Brennstoffzellen
21.06.2018

Alstom-Manager: Wasserstoff hat ein Imageproblem

Foto: Redaktion
Der Brennstoffzellenzug Coradia iLint im Frühjahr bei der ersten Passagierfahrt in Hessen.

Jens Sprotte, Manager beim Zughersteller Alstom, wünscht sich mehr politische Unterstützung für Brennstoffzellen-Antriebe. Vor allem die Nutzung von Wasserstoff entlang der Schiene müsse in den Fokus rücken.

Sie produzieren weder CO2, noch Stickoxid oder Feinstaub, sondern nur Wasserdampf und Kondenswasser: Brennstoffzellen-Züge sollen Dieselfahrzeuge auf Strecken ersetzen, wo eine Elektrifizierung per Oberleitung nicht in Frage kommt. Allerdings kann die Umstellung aus Sicht von Zughersteller Alstom nur dann funktionieren, wenn auch genug lokaler „Treibstoff“ vorhanden ist, also die Versorgung mit Wasserstoff (H2). „Wenn es entlang der Schiene Wasserstoff gibt oder Windräder, dann sollte man diese Energiequellen auch nutzen“, sagt Jens Sprotte, Leiter Geschäftsentwicklung bei Alstom Deutschland im Gespräch mit bizz energy.

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Momentan sei die Umstellung von Diesel- auf Wasserstoffantrieb schwierig, weil die zuständigen Landesverkehrsgesellschaften bei ihren Ausschreibungen nur den Schienenverkehr im Blick hätten und nicht „das große Bild“ – also auch die Energieversorgung. „Ich wünsche mir eine übergeordnete Strategie auf Bundesebene, um Sektorkopplung mit konkreten Projekten zu initiieren“, sagt Sprotte.

Britischer Transport-Minister ist interessiert

Andere Länder wie Großbritannien oder Kanada gingen viel weniger zögerlich mit der H2-Technologie um als Deutschland. So wolle sich der englische Transport-Minister Jo Johnson bei Alstom demnächst persönlich über die Technologie informieren und sich die Prototypen in Bremervörde ansehen. Großbritannien plane, Diesel-Züge in großem Stil auf Wasserstoff umzurüsten. In Deutschland hingegen habe das Gas ein Image-Problem, das völlig unbegründet sei. „Brennstoffzellen-Fahrzeuge haben so viele Sicherheitsschleifen, da kann nichts passieren“, sagt Sprotte.

Der deutsch-französische Zugbauer Alstom liefert noch in diesem Jahr zwei Brennstoffzellenzüge nach Niedersachsen, die ab September mit Fahrgästen in den Probebetrieb gehen. Momentan fehlt noch die Zulassung des Eisenbahnbundesamtes, eigentlich hätte der Betrieb bereits im Sommer starten sollen. Die  Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) hat bei Alstom weitere 14 Brennstoffzellen-Züge bestellt, die bis 2021/22 fahren sollen.

Wasserstoff-Tankstelle wird nach und nach "grün" gemacht

Für deren Energieversorgung baut der Gasehersteller Linde in Bremervörde für rund zehn Millionen Euro die weltweit erste Wasserstofftankstelle. Sie wird vom Bund gefördert und soll zunächst „Bestandswasserstoff“ liefern – also H2, das in Chemieparks als Abfallprodukt anfällt, etwa bei der Chlorproduktion. Dann soll sie Stück für Stück auf mit Windstrom erzeugten „grünen“ Wasserstoff umgestellt werden, sagt Sprotte.

Der Alstom-Manager begründet dies damit, dass Erzeuger von Wasserstoff aus regenerativen Quellen per Elektrolyse momentan die volle EEG-Umlage zahlen müssten. Dadurch würden diese unverhältnismäßig belastet. Erst nach einem Jahr könnten sie als energieintensive Anlage davon befreit werden. Deswegen habe die Tankstelle zwar von Anfang an einen kleinen Elektrolyseur, er werde aber zunächst nicht angeschlossen. Elektrolyseure zerlegen Wasser in seine Grundkomponenten Wasserstoff und Sauerstoff.

Müllfahrzeuge und Busse mit einplanen

Sprotte setzt sich dafür ein, „Bestandswasserstoff“ generell stärker für „ökologisches Mobilitätsrecycling“ zu nutzen. „Wir würden nur knapp ein Prozent des in Deutschland anfallenden Wasserstoffs brauchen, um 300 Brennstoffzellen-Züge zu betreiben“, sagt er. Derzeit wird überschüssiges H2 häufig im Erdgasnetz verfeuert.

Sprotte plädiert zudem dafür, bei der Konzeption der kostspieligen Wasserstoff-Tankstationen auch andere Fahrzeuge mit Brennstoffzellenantrieb miteinzuplanen. „Warum denkt man nicht von vornherein größer und bezieht zum Beispiel Müllfahrzeuge und Busse mit ein, dann sieht der Business Case nochmal ganz anders aus,“ so der Manager. Er betont, dass sich der Betrieb auch für 14 Fahrzeuge wie in Bremervörde rechne. Es sei jedoch „schade, wenn die Infrastruktur den Rest der Zeit nicht genutzt“ werde.

„CO2-Vermeidung spielt leider keine Rolle“

Bei der Vergabe von Ausschreibungen wünscht sich der Alstom-Manager einen Bonus für emissionsfreie Züge. Momentan sei das einzige Vergabekriterium der Preis. „Wir müssen mit dem günstigsten Preis gegen den Diesel gewinnen, was wir teilweise schon können“, sagt Sprotte. „Aber das Thema CO2-Vermeidung spielt dabei keine Rolle, und das ist schade.“ Schließlich könnten durch den Einsatz eines Brennstoffzellenzuges im Jahr elf bis 13 Tonnen CO2 weniger ausgestoßen werden.

Andere Bundesländer planen ebenfalls, ihre Züge auf Brennstoffzellen-Antrieb umzustellen: Auch mit Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und dem Rhein-Main-Verkehrsverbund in Hessen hat Alstom hat bereits Absichtserklärungen unterzeichnet. Insgesamt sind damit bisher 60 Wasserstoff-Züge in Planung.

Lesen Sie auch: Hessen lässt ersten Brennstoffzellen-Zug fahren

Jutta Maier
Keywords:
Brennstoffzelle | Wasserstoff | Brennstoffzellenzug | Alstom | Jens Sprotte
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

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