BIZZ-Exklusiv
17.06.2013

„Welthandel nicht durch kurzfristige Interessen gefährden“

Inmitten des Handelsstreits zwischen der EU und China öffnet in dieser Woche die Branchenmesse Intersolar. BIZZ energy today sprach mit Solarwissenschaftler Eicke Weber über Strafzölle, die Zukunft der Solarindustrie und nachhaltige Energiewirtschaft.

BIZZ energy today: Herr Weber, diese Woche startet die Solarmesse Intersolar. Welcher aktuelle Trend ist denn in der zuletzt arg gebeutelten Branche zu beobachten?

Anzeige

Eicke Weber: Durch die mittlerweile so niedrigen Kosten für die Solarenergie, können wir uns jetzt wirklich ganz neue Modelle ausdenken. Deswegen ist auch die Kreativität von Erfindern sehr gefragt, die neue Ideen haben. Man kann sich bei Gestehungspreisen von zehn, zwölf Cent pro Kilowattstunde für Solarstrom völlig unabhängig machen vom Erneuerbare Energie-Gesetz und Einspeisetarifen und den Kunden ein richtig gutes Geschäft anbieten. Ich finde das sehr erfreulich. 

Anzeige

In den USA entwickelt die Firma Solar Roadways Straßenelemente aus Solarzellen. Ist das umsetzbar?

Ich halte es für einen sehr interessanten Ansatz, aber ich habe da noch ein bisschen Bedenken, dass diese rhythmischen Belastungen durch Autos, durch LKWs, zu große Anforderungen an die Stabilität stellen könnten. Gleichzeitig muss der Belag ja sehr transparent bleiben, sonst hat man zu wenig Solarertrag. Ich weiß nicht was sich jetzt kostengünstiger abbilden lässt, dass man die Solarmodule in den Straßenbelag einbaut, oder ob man die Straßen mit einem Solardach abdeckt. 

Überdachte Autobahnen? Das klingt etwas abwegig.

Ich denke kein Autofahrer würde sich ärgern, dass er im Regen nicht mehr nass wird, oder im Sommer die Sonne nicht mehr aufs Auto knallt. Das Überdachen von Parkplätzen wäre übrigens eine sofort realisierbare sinnvolle Anlage. Ich glaube da haben wir viele „low hanging fruits“, die man leicht pflücken kann, die für jeden Beteiligten eine Win-Win-Situation darstellen. 

Ein anderes Thema: Die EU-Kommission hat Strafzölle gegen chinesische Solarunternehmen verhängt. Was halten Sie davon?

Das ist eine falsche Entwicklung. Ehrlich gesagt, verkaufen auch deutsche Hersteller Solarmodule unter den Gestehungspreisen. Was passiert, ist ein völlig normaler Vorgang in einer Marktwirtschaft. Es gibt eine Überkapazität, deswegen wollen alle Firmen ihre Produkte verkaufen, und dann folgt eine Preisspirale nach unten. Das einzige worüber man diskutieren kann, ist dass diese Überkapazität in China mithilfe staatlicher Förderungen entstanden ist. 

Staatliche Subventionen für Solarenergie gib es aber nicht nur in China...

Alle deutschen Solarfirmen sind in Ostdeutschland gelandet, weil es dort auch Kreditgarantien und zinsgünstiges Geld gab. Deswegen finde ich es sehr schade, dass jetzt gerade Interessensvertreter der Solarindustrie dafür sind, Handelsschranken aufzubauen. Den Welthandel sollten wir nicht durch kurzfristige Interessen von ein paar Firmen in Gefahr bringen. 

Sehen Sie für die Solarindustrie in Europa eine Zukunft?

Ja unbedingt. Im Moment leidet die Industrie unter dem Preisverfall. Auf der anderen Seite haben wir die Technologien fertig entwickelt, die wirklich in der Lage sind zu den heutigen und auch zu noch geringeren Preisen, Solarmodule herzustellen. Ich erwarte, dass wir in Europa eine ganz neue Generation an Solarfabriken entwickeln werden und ich setze mich sehr dafür ein, dass Europa eine Vorreiterrolle in der globalen Solarindustrie einnimmt. 

Sie glauben also, dass der Markt in Europa wachsen wird?

Ich erwarte, dass wir in den nächsten zehn Jahren, noch einmal eine Verzehnfachung des Solarmarktes sehen. Bis 2050, vermute ich, dass wir aus der Solarenergie zehn bis dreißig Prozent des Strombedarfs decken. Dafür müssen wir größenordnungsmäßig zehntausende Gigawatt installiert haben. Also die Aufgabe, die wir vor uns haben, ist riesig. 

Die Energiewende in Deutschland könnte diese Entwicklung begünstigen.

Nicht nur in Deutschland, es geht um einen totalen Paradigmenwechsel in der weltweiten Energiewirtschaft. Dazu gehören natürlich auch eine Menge neuer Technologien und Investitionskapital und natürlich gibt es da auch noch viel Heulen und Zähneknirschen bei den Stakeholdern der alten Energiewirtschaft. Wir müssen kräftig auf Nachhaltigkeit umstellen. 

Wie zum Beispiel?

Das bedeutet eben kein Öl, Gas oder Kohle zu verbrennen, sondern diese Ressourcen der Menschheit, künftigen Generationen zu erhalten, für Chemie, für Kunststofferzeugung und all diese viel wertvolleren Dinge. Öl ist so ein wundervoller Rohstoff und wir verbrennen es. Ich persönlich halte das für eine ausgesprochene Sünde. Ich habe das auch in Saudi Arabien so gesagt und man hat mir heimlich zugestimmt. 

Dennoch beruht der Reichtum dort auf dem Erdölgeschäft.

Ich fühle mich wie 1850 in den USA, als ein Viertel der amerikanischen Volkswirtschaft, das Walölbusiness war. Damals gab es keinen anderen flüssigen Brennstoff. Wale wurden gefangen, das Walöl wurde extrahiert, dann verteilt und in Apotheken für die Kerosinlampen verkauft. Plötzlich hat jemand gemerkt, man muss ja in Texas nur an der Erdoberfläche kratzen, dann kommt ein Stoff mit der gleichen Eigenschaft raus. Die alte Walölindustrie hat den Wandel nicht mitgemacht und bekämpft. Zehn Jahre später, waren die riesigen Walölfirmen alle weg. 

Noch sind Erneuerbare Energien aber teurer.

Am Ende des Tages, lohnt sich die Energiewende wirtschaftlich ungeheuer. Das kleine schmutzige Geheimnis dieser Welt ist: Man muss zwei Fässer, Öl à 100 Dollar verbrennen, um eine Megawattstunde Strom herzustellen. Das heißt eine Kilowattstunde Strom aus der Verbrennung von Öl kostet allein 20 Cent, nur der Treibstoff, ohne die Kosten für den Generator und all das. Und Strom aus Sonnenenergie kostet heute deutlich unter zehn Cent pro Kilowattstunde. Es ist also eine wirtschaftliche Dummheit, Öl zu verbrennen, nicht nur eine ethische. Ich glaube, diese Einsicht ist so trivial, die wird sich durchsetzen. 

Eicke Weber leitet das  Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg und ist Jurymitglied der Greentec-Awards. Die Greentec-Awards werden an Unternehmen, Organisationen oder Einzelpersonen, die sich durch ihre Innovationen im umwelttechnologischen Bereich oder ihr Engagement für den Umweltschutz im letzten Jahr hervorgetan haben, verliehen.

Nora Enzlberger
Keywords:
Solarenergie | Strafzölle | Fraunhofer ISE | Eicke Weber | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen