BIZZ-Exklusiv
02.02.2013

„Preissenkungen bei Gazprom logischer Schritt“

SWP; Top-Teaser: Gazprom
SWP-Energieexpertin Kirsten Westphal; Top-Teaser: South-Stream Pipeline

Kirsten Westphal, Energieexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), spricht im Interview mit BIZZ energy today über Pipeline-Projekte, die europäische Gasversorgung und Flüssiggas.

BIZZ energy today: Ende 2012 hat Gazprom deutliche Preissenkungen für den europäischen Markt angekündigt. Wie bewerten Sie das?

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Kirsten Westphal: Durch die US-Schiefergas-Revolution wird billige Kohle auf die weltweiten Märkte geschwemmt. Kohle ist deswegen für Europa die kommerzielle Wahl Nummer Eins bei der Verstromung derzeit. Im Vergleich dazu ist das wesentlich klimafreundlichere Erdgas einfach zu teuer, auch weil die CO2-Preise zu niedrig sind. Wenn sich Gazprom den Markt nicht noch mehr kaputt machen möchte, sind die Preissenkungen eigentlich ein logischer Schritt.

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BIZZ e.t.: Welches Kalkül steckt hinter neuen Megapipelines wie Southstream? Schließlich stagniert derzeit der europäische Gasmarkt und schon Nord Stream ist kaum ausgelastet?

Westphal: Weitere Stränge bei der Nord Stream sowie der Bau von South Stream sollen die russische Marktmacht zementieren. Gazprom möchte sich zudem auch auf den südosteuropäischen Wachstumsmärkten, in der Türkei, auf dem Balkan und in Griechenland, Marktanteile sichern. Da ist es für den russischen Gasproduzenten schlicht einfacher, von der Quelle bis zum Abnehmer zu planen.

BIZZ e.t.: Was ist aus dem Ziel geworden, den europäischen Gasmarkt zu diversifizieren und unabhängiger von russischem Gas zu machen?

Westphal: Das Ziel bleibt wichtig und richtig, aber die Mittel und Ressourcen sind begrenzt. Man muss das mit einer gewissen Ernüchterung sehen. Um zu diversifizieren wollte die Europäische Kommission Gas aus der kaspischen Region und aus Zentralasien auf die hiesigen Märkte holen. Man war schon relativ früh in Turkmenistan und hat dort verhandelt – in etwa zur selben Zeit wie die Chinesen. Inzwischen liegt die chinesische Pipeline nach Turkmenistan, und die Europäer verhandeln immer noch.  Vor allem aber ist die Gasbeschaffung eine Sache der Unternehmen, die aber häufig in engen Allianzen mit den traditionellen Lieferanten wie Russland oder Algerien stehen.

BIZZ e.t.: Ist das auch ein Scheitern der beispielsweise an Nabucco beteiligten Gasunternehmen?

Westphal: Diese Unternehmen sind aus der europäischen Binnenmarktentwicklung mit dem Unbundling (der Trennung von Netz und Vertrieb, Anm. die Redaktion) nicht unbedingt gestärkt hervorgegangen. Gegenüber den Produzenten haben sie an Marktmacht eingebüßt, und der Versuch, dem mit Einkaufskonsortien entgegenzuwirken, ist nicht weit gediehen. Die gesamte politische und wirtschaftliche Konstellation erschwert es den Europäern, strategisch wichtige Projekte zu verwirklichen. Im Wachstumsmarkt China oder den USA investiert die Politik deutlich mehr in solche Projekte.

BIZZ e.t.: Trotzdem scheint jetzt nicht nur die South Stream, sondern auch die transanatolische Pipeline Tanap nach Europa gebaut zu werden. 

Westphal: Europa muss froh sein, dass Aserbaidschan jetzt quasi die Transportfrage für die Europäer löst mit der Türkei den wichtigen Pipelinestrang bis zu den Grenzen der EU im Alleingang bauen will. Die Entscheidung für den Bau der transanatolischen Pipeline Tanap ist im Grunde auf Eigeninitiative von Aserbaidschan und dessen staatseigenen Gaskonzern Socar gefallen.

BIZZ e.t.: Trotzdem werden die aus Aserbaitschan versprochenen Gasmengen von vielen als zu gering eingestuft, was nun auch zum Ausstieg der RWE aus dem Nabucco-West Projekt geführt hat. Welche Chancen sehen Sie überhaupt noch für kaspisches Gas?

Westphal: Diversifizierung ist ein Grundgebot der Versorgungssicherheit. Wir Europäer müssen uns aus Fairness zu den Produzenten auch klar darüber werden, wie viel Nachfragesicherheit wir überhaupt geben können. Denn der große Wachstumsmarkt ist Asien, was man am Umlenken der Energieströme längst bemerkt. Hierauf muss Europa sicherlich noch die richtigen Antworten und Strategien finden. 

BIZZ e.t.: Welche Auswirkung könnte künftig europäisches Schiefergas auf die Nachfrage haben? Vor allem Polen hat hier große Ambitionen?

Westphal: Schiefergas kann ein wichtiger Baustein für die Gasversorgung in Europa sein, wenn alle Umweltaspekte berücksichtigt werden. Für die EU wird vor allem eine Rolle spielen, wie sich die Schiefergasproduktion in Großbritannien entwickelt, wegen der dort bereits bestehenden Infrastruktur und dem deutlich größeren Gasmarkt. Für die polnische Energiepolitik kann Schiefergas zum Game Changer werden, da der Strommix des Landes noch zu fast 90 Prozent von Kohle dominiert wird.

BIZZ e.t.: Weltweit nimmt laut Internationaler Energieagentur der Handel mit Flüssiggas zu. Das ist auf dem Weltmarkt deutlich günstiger als etwa das russische Pipelinegas für Europa. Brauchen wir da die neuen Pipelines überhaupt noch? 

Westphal: Im Moment sind die drei großen Erdgasmärkte Nordamerika, Europa und pazifisch-asiatischer Raum preislich voneinander eher abgekoppelt. Sowohl pipeline-gebundenes Gas, als auch verflüssigtes Erdgas haben in einem diversifizierten Gasmarkt ihre Rolle und Berechtigung. Versorgungssicherheit mit LNG bekomme ich nur, wenn ich gewisse Preise zahle oder einen hochliquiden Markt habe. Dass künftig mehr LNG etwa aus Australien oder Katar nach Europa kommt, ist keineswegs ausgemacht, solange der Sog aus dem asiatisch-pazifischen Raum anhält. Gerade in Japan und Südkorea werden sehr viel höhere Gaspreise als hierzulande bezahlt, und China ist ein extremer Wachstumsmarkt. 

BIZZ e.t.: Was ist, wenn die USA Flüssiggas exportieren werden? 

Westphal: Das ist die große Frage. Die US-Gasunternehmen machen bereits Druck, denn sie müssen derzeit wegen der Schwemme im Land Schiefergas unter den Produktionskosten auf den Markt bringen. US-Exporte sind zunächst ganz zentral, damit um den freien globalen Handel voranzubringen und die Abkopplung der regionalen Gasmärkte zu überwinden. Jedoch wird auf dem US-Markt künftig Gas andere Märkte wie etwa den Transportsektor erobern. Dadurch steigt dort wieder die Nachfrage und der Anreiz zu exportieren sinkt. Nimmt man die teure Verflüssigung und die hohen Transportkosten, dürfte man außerdem relativ nah an die bisherigen europäischen Preise kommen. Deswegen: Pipelinegas bleibt auch künftig die Grundlage für unsere Versorgungssicherheit – sofern die Infrastruktur erst einmal liegt.

Daniel Seeger
Keywords:
LNG | Schiefergas | Pipeline | Nabucco | BIZZ-Exklusiv | South-Stream | Gazprom | Socar
Ressorts:
Markets

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