Erneuerbare Energien
09.01.2019

Abgeregelter Strom: Schlummernde Schätze

Foto: istock/JSabel
Kein anderes Bundesland regelt so viel grünen Strom ab wie Schleswig-Holstein.

Viel Ökostrom geht verloren, weil es nicht genügend Leitungskapazität gibt. Mit dieser Energie ließe sich im Verkehrs- und im Gebäudesektor eine Menge anstellen, wie die Analyse von bizz energy Research zeigt.

Die Eingriffe zur Stabilisierung des Stromnetzes sind in der ersten Hälfte 2018 zwar weniger geworden. Doch das ist kein Grund zur Entwarnung: Noch auf Jahre hinaus muss die Stromerzeugung in Deutschland während besonders sonnen- und windreicher Phasen gedrosselt werden. Das Netz kann die Lastspitzen nicht aufnehmen, sein Ausbau geht zu langsam voran. Im Jahr 2017 verursachte das sogenannte Einspeisemanagement Rekordkosten von 1,4 Milliarden Euro. Bezahlen mussten das die Verbraucher über den Strompreis.

Anzeige

Anzeige

Einspeisemanagement bedeutet, dass auf Verlangen des Netzbetreibers die Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energien und aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen abgeregelt wird. Dazu werden die Erzeugungsanlagen abgeschaltet. Für den Verdienstausfall erhält der Stromerzeuger eine Entschädigung. Die abgeregelte Energie wird auch als Ausfallarbeit bezeichnet.

2,7 Terrawattstunden abgeregelt

Vor allem in Schleswig-Holstein ist die Ausfallarbeit immens hoch. Sie betrifft primär die Onshore-Windenergie. 2017 wurden in dem Bundesland 2,7 Terawattstunden (TWh) Strom abgeregelt – 72 Prozent der gesamten in Deutschland abgeregelten Menge. Die Nachfrage liegt in der relativ dünn besiedelten Region weit unter dem Angebot. Die Entschädigungszahlungen an die Erzeuger für die Ausfallarbeit wären unnötig, könnte der Strom vor Ort eingesetzt werden. Schleswig-Holstein hätte daher das Potenzial, zum Schlüsselland der Sektorenkopplung zu werden.

Das Power-to-Gas-Verfahren (P2G), die Produktion von Wasserstoff mithilfe von Strom und Elektrolyse, wäre ein sinnvoller Weg, die bisher nicht verwendete Energie zu nutzen. Der Haken: P2G ist noch nicht wirtschaftlich. Ein Hebel, um dies zu ändern, wäre eine Verringerung der Abgabenlast. Dazu müssten P2G-Anlagen als Speichereinheiten definiert werden und nicht mehr als EEG-Umlage- und stromsteuerpflichtige Letztverbraucher. So bekäme P2G die Chance, sich als Energiespeicher und Netzstabilisator zu etablieren.

Strom per Power-to-Heat speichern

Der grüne Wasserstoff oder aus diesem gewonnenes Methangas ließe sich zum Antrieb von Fahrzeugen einsetzen oder ins Gasnetz einspeisen. Eine weitere erprobte Nutzungsart für Strom, der nicht aus der nördlichen Erzeugungsregion abtransportiert werden kann, ist das Power-to-Heat-Verfahren (P2H). Dabei wird Strom lokal und dezentral gespeichert (Pufferspeicher) und zur Erzeugung von Wärme für Gebäude verwendet. Wie P2G kann P2H Lastspitzen aus dem Stromnetz aufnehmen und helfen, es zu stabilisieren.

Für den Verkehrssektor lässt sich das Potenzial des abgeregelten Stroms anschaulich darstellen: Mit der 2017 abgeregelten Menge hätte im gleichen Jahr fast die Hälfte des Strombedarfs des gesamten Verkehrssektors in Deutschland gedeckt werden können. Diese Energie hätte beispielsweise für 27,6 Milliarden gefahrene Kilometer in batterieelektrischen Pkw gereicht (zugrunde gelegtes Fahrzeug: Tesla S).

Beim Heizen von Gebäuden könnte sich der verloren­gegangene grüne Strom ebenfalls bewähren: Mit der im Jahr 2017 abgeregelten Menge hätte man rund 394.000 Haushalte (100 Quadratmeter ­Fläche, ­Baujahr vor 2002) ein Jahr lang mit Heizwärme ­versorgen können.

Die Marktforschungs- und Beratungsagentur bizz energy Research ist ein Schwesterunternehmen der bizz energy Mediengesellschaft.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Herbst 2018 von bizz energy. Unser Magazin ist als E-Paper im iKiosk oder bei Readly erhältlich.

Lesen Sie auch: 50 Hertz – Netzausbau muss Vorrang vor Power-to-Gas haben

bizz energy Research
Keywords:
Abgeregelter Strom | Stromnetz | Windenergie | erneuerbare Energien | Power-to-gas
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen