Sektorenkopplung
03.01.2019

50 Hertz: Netzausbau muss Vorrang vor Power-to-Gas haben

Foto: 50 Hertz, Foto Startseite: iStock
Hochtemperaturseile zur Verstärkung einer Leitung des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz. Der Ausbau der Netze geht langsamer vonstatten als von großen Teilen der Politik und der Wirtschaft gewünscht.

Windbranche und Anlagenbauer drängen zum raschen Einsatz der Power-to-Gas-Technologie. Der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz dagegen fordert Vorrang für den Ausbau der Stromnetze.

Power-to-Gas-Anlagen, die mit grünem Strom Wasserstoff erzeugen, gelten als eine Schlüsseltechnologie der Energiewende. Sie können Windstrom nutzbar machen, der bisher wegen mangelnder Netzkapazität verloren geht. Um die Technologie schneller in den Markt zu bringen, fordern Vertreter der Windbranche von der Bundesregierung mehr Engagement und eine politische „Roadmap“. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau gründete im Dezember eigens eine entsprechende Arbeitsgemeinschaft.

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Doch nicht alle in der Stromwirtschaft halten die Eile für sinnvoll: Für Dirk Biermann vom Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz kann Power-to-Gas zwar „eine wichtige Unterstützung“ sein. „Allerdings muss prioritär der Netzausbau vorangetrieben werden“, sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit bizz energy. Nur so entstehe eine stabile Grundlage für die technisch und volkswirtschaftlich optimale Einbindung der erneuerbaren Energien. Biermann verantwortet im 50-Hertz-Management den Bereich Märkte und Systembetrieb.

Zweifel an Wirtschaftlichkeit

Bei dem Übertragungsnetzbetreiber herrscht die Einschätzung, dass Power-to-Gas wegen hoher Investitionskosten volkswirtschaftlich derzeit nicht sinnvoll ist und dass in Deutschland absehbar nicht genug überschüssiger grüner Strom verfügbar ist. Deshalb sollen Maßnahmen Vorrang haben, die schneller zu einer Dekarbonisierung der Wirtschaft beitragen können.

Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW wollen Ende Januar ihren „Netzentwicklungsplan V2019“ vorlegen. Dieser werde zeigen, mit welchen Netzausbauprojekten und Innovationen sich ein Anteil von 65 Prozent erneuerbarer Energien ins Übertragungsnetz integrieren lasse, kündigt Biermann an.

Gasversorger pro Power-to-Gas

Doch insbesondere der Bau von Stromtrassen, die Energie aus dem windreichen Norden südwärts transportieren, geht nach Ansicht vieler Experten zu langsam vonstatten. Deshalb häufen sich die Forderungen nach einer beschleunigten Sektorenkopplung mittels P2G  – auch aus der Gaswirtschaft.

Die Gasbranche stehe zu den Klimazielen der Bundesregierung, erklärte kürzlich Michael Riechel, der Vorstandschef der Thüga-Gruppe, und schlug einen Bogen zu P2G:  „Wir müssen dafür sorgen, dass wir das Gas grün anreichern können“, so Riechel beim „Energiegespräch am Reichstag“, das regelmäßig vom Direktor des Energie-Thinktanks EUCERS, Friedbert Pflüger, und vom ehemaligen polnischen Botschafter Janusz Reiter veranstaltet wird. Riechel sagte, zu klären sei, welche Bedarfe es für P2G gebe, ob die Anlagen in den Übertragungs- oder Verteilnetzen angesiedelt werden müssten oder über eine Grün-Gas-Quote im Markt. Klar sein müsse auch, wie sich mit P2G Geld verdienen lasse. „Power-to-Gas ist technologisch belastbar, es funktioniert“, so Riechel“, doch es hapert noch am Business-Plan.“

Tennet verbündet sich mit Thyssengas

Derzeit laufen in Deutschland 37 P2G-Anlagen, die meisten sind kleine Erprobungsmodelle. An vielen beteiligen sich Unternehmen der Gaswirtschaft, die erwägen, ihre Leitungen mit einem steigenden Anteil synthetisch erzeugten Gases zu füllen.

Die Übertragungsnetzbetreiber könnten dabei ihre Verbündete werden. Die Gasleitungsunternehmen Thyssengas und Gasunie proben bereits den Schulterschluss mit Tennet. Gemeinsam wollen sie in Niedersachsen Deutschlands erste Power-to-Gas-Anlage in industriellem Maßstab mit einer Kapazität von 100 Megawatt errichten – das wäre 15 mal so viel wie bei bisherigen Anlagen. Die Technologie solle helfen, „das Stromnetz zu stabilisieren, die Abregelung von Windenergie zu begrenzen und künftigen Netzausbaubedarf zu begrenzen“, heißt es dazu bei Tennet.

Szenario: Syngas“ wird importiert

Auf lange Sicht sieht indes auch 50-Hertz-Geschäftsführer Biermann eine wichtige Rolle für die P2G-Technologie. Die Anlagen sollten nach seiner Ansicht vor allem in Norddeutschland installiert werden, wo viel Strom regenerativ erzeugt wird und die Technik am besten zur Stabilisierung der Netze eingesetzt werden kann. Konkretere Überlegungen soll die 50-Hertz-Studie „Zielnetz 2050/Energiewende Outlook 2050“ enthalten, die das Unternehmen im Februar vorstellen will.

Einen Einsatz von P2G im großen Stil hält der in Berlin ansässige Übertragungsnetzbetreiber ab dem Jahr 2030 für realistisch. Das synthetische Gas könne dann beispielsweise im Güterverkehr und in industriellen Prozessen genutzt werden, heißt es bei 50 Hertz. Dabei werde in Deutschland produziertes „Syngas“ mit solchem aus besonders sonnenreichen Regionen der Erde konkurrieren. Reichten die Produktionskapazitäten in Deutschland nicht aus, sei ein Import sogar geboten.

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Christian Schaudwet
Keywords:
Power-to-gas | Power-to-X | Netzausbau | Sektorenkopplung
Ressorts:
Governance | Technology

Kommentare

Ein Netz zum Transport von Wasserstoff in Deutschland würde ca. 450 Mil. E kosten.Das ist ein Bruchteil von den Kosten der HGÜ Leitungen welche geplant sind plus was noch benötigt wird. Auch sollte man die Brennstoffzelle und nicht die Batterie als zukünftige Energiequelle bei den deutschen Autobauern vorrantreiben sonst wird Deutschland diese Technik den Chinesen überlassen. Damit bekommen wir 4 Mil. Arbeitslose.

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