BIZZ-Exklusiv
11.06.2014

„Wir wollen die größte Solarfabrik Europas bauen“

Fraunhofer ISE
Fraunhofer-ISE-Chef Eicke Weber

Eicke Weber, Chef des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme, über sein neues Megaprojekt xGWp.

BIZZ energy today: Herr Weber, die deutsche Solarindustrie steckt in tiefer Depression, zahlreiche Firmen haben Insolvenz angemeldet. Wann geht es wieder aufwärts? 

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Eicke Weber: Wir kommen langsam zumindest ans Ende der langen Talfahrt. Dort hineingeraten ist die Solarwirtschaft vor allem durch die gigantischen Überkapazitäten, die von chinesischen Unternehmen aufgebaut wurden. Teils wurde sogar unter Herstellungskosten verkauft, auch viele Chinesen kamen in akute Liquiditätsschwierigkeiten. Die Überkapazitäten schrumpfen nun aber, weil alte Fabriken geschlossen wurden und die Nachfrage global immer weiter wächst. Wir erwarten, dass 2014 Photovoltaikanlagen mit rund 45 Gigawatt Kapazität weltweit neu installiert werden, das sind etwa 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Es wird danach dynamisch weitergehen, weil immer mehr Märkte auch ohne staatliche Hilfe funktionieren und die Nachfrage antreiben. Bis 2020 könnten es 100 Gigawatt und bis 2025 gar 300 Gigawatt jährlicher Produktionskapazität sein. 

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Sie wollen die Erholung nutzen, um die europäische Solarindustrie wieder nach vorne zu bringen. Welche Pläne hat das Fraunhofer ISE dazu?

Wir sind in zwei Projekten engagiert, die man klar trennen muss. Erstens hat das ISE zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA eine Studie für das Umweltministerium Baden-Württemberg ausgearbeitet. Dort haben wir geprüft, wie mit bestehenden, erprobten Technologien in Deutschland und speziell Baden-Württemberg eine neue Solarfabrik mit einer Kapazität von über einem Gigawatt pro Jahr entstehen könnte. Unser Fazit: Das ist möglich und angesichts der zu erwartenden Marktentwicklung auch lohnend.

Und Ihr zweiter Plan?

... ist ebenfalls eine Multi-Gigawatt-Fabrik, bei der allerdings eine neue, hocheffiziente Solarzellentechnik zum Einsatz kommen soll. Wir wollen damit eine Leuchtturmfabrik für die europäische Solarindustrie schaffen und sie auch ökonomisch wieder nach vorne bringen. An diesem Projekt, das als Arbeitstitel den Namen xGWp trägt, arbeitet ein Konsortium, an dem neben dem ISE das Institut National de l’Énergie Solaire aus Frankreich und das Centre Suisse d’Electronique et Microtechnique aus der Schweiz beteiligt sind. Entscheidend ist aber: Wir haben mehrere europäische Industrieunternehmen an Bord, deren Namen derzeit noch nicht genannt werden können. Die Fabrik soll ja nicht von Wissenschaftlern betrieben werden, wir helfen lediglich bei der Forschung und Umsetzung. 

Welche Technik soll bei xGWp zum Einsatz kommen?

Eine Weiterentwicklung der kristallinen Siliziumzellen, mit der wir größere Wirkungsgrade erreichen als die derzeit üblichen 18 bis
19 Prozent bei hochqualitativen Modulen. Zunächst streben wir 20 Prozent an, dann 22 und schließlich 24 Prozent. Mit dem Wirkungsgrad steigt nicht nur der Ertrag, sondern es sinkt natürlich auch entsprechend der Materialeinsatz für die Module und die benötigte Fläche.

Wer garantiert Ihnen, dass andere die Technik nicht kopieren und so schnell die Preise verderben?

Sie ist gut durch Patente geschützt. Zudem haben wir einen jahrelangen Vorsprung bei der Erprobung und beim praktischen Einsatz.

Wie viel wird die Fabrik kosten?

Hier muss ich mit Details geizen. Aber es geht natürlich um Milliarden von Euro.

Wer aus der schwer angeschlagenen europäischen Solarindustrie soll solche Summen stemmen können?

Wir rechnen damit, dass die Firmen etwa ein Drittel Eigenkapital mitbringen müssen. Für privates Kapital wird dieses Investment in die xGWp-Fabrik sehr interessant sein. Darüber hinaus brauchen wir Unterstützung der Politik. Wir werben in Paris, Berlin und Brüssel derzeit für die Gewährung zinsgünstiger Darlehen durch die entsprechenden Förderbanken, um insbesondere am Anfang Risikoaufschläge zu vermeiden, wie sie Geschäftsbanken zurzeit für PV-Projekte verlangen.  

Haben Sie denn dafür die nötige politische Unterstützung?

Darum werben wir gerade mit Hochdruck und führen zahlreiche Gespräche in allen drei Städten. Wir sind sehr zuversichtlich, dass es uns gelingt, dieses deutsch-französische Leuchtturmprojekt zum Erfolg zu führen. 

Wann rechnen Sie mit grünem Licht?

Ich denke, dass es noch in diesem Sommer ein positives politisches Signal geben könnte. Anschließend könnten wir mit dem Aufbau einer Pilotlinie für unsere Technologie beginnen. Für xGWp denken wir an 2016 oder 2017, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

xGWp bleibt aber eine riskante Wette auf die Marktentwicklung, selbst wenn technisch alles glattläuft, oder?

Das ist prinzipiell richtig. Aber: Es ist ein kalkulierbares Risiko. Die Preise für Solarmodule sind in den vergangenen Jahren enorm gefallen und haben die über Jahrzehnte stabile Lernkurve nach unten verlassen. Fast alle Experten sind sich einig: Die Preise werden sich jetzt stabilisieren für einige Jahre, und zwar bei nicht weniger als 50 Cent pro Watt Maximalleistung für ein Modul. Bei diesem Preis wären wir über viele Jahre hinweg enorm konkurrenzfähig. Denn die Chinesen haben jetzt ein ähnliches Problem wie die deutsche Solarindustrie zuvor. Ihre Anlagen kommen in die Jahre. Der Großteil ist bis zum Abschwung 2010 und 2011 gebaut worden. Entsprechend niedrig sind die Wirkungsgrade und die Effizienz in den Fabriken. Wir würden uns also mit der xGWp auf längere Zeit an die Spitze des Weltmarkts setzen.

Was passiert, wenn xGWp scheitert?

Das wäre ein schwerer Schlag für die europäische und insbesondere auch die deutsche Solarindustrie. Wir haben hier nach wie vor die besten und effizientesten Technologien, könnten sie aber dann kaum noch in der Praxis zum Wohl des Standorts Europa einsetzen. 

 
 

Eicke Weber leitet das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, mit rund 1.300 Mitarbeitern das größte Forschungsinstitut für Solarenergie in Deutschland. Weber beschäftigt sich sowohl mit Grundlagen als auch mit Anwendungen der Technik in Unternehmen. Der Physik-Professor, Jahrgang 1949, mischt sich als führender Solarforscher gerne in die Politik ein. Engagiert wirbt er für die Photovoltaik-Förderung – jetzt in Form des neuen Megaprojekts xGWp.

Titelbild: depositphotos

Jakob Schlandt
Keywords:
Eicke Weber | Fraunhofer ISE | Solarenergie | Photovoltaik
Ressorts:
Finance | Technology | Markets | Community

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