BIZZ-Exklusiv
18.06.2014

„Strategische Neuausrichtung“

Thüga
Ewald Woste, Vorstandschef der Thüga

Interview mit Thüga-Vorstandschef Ewald Woste über Bad Banks für Kernkraftwerke, Energie-Autarkie und neue Geschäftschancen durch die anstehende EEG-Reform.

_BIZZ energy today | Herr Woste, vor genau zwei Jahren haben Sie in unserer Erstausgabe vehement einen Energieminister gefordert. Den hat Deutschland seit Ende 2013 in Person von SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel. Sind Sie jetzt zufrieden?

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_Ewald Woste | Ja, in diesem Punkt wurden die Hoffnungen der Energiewirtschaft voll erfüllt. Sehen Sie sich die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) an. An der kann man zwar im Detail noch einiges aussetzen, aber das Tempo und die Stringenz dieser Reform sind beeindruckend. Sicher war es ein kluger Schachzug von Wirtschafts- und Energieminister Gabriel, den Grünen Rainer Baake zum Staatssekretär zu ernennen; der ist ein guter Manager und kann unter anderem Umweltgruppen einbinden. Der Prozess funktioniert heute viel besser als in vergangenen Legislaturperioden, weil sich die Bundesministerien nicht mehr gegenseitig blockieren und auch die Bundesländer jetzt bei der Energiewende mitziehen. Die Zeit lähmender interner Diskussionen in Berlin ist passé. 

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_Aufregung in Berlin verursachen die Stromkonzerne, die ihre Kernkraftwerke in eine Stiftung übertragen wollen.  Überrascht Sie dieser Vorstoß?

_Woste | Ganz und gar nicht. Mich überrascht eher, dass die Diskussion darüber erst jetzt in Gang kommt. Aus Sicht der Stromkonzerne geht es im Kern um eine strategische Neuausrichtung. Die wollen ihr altes Geschäft, das in Deutschland keine Zukunft hat, möglichst schnell abstoßen, um sich neuen, zukunftsträchtigen Feldern zu öffnen. Für solch eine Neuausrichtung braucht man viel Geld, Zeit und Personal. Da macht es aus Sicht der Unternehmen Sinn, sich vom Ballast der Vergangenheit -– den Kernkraftwerken – möglichst schnell zu befreien. Ich sehe Parallelen zum Ausstieg aus dem deutschen Steinkohle-Bergbau: Der wurde politisch beschlossen, die Abwicklung funktioniert heute über die ‚halbstaatliche‘ RAG-Stiftung.

_Aber steuerlich abgeschriebene Kernkraftwerke waren bisher wahre Goldgruben. Warum reizen die Betreiber das nicht bis 2022 noch voll aus und planen stattdessen atomare Bad Banks?

_Woste | Die Thüga-Gruppe betreibt selbst keine Kernkraftwerke, daher kenne ich die genaue betriebswirtschaftliche Rechnung für einzelne Meiler nicht. Aber diese Anlagen leiden genauso wie Gas- und Kohlekraftwerke darunter, dass sie immer weniger laufen, weil Ökostrom bevorzugt ins Netz eingespeist wird. Daher sitzen viele Stadtwerke – als Betreiber von Gas- und Kohlekraftwerken – in diesem Punkt mit den Großen Vier in einem Boot: Wir brauchen ein neues Marktdesign, bei dem sich konventionelle Anlagen rechnen, die vielleicht nur 300 bis 400 Betriebsstunden im Jahr laufen – zehn Prozent der früher typischen Laufzeiten.

_Warten Versorger heute mit dem Bau neuer Kraftwerke, um in der Zukunft Kapazitätsmarkt-Prämien zu kassieren?

_Woste | Der Blick auf den Markt ist für alle gleich. Dabei geht es nicht um das Abgreifen etwaiger künftiger Subventionen. Der Bau eines neuen Kraftwerks rechnet sich heute schlicht und einfach nicht. Übrigens sind auch Banken nicht bereit, bei den schlechten Rahmenbedingungen solch einen Neubau mitzufinanzieren. Kraftwerks-Projekte amortisieren sich über lange Zeiträume, meist mehr als 20 Jahre. Dafür gibt es heute keinen Business Case und kein Geld von den Banken. Sie werden ohne Leistungs- oder Kapazitätsmarkt-Prämien kein frisches Kapital anziehen, darüber sind sich die Auguren einig.

_Müssten solche Kapazitätsmärkte europaweit gelten oder reicht es, solche Prämien in Deutschland zu zahlen?

_Woste | Das neue Marktdesign muss dem Europarecht entsprechen, daher benötigen wir EU-weite Ausschreibungen. Das bedeutet, dass sich beispielsweise –vorausgesetzt die Übertragungskapazitäten der Grenzkuppelstellen sind ausreichend dimensioniert – auch polnische Kohlekraftwerke beteiligen können. Klar ist: Das dürfte wegen hoher Emissionen für Ärger sorgen; das müssten wir aber dann ertragen.

_Der EEG-Kabinettsentwurf soll noch vor der Sommerpause verabschiedet werden. Geht Ihnen als Thüga-Vorstandschef diese Reform weit genug?

