BIZZ-Exklusiv
11.03.2014

„Schneller Kollaps“

BBK; Tiltelbild: depositphotos
Wolfram Geier ist Leiter des Zentrums zum Schutz Kritischer Infrastrukturen beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Wolfram Geier ist der oberste Wächter über die Sicherheit der deutschen Infrastruktur. Er warnt vor großflächigen Stromausfällen wie in Wolfsburg. Anfang März fiel dort im VW-Werk über Stunden die Golf-Produktion aus, 50.000 Haushalte waren ohne Strom.

BIZZ energy today: Herr Geier, was genau ist in Wolfsburg passiert?

Anzeige

Wolfram Geier: Was genau in Wolfsburg passiert ist, können wir Ihnen heute noch nicht sagen, die Ursachenforschung läuft ja noch und zwar vor Ort. Gleichwohl kommen solche lokalen Blackouts öfter vor. Meist haben sie damit zu tun, dass Netz-Leitungssysteme durch Baumaßnahmen oder extreme Wetterereignisse beschädigt werden, dass es durch Fehlverhalten in den Leitwarten oder aber durch Kurzschlüsse in den elektrischen Anlagen zu Kettenreaktionen kommt, die Abschaltungen zur Folge haben. Wir hatten solche mehrstündigen Blackouts in den letzten zehn Jahren beispielsweise im Großraum Trier/Luxemburg, in Siegburg, im Münsterland, im Emsland, in München, in Karlsruhe und eben jetzt auch in Wolfsburg erlebt.

Anzeige

Wie kann sich die Gesellschaft vor Blackouts schützen?

Komplexe Systeme wie die Stromversorgung bergen immer ein Risiko und dieses Risiko wird aufgrund der Faktoren Wirtschaftlichkeit und Energiemix sowie aufgrund der weiter wachsenden Abhängigkeit der Gesellschaft vom Strom steigen. Insofern müssen Kommunen und die Bürger immer auch den Eintritt eines Schadens einkalkulieren und sich vorbereiten. Jetzt hat es Wolfsburg getroffen, morgen können und werden es andere Städte und Regionen sein, in denen für Minuten, Stunden oder im schlimmsten Fall auch mal für Tage der Strom ausfällt. 

Wie wahrscheinlich sind schwere Stromausfälle in Deutschland? 

Damit es zu einem schwerwiegenden Blackout kommt, müssen viele Faktoren zusammenkommen, eine Verkettung unglücklicher Umstände. Das Risiko großflächiger Blackouts und auch kleinerer Stromausfälle nimmt aber unserer Einschätzung nach stark zu. Es ist nun wesentlich höher als noch vor einigen Jahren. Das ist ganz eindeutig.

Wirklich? In Deutschland fällt der Strom im Schnitt nur etwa eine Viertelstunde pro Jahr aus. Eine klare Verschlechterung ist nicht zu erkennen.

Wir reden hier ja über das Risiko eines großen Stromausfalls, der Hunderttausende Menschen betrifft und Stunden bis Tage dauert. Das kommt zu selten vor, als dass es die jährliche Statistik über Stromausfälle beeinflusst. Deutschland steht gut da, weil viele Leitungen des Verteilnetzes unterirdisch verlegt sind. 

Was hat das Risiko nach oben getrieben?

Drei entscheidende Faktoren: Die Liberalisierung des Strommarkts, die Energiewende und der daraus folgende Mix unterschiedlicher Stromerzeugungsarten sowie die Abhängigkeit von IT-Systemen. Der Stromhandel erhöht das Risiko, weil immer größere Strommengen von Region zu Region und somit durch die Netze geschickt werden. Zwar hat die physikalische Sicherheit im Netz Vorrang. Doch es gibt immer wieder Situationen, in denen zum Beispiel eine Leitung ins Ausland mit Exportstrom beschickt wird, obwohl das für die Stabilität nicht optimal ist. Dadurch sinken die Puffer, die im Krisenfall, beispielsweise dem plötzlichen Ausfall einer wichtigen Leitung oder eines wichtigen Kraftwerks, noch zur Verfügung stehen.

Warum erhöht die Energiewende die Gefahr?

Die stark schwankende Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenkraft erfordert ständiges Nachregeln. Auch hier hat die Stabilität zwar Vorrang. Die Netzbetreiber dürfen im Notfall Grünstromkraftwerke abschalten oder können fossile Kraftwerke dazu zwingen, am Netz zu bleiben. Die Zahl der Eingriffe ins Netz hat sich aber innerhalb kurzer Zeit von wenigen im Jahr zu mehreren pro Tag gesteigert. Jeder Eingriff ist eine mögliche Fehlerquelle. Stromhandel und Energiewende zusammen bringen das Stromnetz physikalisch an den Rand der Leistungsfähigkeit: Immer häufiger werden Leitungen mit mehr als 100 Prozent ihrer Kapazität ausgelastet. 

Gerade moderne IT-Systeme helfen doch, Schwankungen zu beherrschen.

Solange die Systeme funktionieren, ist das auch so. Andersherum begeben wir uns dadurch in starke Abhängigkeit. Durch Hacker-Angriffe oder schwere Programmierfehler könnte die Stromversorgung lahmgelegt werden.

Sind wir auf Blackouts vorbereitet?

Einige wenige der sogenannten kritischen Infrastrukturen, zum Beispiel Krankenhäuser, können sich für kurze Zeit unabhängig vom Stromnetz versorgen. Dann würde es aber schnell problematisch werden. Man darf nicht vergessen: Auch Tankstellen pumpen keinen Kraftstoff mehr, wenn der Strom weg ist. Das öffentliche Leben, auch die Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Bargeld, würde schnell kollabieren.

Wie ist die Wirtschaft aufgestellt?

Die Großindustrie hat das Thema recht gut im Blick. Viele Mittelständler würde es aber hart erwischen. Ich bin immer wieder überrascht, dass zum Beispiel bei vielen Landwirtschaftsbetrieben selbst die elementarste Absicherung fehlt. Da hat sich nicht viel geändert seit dem mehrtägigen Stromausfall im Münsterland im Jahr 2005. Damals sind zum Beispiel viele Zuchttiere erfroren, weil die Wärmelampen ausfielen. Wir freuen uns aber darüber, dass das Interesse steigt. Wir haben viele Unternehmen hier, die sich erkundigen, wie sie sich optimal absichern können, und die ihre Mitarbeiter zu Schulungen an unsere Akademie schicken.

 

 

Wolfram Geier hat einen komplizierten Titel, aber eine eindeutige Aufgabe. Er ist Leiter des Zentrums zum Schutz Kritischer Infrastrukturen beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Sein Job: Vor großen Gefahren für Wirtschaft und Bevölkerung warnen, möglichst bevor sie eingetreten sind. Eines seiner wichtigsten Themen ist die Sicherheit des Stromnetzes.

Jakob Schlandt
Keywords:
Wolfram Geier | Netzsicherheit | Stromnetze | BBK
Ressorts:
Technology

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen