BIZZ-Exklusiv
04.04.2013

„Wir müssen das Fördersystem entrümpeln“

Foto: Rainer Sturm/Pixelio

Holger Krawinkel, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Bundesverband, im Interview mit BIZZ energy today über Wege, die Kosten für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu senken, die Offshore-Windkraft und ein Bundesamt für Energie.

BIZZ energy today: Herr Krawinkel, wie lassen sich die Kosten für den Ausbau der erneuerbaren Energien senken?

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Holger Krawinkel: Wir müssen das Fördersystem entrümpeln. An erster Stelle steht dabei eine Beschränkung auf diejenigen Technologien, die tatsächlich erforderlich sind, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Solar- und Windenergie an Land genügen, um die Energiewende nicht nur erfolgreich, sondern auch kostengünstiger und schneller als bislang geplant umzusetzen. Auf einen Ausbau der Biomassenutzung sollten wird dagegen sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen verzichten. 

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Was ist mit der Offshore-Windenergie?

Der Bau von Offshore-Windanlagen im tiefen Meer weit vor der Küste stellt sich immer mehr als ökonomischer Irrläufer heraus. International wird sich allenfalls Seewindenergie in Küstennähe durchsetzen. Für Deutschland ist das aufgrund des Wattenmeeres aber keine Alternative. Um die zukünftige Kostenbelastung in Grenzen zu halten, sollte der Ausbau der Offshore-Windenergie daher wesentlich langsamer vollzogen werden als bisher geplant. Anstelle der  vorgesehenen 14 Gigawatt bis zum Jahr 2022 ist eine installierte Leistung von maximal 5 Gigawatt zur technologischen Weiterentwicklung ausreichend. 

Wie viel Geld ließe sich so sparen?

Im Zusammenspiel mit einem entsprechenden Ausbau von Solar- und Windenergie an Land ergeben sich jährliche Einsparungen von 2 bis 3 Milliarden Euro.

Was passiert mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)? Sollte es ersetzt werden, etwa durch ein Quotenmodell wie in anderen EU-Staaten?

Eine grundlegende Reform des EEG ist nicht nötig. Quoten- oder Prämienmodelle bieten kaum Einsparpotential. Im Gegenteil: höhere Risikoprämien könnten die Strompreise weiter nach oben treiben. 

Holger Krawinkel, Foto: VZBV
Holger Krawinkel, Foto: VZBV

 

Das EEG würde dann aber nur noch Windkraft an Land fördern?

Ja, wobei je nach Standort Zahlungen von 5 bis 8 Cent pro Kilowattstunde ausreichend sind. Für Photovoltaik ist das Ende der Förderung bereits beschlossen. Mittelfristig kann das EEG durch eine Kohlenstoffsteuer auf Primärenergie abgelöst werden, die auch das derzeitige, nicht funktionierende Emissionshandelssystem ablösen könnte.

Mit einem geringeren Anteil der Offshore-Windkraft würde die Energiewende dezentraler. Welche Folgen hätte das für den Netzausbau?

Wenn der Ausbau der Offshore-Windenergie verlangsamt wird, lässt auch der Druck auf einen schnellen Ausbau der Übertragungsnetze nach. Es würde billiger und es gebe mehr Zeit, etwa für die Bürgerbeteiligung. Bei den Verteilnetzen ist weniger mehr. Am Ende sind 25 bis 40 regionale Netzgesellschaften sinnvoll, die öffentliche Aufgaben wahrnehmen und sich daher auch zumindest überwiegend in öffentlicher Hand befinden sollen. Ein Rückkauf von Netzen durch Kommunen ist dann oft nicht mehr erforderlich.

Sie sprechen sich auch für eine Netzflatrate aus. Was ist darunter zu verstehen?

Die Netztarife sollen damit vereinfacht werden. Die Netzflatrate könnte zum Beispiel so aussehen, dass der Kunde eine bestimmte Maximalleistung bestellt und anschließend seinen Bedarf so optimiert, dass dieser Wert eingehalten wird. Betreiber von Solaranlagen und andere Selbsterzeuger zahlen dann wieder einen fairen Preis für die Netznutzung, private Speicher werden zunehmend attraktiv und die Netze entlastet. 

Wie lässt sich die Energiewende insgesamt besser koordinieren?

Netzplanung, Energieeffizienz und Ausbau der erneuerbaren Energien müssen durch ein Bundesamt für Energie besser aufeinander abgestimmt werden. 

Wo sollte dieses angesiedelt sein? Beim Bundesumweltministerium wie das Umweltbundesamt?

Dem Bundeswirtschaftsministerium würde eine Stärkung durch eine derartige Bundesoberbehörde sicher auch gut tun. Der Bundesnetzagentur, die ebenfalls dem Wirtschaftsministerium zugeordnet ist, obliegen auch Regulierungsbereiche anderer Ressorts, zum Beispiel der Eisenbahnen.

 
Karsten Wiedemann
Keywords:
Offshore | Windenergie | EEG | Holger Krawinkel | VZBV
Ressorts:
Governance

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