Windenergie
13.11.2019

Abstand von der Energiewende

Foto: iStock
Stockender Ausbau, Jobabbau und umstrittene schärfere Regeln prägen derzeit die Diskussion um Windräder.

Neue Windräder sollen eine Entfernung von mindestens 1.000 Metern zur nächsten Siedlung einhalten, schlägt Wirtschaftsminister Peter Altmaier vor. Was bedeutet diese Regel für den Ausbau der Windenergie?

Einen außergewöhnlichen Brief erhielt CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier am Mittwoch. Unterzeichnet hatten ihn unter anderem der Industrieverband BDI, der Gewerkschaftsbund DGB und der Verband der Windenergiefirmen BWE – Organisationen, die nicht täglich an einem Strang ziehen. Und auch ihre Botschaft war deutlich: „Die geplanten Einschränkungen der Windenergie an Land stellen die Realisierbarkeit sämtlicher energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung in Frage.“

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Auslöser des Aufruhrs ist ein Gesetzentwurf des Wirtschaftsministeriums, der unter anderem einen bundesweiten Mindestabstand von 1.000 Metern für Windkraftwerke von Städten, Dörfern und selbst kleinen Siedlungen mit fünf Häusern festlegt. Länder und Kommunen sollen allerdings unter bestimmten Voraussetzungen davon abweichen dürfen. Altmaier will damit einerseits auf zahlreiche Bürgerinitiativen zugehen, die sich gegen bestehende und geplante Windräder wehren. Andererseits betont er, der Ausbau der erneuerbaren Energien und auch der Windkraft solle weitergehen. An dem Ziel, den Anteil des Ökostroms von heute knapp 40 auf 65 Prozent bis 2030 anzuheben, werde nicht gerüttelt.

Der mögliche Zubau fällt geringer aus

Aber passt das zusammen? Eher nicht, heißt es in einem Gutachten, das Altmaiers Ministerium unlängst selbst in Auftrag gab. Die Expertinnen und Experten zweier Institute – Fraunhofer IEE und Navigant – schreiben: „Pauschale Mindestabstände von 1.000 Metern führen, je nach untersuchter Variante, zu einer Reduktion der Flächenverfügbarkeit um zehn bis 40 Prozent.“ Zur Erklärung: Heute steht mancher Rotor 500, 700 oder 800 Meter von der nächsten Siedlung entfernt. Müssen neue Anlagen einen größeren Abstand einhalten, können weniger errichtet werden. Der mögliche Zubau fällt geringer aus. Außerdem soll die Regelung auch für bereits bestehende Windparks gelten. Viele alte Kraftwerke dürften nicht ersetzt werden. Die Gefahr einer starken Bremsung der Energiewende sieht auch das Umweltbundesamt (UBA).

Alles nicht so schlimm, heißt es dagegen im Wirtschaftsministerium. Der Ausbau der Windenergie werde sich fortsetzen. Man hebe auch die bisherige Begrenzung für Solarkraftwerke auf. Und für Windanlagen auf dem Meer ist ebenfalls ein größerer Zuwachs vorgesehen.

Gut und schön, aber das reiche nicht, argumentiert dagegen der Bundesverband Windenergie (BWE). Wolle die Regierung ihr selbstgestecktes 65-Prozent-Ziel für 2030 einhalten, müssten von nun an jährlich etwa 1.500 Windräder an Land zusätzlich aufgestellt werden. Genau das sei mit einer 1.000-Meter-Begrenzung aber kaum machbar, schreibt das UBA: „Ein Zubau an Windenergiekapazität gegenüber dem Status quo wäre auf der verbleibenden Fläche faktisch nicht möglich.“

"Geplante Regelung ist wirtschaftsfeindlich"

Und wie sieht es mit dem weitgesteckten Plan aus, die Bundesrepublik bis 2050 komplett aus regenerativen Quellen zu versorgen? Dafür müsste die Leistung der installierten Windkraftwerke an Land nach heutigen Prognosen auf mehr als das Dreifache steigen – von etwa derzeit 50 Gigawatt (GW) auf vielleicht 170 GW (Milliarden Watt). Patrick Graichen, Chef der Organisation Agora Energiewende, befürchtet nun: „Die 1000-Meter-Regel könnte dazu führen, dass das Windkraftpotenzial an Land bei etwa 50 GW eingefroren wird.“

So mag die geplante Neuregelung eine negative Tendenz innerhalb der bundesdeutschen Windindustrie verstärken. Im Vergleich zu früheren Jahren werden augenblicklich kaum noch neue Rotoren errichtet. Enercon, der größte Windanlagenbauer des Landes, hat deshalb schon die Kürzung von bis zu 3.000 Stellen angekündigt. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) wollte am Mittwoch in persönlichen Gesprächen zwar noch das Schlimmste verhüten, doch Enercon-Vorstand Hans-Dieter Kettwig beschied: „Es bricht etwas weg, was wir nicht auffangen können.“ Und mit Blick auf den 1.000-Meter-Abstand fasste Agora-Chef Graichen die Lage so zusammen: „Die geplante Regelung ist wirtschaftsfeindlich.“

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Hannes Koch
Keywords:
Windenergie | Windkraft Onshore
Ressorts:
Governance | Markets

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