BIZZ-Exklusiv
01.07.2013

„Wir haben bei Offshore-Wind Lehrgeld bezahlt“

Foto: Siemens

Udo Niehage, Energiewende-Manager bei Siemens, über den weltweiten Markt für die Hochspannungs-Übertragungstechnik und den Ausbau der Windkraft auf hoher See.

BIZZ energy today: Herr Niehage, in Deutschland kommt die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) nicht voran. Wie sieht es in anderen Ländern aus?

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Udo Niehage: In den USA haben wir bereits mehrere HGÜ-Leitungen gebaut, etwa das Neptun-Projekt, eine Verbindung von New Jersey nach Long Island, auch für die Versorgung von Manhattan. Mit Hilfe der HGÜ-Technik konnten wir in San Francisco sogar ein altes Kraftwerk ersetzen. Der Strom kommt jetzt über eine neue Leitung aus einer neuen Anlage im 100 Kilometer entfernten Pittsburgh. In San Francisco steht nur noch eine Empfangsstation. Wir simulieren das alte Kraftwerk mit dem HGÜ-Kabel einfach.

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Wie sieht es in China aus?

China betreibt weltweit mit Abstand die meisten HGÜ-Anlagen und wir haben dort schon Verbindungen mit 1.500 Kilometer Länge installiert. Sehr viel Erfahrung haben die Chinesen vor allem beim gleichzeitigen Betrieb von HGÜ-Leitungen und Drehstromnetzen. Beide Ebenen müssen im Betrieb ja harmonieren.

Ist HGÜ in China ein lukratives Geschäft?

Siemens hat die Konverterstationen von fünf HGÜ-Verbindungen gebaut. Bei weiteren Projekten war und ist Siemens mit der Lieferung von Schlüsselkomponenten aus Deutschland beteiligt.  

Warum gibt es dann hierzulande noch keine Leitungen?

Erst mit dem massiven Ausbau der Erneuerbaren werden bei uns Leitungen für Austausch und Übertragung von Energie über sehr lange Distanzen erforderlich. Die HGÜ-Technik ist hierbei technisch und wirtschaftlich die beste Lösung. Aber wegen der langen Genehmigungszeiten hinkt der Netzausbau deutlich hinter dem Ausbau der Erneuerbaren hinterher.

Sind die technischen Anforderungen höher?

Niehage: Ja, so sind zum Beispiel die Anforderungen für die schnelle Abschaltung von Kurzschlüssen auf HGÜ-Leitungen höher als
bei Projekten in anderen Ländern. 

 

Udo Niehage, Siemens
Udo Niehage, Siemens

 

 

Kein Wunder also, dass Deutschland die stabilsten Stromnetze besitzt ...

Ja, mit im Mittel knapp 15 Minuten im Jahr verzeichnen wir hier die geringsten Ausfälle weltweit. Das ist natürlich ein Standortvorteil. Auch die Stabilität von Spannung und Frequenz sind ein Maß für die hohe Qualität unserer Stromversorgung. In anderen Ländern müssen Industriekunden sehr häufig in eigener Regie Einrichtungen bauen, um Qualitätsdefizite und deren nachteiligen Einfluss auf die Produktionsprozesse zu beherrschen.

Wann werden in Deutschland die ersten HGÜ-Leitungen stehen?

Der Netzentwicklungsplan sieht vor, dass bis 2022 drei HGÜ-Leitungen Onshore gebaut werden sollen. Rund 2.200 Kilometer neue Trassen sollen hierfür zur Verfügung stehen. Damit rechnen wir jedenfalls.

Als Erdkabel?

 Das ist eine Möglichkeit, aber sehr kostspielig. Man kann auch HGÜ-Leitungen auf bestehende Trassen zusammen mit Drehstromleitungen setzen, wie im Rheintal als sehr wahrscheinliche Lösung geplant. Die dritte Variante ist der komplette Neubau von Freileitungen.

Vor allem Offshore-Windparks sollen HGÜ-Technik bekommen. Die Kosten dafür explodieren. Was läuft falsch?

Wir haben im Offshore-Bereich Lehrgeld bezahlt. Das schmerzt, daraus müssen wir lernen. Ist die Technik richtig? Wie können wir Risiken und Kosten minimieren? An diesen Fragen arbeiten wir gerade. 

Dass heißt, der Offshore-Ausbau verzögert sich weiter?

Wir kämpfen mit Anlaufschwierigkeiten, keine Frage. Der Ausbau kann künftig deutlich billiger werden, aber um die Kosten zu reduzieren, brauchen wir noch etwas Zeit.

 

 

Udo Niehage: ...ist seit Juli 2012 Leiter Government Affairs und Unternehmensbeauftragter für die Energiewende bei Siemens. Zuvor stand der studierte Energietechniker vier Jahre an der Spitze der Übertragungssparte des Konzerns.

 

 

Karsten Wiedemann
Joachim Müller-Soares
Keywords:
Siemens | Offshore | Udo Niehage | HGÜ | Netzausbau | China | USA | BIZZ-Exklusiv | Windenergie
Ressorts:
Technology

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