Interview Bioenergie
14.11.2012

„Es gibt keine Flächenkonkurrenz“

Foto: Envitec AG
Olaf von Lehmden, CEO Envitec AG

Wegen des wachsenden Maisanbaus für Biogas steht die Branche in der Kritik. Im Interview mit BIZZ energy today spricht der Chef des Anlagenbauers Envitec, Olaf von Lehmden, über die Konkurrenz zur Nahrungsmittel-produktion, steigende Rohstoffkosten und die Aussichten für das kommende Jahr.

BIZZ energy today: Herr von Lehmden, Biogas steht aktuell in der Kritik. Eine Studie stellt sogar den Nutzen von Bioenergie generell in Frage. Wie beurteilen Sie die Lage?

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Olaf von Lehmden: Wir stellen uns gerne fundierter Kritik. Die genannte Studie der Leopoldina hat aus unserer Sicht aber erhebliche Schwächen, zum Beispiel wird Biogas darin nicht als grundlastfähige Energieform gewürdigt, die sie von anderen erneuerbaren Energieträgern unterscheidet. In Deutschland besteht bei den Agrarflächen im Übrigen keine echte Konkurrenz zwischen Tank und Teller. Nach einer Studie des Bundeslandwirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2011 beträgt das theoretisch erschließbare Flächenpotenzial für den Energiepflanzenanbau in Deutschland in Zukunft bis zu vier Millionen Hektar – ohne dabei die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu beeinträchtigen. Für den Anbau von Nahrungsmitteln wird in Zukunft sogar weniger Fläche benötigt.

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BIZZ e.t.: Wie kommt das?

von Lehmden: Das liegt daran, dass die Bevölkerung schrumpft und gleichzeitig die Landwirtschaft immer effizienter wird, also mehr Ertrag aus der Fläche holt.

BIZZ e.t.: Der Preis für Rohstoffe wie Mais ist aber zuletzt gestiegen. Wird dadurch der wirtschaftliche Betrieb von Biogasanlagen schwieriger?

von Lehmden: Ja, kurzfristig gesehen ist das so! Wer keine eigenen Anbauflächen besitzt, sollte sich durch langfristige Lieferverträge absichern. Solche langfristigen Substratlieferverträge sind in der derzeitigen Hochpreisphase natürlich schwieriger abzuschließen. Daneben ist Mais aber nur ein Input-Stoff, neben Reststoffen oder anderen Energiepflanzen. Unsere Biogasanlagen können mit einem deutlich geringeren Mais-Anteil auskommen. An dieser Input-Flexibilität arbeiten wir derzeit verstärkt.

BIZZ e.t.: Künftige sollen Reststoffe bei der Bioenergieerzeugung eine größere Rolle spielen. Sind diese in großen Mengen verfügbar?

von Lehmden: Wir arbeiten schon seit Längerem mit diesen Stoffen. Organische Reststoffe fallen bei Produzenten von Lebensmitteln und Agrarprodukten fortlaufend an. Zur genauen Verfügbarkeit gibt es keine mir bekannten fundierten Angaben. Neben der Technologie ist aber auch die kontinuierliche Verfügbarkeit eine wesentliche Aufgabe. Was passiert mit den hohen Investitionskosten für eine Biogasanlage im Falle einer Schließung des Industriebetriebes, der die Anlage mit Rohstoffen versorgt? Diese Problematik wird auch von den Banken gesehen und intensiv diskutiert. 

BIZZ e.t.: Mit dem EEG 2012 ist der Zubau bei Biogasanlagen deutlich zurückgegangen. Welche Entwicklung erwarten Sie für das kommende Jahr?

von Lehmden: Der deutsche Markt ist nach den starken letzten Jahren in eine Reifephase getreten. Die jährlichen Zuwachsraten bei den Neuinstallationen werden sich nicht steigern lassen. Der Gesetzgeber hat mit dem EEG 2012 deutlich gemacht, dass er eher die größeren und energieeffizienteren Biogasanlagen sowie die Gasaufbereitungsanlagen fördern will. Bei letzteren besteht noch großes Wachstumspotenzial, denn die Ziele der Bundesregierung für die Einspeisung von Biogas ins Erdgasnetz sind nur zu einem Bruchteil erreicht. Wir sehen hier für uns gute Chancen, weil wir über eine gute Technik verfügen. Aus unserer Sicht wird zudem das Repowering von Biogasanlagen künftig eine größere Rolle spielen. 

BIZZ e.t.: Seit Januar können Betreiber von Biogasanlagen ihren Strom direkt vermarkten. Envitec hat mit Stromkontor dafür eine eigene Gesellschaft gegründet. Wie entwickelt sich das Geschäft?

von Lehmden: Aus unserer Sicht sehr gut. Im Sommer haben wir die 55-Megawatt-Marke geknackt. Innerhalb nur eines halben Jahres hat sich unser Anlagenpool damit verdoppelt.

BIZZ e.t.: Windturbinen und Solarmodule sind in den letzten Jahren immer billiger geworden, wie sieht es bei Biogasanlagen aus?

von Lehmden: Die Anlagen-Effizienz ist erheblich gestiegen, das heißt pro Hektar wird mehr Energie produziert. Die Biogasmotoren haben in den letzten Jahren einen deutlich höheren Wirkungsgrad erreicht. Bei Gaseinspeiseprojekten beträgt die Effizienz sogar 80 Prozent der Primärenergie. Im Vergleich dazu erreichen Großkraftwerke im Schnitt nur 45 Prozent Wirkungsgrad.

 

Olaf von Lehmden ist CEO und Vorstandsvorsitzender der Envitec Biogas AG, dem größten deutschen Hersteller und Betreiber von Biogasanlagen. Das Unternehmen mit Sitz im niedersächsischen Lohne verzeichnete im letzten Jahr einen Umsatz von 244 Millionen Euro. Bei der Biogasaufbereitung kooperiert Envitec mit dem Chemiekonzern Evonik.
Karsten Wiedemann
Keywords:
Biogas | Bioenergie | EEG | Mais | Envitec
Ressorts:
Markets

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