_Woste | Sicher wünscht man sich im Leben immer mehr, als man realistischerweise bekommen kann. Wir würden uns zum Beispiel noch stärkere Direktvermarktungsregeln wünschen und Auktionen nicht erst ab 2017, sondern schon früher. Aber diese EEG-Reform geht insgesamt klar in die richtige Richtung. Sie legt den Fokus auf die Marktintegration der Erneuerbaren, und in diesem Umfeld fühlen wir uns als Stadtwerke wohl. Die Reform öffnet uns eine ganze Reihe neuer Geschäftschancen.

_Welche denn?

_Woste | Es geht um den Aufbau neuer Vermarktungsstrukturen. Viele Ökostromanlagen sind noch nicht in der Direktvermarktung. Noch größere Chancen bietet künftig die Vorhaltung gesicherter Leistung, etwa durch die Kombination von Windkraftanlagen mit Blockheizkraftwerken. Und es wird künftig einen Kampf um Dächer geben. Wir werden als Stadtwerke auf Hausbesitzer zugehen und sagen: Vermiete uns dein Dach, wir installieren dort eine PV-Anlage und stellen im Keller einen Batteriespeicher zur Verfügung. Anders gesagt: Die Stadtwerke werden im Markt der Energie-Autarkie mitspielen.

_Geht der Trend zur Energie-Autarkie?

_Woste | Ja, sehr deutlich sogar. Das ist eine Folge betriebswirtschaftlicher Logik. Ein Blockheizkraftwerk im Keller eines Hotels amortisiert sich schon heute innerhalb von zweieinhalb bis drei Jahren. Warum? Weil der Hotelbesitzer von allen EEG-Abgaben und Umlagen befreit ist. Auch technischer Fortschritt wird den Trend zu Autarkie forcieren. In Zukunft werden Hausbesitzer ihre Wände und Dächer mit Folien aus organischer Photovoltaik beziehen und dann autonom eigenen Strom produzieren. Das wird übrigens eine Gerechtigkeitsdebatte provozieren: Alle Kunden, die ihren Strom nicht selbst produzieren, müssen die Gebühren ihrer autarken, gebührenbefreiten Nachbarn mitfinanzieren. Das kann nicht lange gutgehen. Um eine Reform der Netzentgelte kommen wir in den nächsten Jahren also nicht herum.

_Bietet der Stromspeicher-Bereich weitere Geschäftschancen für die Thüga?

_Woste | Der Schweriner Regionalversorger Wemag, an dem die Thüga beteiligt ist, errichtet aktuell Europas größten Batteriespeicher. Eine solche Anlage bietet sich dort an, weil in der Region um Schwerin besonders viel Ökostrom ins Netz eingespeist wird. In Frankfurt am Main hat die Thüga-Gruppe Anfang Mai eine Strom-zu-Gas-Pilotanlage in Betrieb genommen. Dort wird, vereinfacht gesagt, mit Windstrom Wasserstoff produziert, der dann ins Erdgasnetz eingespeist wird. Wir hoffen, dass dieses Prinzip im großindustriellen Maßstab funktionieren kann. Es ist grundsätzlich eine extrem kostengünstige Form der Speicherung, weil das Gasnetz ja bereits vorhanden ist und nicht erst neu gebaut werden muss.

_Beim Erdgas wird viel über Deutschlands Abhängigkeit von Russland lamentiert. Müssen Versorger ihre Geschäftsbeziehungen zum Moskauer Staatskonzern Gazprom neu justieren?

_Woste | Wir sind wechselseitig aufeinander angewiesen. Ich habe mehr als 20 Jahre in der Energiewirtschaft verbracht und Gazprom in all den Jahren stets als verlässlichen Geschäftspartner erlebt. Ich gehe davon aus, dass auf Gazprom auch künftig Verlass sein wird. 

_Sie waren zum Anfang ihrer Karriere Prokurist der Stadtwerke in Paderborn. Der dortige Fußballverein ist gerade überraschend in die Erste Bundesliga aufgestiegen. Können Stadtwerke vom SC Paderborn etwas lernen?

_Woste | Starke Verankerung in der Region ist wichtig, das ist ein Teil des Erfolgs des SC Paderborn und das ist auch ein Pfund, mit dem Stadtwerke wuchern können. Die starke Bindung der Bürger an ihre Stadtwerke vor Ort wird in aktuellen Umfragen dokumentiert. Was den Fußball angeht: Ich selbst habe in Paderborn studiert und gearbeitet. Mein Sohn ist bekennender Paderborn-Fan. Für mich gibt es aber nur eine ‚Echte Liebe‘, das ist Borussia Dortmund.

 

Ewald Woste ist noch bis Ende Juni im Ehrenamt Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), tritt aber aber bei der Wahl kein weiteres Mal an. Hauptberuflich führt er als Vorstandsvorsitzender die Thüga-Gruppe, einen Verbund von rund 100 Stadtwerken. Woste studierte in Paderborn Wirtschaftswissenschaften und startete seine Karriere bei den dortigen Stadtwerken als Prokurist. 2004 wurde er Chef der Frankfurter Mainova-Stadtwerke. Von dort wechselte er 2007 zur Thüga, die damals noch zum Eon-Konzern gehörte. 

 

Titelbild: Thüga

Joachim Müller-Soares
Keywords:
Thüga | Ewald Woste | Bad Bank | Energie | Energie-Autarkie | EEG | EEG-Reform
Ressorts:
Markets

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