Energieeffizienz
30.01.2019

Abwärmenutzung in Hamburg: EU-Prüfung bremst Vorzeigeprojekt

Fotos: Creative Commons/Gerhard Kemme, CC/Panoramio/hh oldman
Aurubis-Kupferwerk in Hamburg: Industrie-Abwärmenutzung könnte Hamburgs jährlichen CO2-Ausstoß um 140.000 Tonnen verringern.

Hamburg heizt Wohnungen mit Abwärme aus einem Kupferwerk. Das System soll im Zuge der Rekommunalisierung des Fernwärmenetzes stark erweitert werden. Doch nun prüft die EU, ob diese überhaupt rechtens ist.

Der für Ende Januar vorgesehene Rückkauf des Fernwärmenetzes in Hamburg geht nicht wie geplant über die Bühne. Der Grund für die Verzögerung: Die EU-Kommission prüft, ob es sich um eine verbotene staatliche Beihilfe handeln würde. Das hat auch Auswirkungen auf ein Leuchtturm-Projekt der Wärmewende, bei dem der Kupferhersteller Aurubis bis zu 32.000 Hamburger Haushalte mit industrieller Abwärme zum Heizen versorgen könnte.   

Anzeige

In kleinem Maßstab liefert Aurubis bereits Heizenergie. Seit Ende Oktober zweigt das Werk auf der Elbinsel Peute einen Teil der Wärme ab, die in einem chemischen Nebenprozess der Kupferproduktion anfällt. Wasser wird auf 90 Grad erhitzt und über eine 3,7 Kilometer lange Rohrleitung vom Werksgelände ins Zentrum der Hansestadt transportiert. In Kooperation mit dem kommunalen Energieversorger Enercity heizt das warme Wasser Wohnungen und Büros im neuen Stadtteil Hafencity Ost.

Anzeige

Das Quartier ist damit das erste in Deutschland, das fast ausschließlich mit CO2-freier Abwärme aus der Industrie versorgt wird. Enercity und Aurubis haben jeweils mehr als 20 Millionen Euro in das Projekt investiert. Bei der Inbetriebnahme verkündeten sie stolz, auf diese Weise würden 20.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr vermieden.

Die Leitung ist schon velegt

Aber dassoll erst der Anfang sein. „Die Abwärmenutzung in industriellen Unternehmen besitzt ein sehr großes Potenzial für die Energieeffizienz,“ sagt Jens Kerstan (Grüne), Senator für Umwelt und Energie, im Gespräch mit bizz energy. Nach Angaben von Aurubis liegt das Abwärme-Heizpotenzial seines Werks bei einer Kapazität von bis zu 60 Megawatt. Würden diese genutzt, ließen sich jährlich Emissionen in Höhe von 140.000 Tonnen vermeiden.

Die Leitung, die von der Peute-Insel über die Elbe führt, ist Aurubis zufolge schon dafür ausgelegt, die Abwärme, die aus zwei weiteren Produktionsprozessen ausgekoppelt werden soll, ins Hamburger Fernwärmenetz einzuspeisen.

(Lesen Sie auch: Berlin-Tegel wird nachhaltiges Technologie- und Wohnquartier)

Die Hansestadt will bis 2020 rund zwei Millionen Tonnen CO2 im Vergleich zu 2012 einsparen. Die – nicht nur in Hamburg – angestrebte Wärmewende spielt dabei eine entscheidende Rolle; nicht nur, weil bisher ein Großteil der Primärenergie für Heizung und Warmwasser verbraucht wird. Sondern auch, weil die Wirtschaft in Hamburg etwa die Hälfte der CO2-Emissionen verursacht und sie sich selbst zu Reduktionen verpflichtet hat. Der Ausbau der Aurubis-Abwärmenutzung könnte somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Wärme für die Elbphilharmonie

„Die gesamte östliche Hafencity in Hamburg wird künftig mit Abwärme aus der Kupfererzeugung versorgt“, verspricht Kerstan. „Das Projekt ist einzigartig in Deutschland.“ Der westliche Teil der Hafencity, zu dem auch das neue Wahrzeichen Elbphilharmonie gehört, wird per Fernwärme beheizt. Noch stammt diese überwiegend aus Kohleverfeuerung, aber das soll sich so bald wie möglich ändern: zugunsten der industriellen Abwärme.

Derzeit verpuffen allerdings zwei Drittel der Aurubis-Energie ungenutzt, weil die Stadt Hamburg noch nicht im Besitz des Fernwärme-Netzes ist. Geplant war die Übernahme, die auf einem Volksentscheid von 2013 beruht, für Januar 2019. Nach langwierigen Debatten, bei denen es vor allem um den vereinbarten Mindest-Kaufpreis von 950 Millionen Euro ging, beschloss der rot-grüne Senat Ende November 2018 den Rückkauf des Wärmenetzes von Vattenfall.

„Meilenstein für den Kohleausstieg“

Rund 200.000 Haushalte werden über dieses Netz versorgt. Als „Meilenstein für den Klimaschutz und den Kohleausstieg Hamburgs“ bezeichnete Kerstan den Beschluss Ende vergangenen Jahres: „Die Wärmewende wird Hamburgs größter Beitrag zu den Klimazielen von Paris.“

Doch nun findet eine rechtliche Prüfung durch die EU-Kommission statt, wofür der Umweltsenator gegenüber regionalen Medien vor kurzem den schwedischen Energiekonzern verantwortlich gemacht hat. Dieser weist das energisch zurück: „Vattenfall hat das Verfahren nicht veranlasst und ist daran nicht beteiligt. Allerdings begrüßt Vattenfall dessen Durchführung, weil damit für alle Beteiligten, insbesondere für die Stadt, die erforderliche Rechtssicherheit geschaffen wird“, sagt eine Konzernsprecherin. Sie ergänzt, der Senat selbst habe im vergangenen Jahr auf die möglicherweise notwendige Klärung beihilferechtlicher Fragen hingewiesen. Die Hamburger Umweltbehörde steht in Kontakt mit der EU-Kommission: „Wir gehen davon aus, dass die Prüfung bis März abgeschlossen sein wird“, sagt Kerstan.

Lesen Sie auch:

Absatz von Wärmepumpen steigt 2018 um acht Prozent

Verbände fordern Effizienz-Offensive für Häuser

 

Monika Rößiger
Keywords:
Energieeffizienz | Abwärme | Wärmewende | Aurubis
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy
Winter 2018/2019

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de

Das E-Paper ist erhältlich bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen