Sourcing.

Matthias Karger, Leiter Virtuelles Kraftwerk beim Leipziger Energiedienstleister Clean Energy Sourcing, spricht im BIZZ energy today-Interview über wirtschaftliche Chancen der flexiblen Last und kritisiert alte, unflexible Netzstrukturen.

BIZZ energy today: Herr Karger, welche Bedeutung messen Sie dem Lastmanagement für das Gelingen der Energiewende bei?

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Matthias Karger: Ich sehe für die Energiewende großes Potenzial, wenn Industrie und Gewerbe ihren Verbrauch an Angebote oder Preise knüpfen und dafür ihre Last um Stunden, Tage oder Wochen verlagern. Dadurch lässt sich eine Kraftwerksleistung von zwei bis zehn Gigawatt einsparen. Dieses Potenzial blieb bis heute jedoch ungenutzt. 

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Woran liegt das?

Die Industrie hat ihre Prozesse über Jahrzehnte dahingehend getrimmt, möglichst hohe Vollbenutzungsstunden zu haben und wenig hoch und runter zu fahren. Denn dafür gab es wirtschaftlich keinen Anreiz. Das entsprach der Angebotsseite mit den vielen kohle- und atombetriebenen Grundlastkraftwerken. Die wurden gebaut, um möglichst konstant mit hohen Vollaststunden durchzufahren. Mit der zunehmenden Einspeisung der schwankenden erneuerbaren Energien verändert sich jetzt aber die Situation, auch auf der Verbraucherseite. 

In welchen Betrieben bietet sich Lastmanagement besonders an?

Lastmanagement lässt sich relative einfach in Unternehmen einsetzen, bei denen in der Produktion physische Speicher quasi schon vorhanden sind. Bei Wasserversorgern wären das zum Beispiel Wasserbassins oder -kavernen, die vollgepumpt werden, wenn Strom günstig oder zuviel ist. Jedes Unternehmen hat seine ganz spezifischen Voraussetzungen, Lastmanagement ist deswegen auch mehr ein Projekt- als ein Massengeschäft. 

Wie sieht es in der energieintensiven Industrie aus?

In der Zement-, Papier-, Stahl- oder Chemieindustrie wäre das Potenzial für Lastmanagement eigentlich am größten. Aber gerade die haben in der Vergangenheit viel Wert auf eine konstante Abnahme gelegt, sodass die technischen Voraussetzungen oft nicht die Besten sind. Hinzu kommt, dass stromintensive Unternehmen auch heute noch deutlich günstigere Netzentgelte zahlen müssen, wenn sie möglichst konstant viel Strom abnehmen. Das ist einer der großen Show-Stopper für das Lastmanagement. Das Netzentgeltregime ist immer noch so, wie es vor 10 oder 20 Jahren vielleicht sinnvoll war. 

Was muss die Politik ändern?

Es müssten zum Beispiel Ausnahmeregelungen für kurzzeitige Lastspitzen, nach denen sich die Netzentgelte der Unternehmen berechnen, eingeführt werden. Wenn heute zum Beispiel bei überhöhter Netzfrequenz ein Wasserversorger alle Pumpen einschaltet und damit die Netze entlastet, fängt der sich womöglich nur für 15 Minuten eine Jahreshöchstlast ein. Die dadurch höheren Netzkosten übersteigen die Vermarktungserlöse aus der Flexibilität häufig um ein Vielfaches. 

Heißt das im Umkehrschluss nicht, dass die Erlöse aus der flexiblen Last – sei es an der Strombörse oder durch die Vermarktung von Regelenergie – für die Unternehmen zu gering sind?

Das ist richtig. Derzeit macht der Großhandelspreis, um den es bei der Vermarktung der flexiblen Last geht, gerade mal 30 Prozent des Letztverbraucherpreises aus. Der Rest sind Netzentgelte und Steuern. Wenn also ein Unternehmen durch Flexibilität am Großhandelsmarkt mit seinen Hoch- und Niedrigpreisphasen 20 Prozent einspart, sind das beim Letztverbraucherpreises nur noch sechs Prozent. Um die flexible Last rentabler zu machen, muss ein größerer Teil des Strompreises auch tatsächlich wieder im Wettbewerb stehen.

 

Bild Startseite: VKU

Daniel Seeger
Keywords:
Lastmanagement | Smart Grid
Ressorts:
Technology | Markets

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