Wärmewende
30.05.2018

„Der Heizungsbestand ist unfassbar alt“

Thermondo
Thermondo-Chef und -Gründer Philipp Pausder war früher Basketball-Profi und arbeitete unter anderem für Adidas.

Die Wärmewende bei privaten Haushalten kommt zu kurz, kritisiert Philipp Pausder. Der Chef von Deutschlands größtem Heizungsbauer Thermondo sieht mangelnde Kundenberatung als Ursache und fordert mehr Einsatz von der Politik.

Thermondo-Chef und Gründer Philipp Pausder sieht die Politik in der Pflicht, dem privaten Wärmesektor größere Aufmerksamkeit zu widmen. Nur dann könnten die CO2-Reduktionsziele der Energiewende noch erreicht werden. „Rational handelnde Politiker müssten sich fragen, wo wir jetzt stehen, und mit welchen Maßnahmen wir einige 100 Millionen Tonnen CO2 im Jahr einsparen können“, sagt Pausder im Gespräch mit bizz energy. Bislang sei die Energiewende vor allem eine Stromwende.

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Nur zwei bis drei Prozent aller privaten Heizungen in Deutschland würden pro Jahr ausgetauscht – viel zu wenig, um die CO2-Ziele zu erreichen. Denn die Wärmeerzeugung für private Haushalte verbrauche exakt ebenso viel Primärenergie wie die jeweils drei anderen großen Bereiche des deutschen Energiemarktes: Strom, Industrie-Prozesswärme und Mobilität. Bei Strom und Prozesswärme sei die Effizienz schon relativ hoch, sogar die Mobilität mache dank der wachsenden Zahl von E-Fahrzeugen Fortschritte. „Nur im Bereich Wärme für private Haushalte hat sich fast gar nichts getan“, sagt Pausder.

Der Unternehmer gründete Thermondo im Jahr 2012 gemeinsam mit Florian Tetzlaff und Kristofer Fichtner. Das Unternehmen hat sich der Digitalisierung der Heizungsbranche verschrieben und zählt inzwischen 300 Mitarbeiter. Thermondo plant, verkauft, installiert und finanziert Heizungen. Bei der Auswahl der passenden Heizung kommt ein Algorithmus namens „Manfred“ zum Einsatz. Die Berliner Firma arbeitet mit nur festangestellten Handwerkern und bildet auch selbst aus.

Andere Länder sind weiter

In Deutschland müssten sie eigentlich mehr als genug zu tun haben: Studien zeigen, dass rund 75 Prozent der deutschen Heizungen nicht dem Stand der Technik entsprechen. Pausder verweist auf die Brennwerttechnik, bei der die Temperatur der Abgase einer Heizanlage noch einmal verwertet wird, wodurch die Systemeffizienz um bis zu 30 Prozent steigt. In Holland seien nahezu 100 Prozent aller Heizungen mit Brennwerttechnik ausgestattet, in England ebenso, in Deutschland dagegen nur 25 bis 30 Prozent.

Private Haushalte sind für die Energiewende besonders wichtig: Schließlich handelt es sich bei gut 15 von insgesamt 20 Millionen Gebäuden in Deutschland um Ein- und Zweifamilienhäuser, bei denen der Nutzer meist auch der Eigentümer ist. Pausder klagt: „Wir sind das Heimatland der Energiewende, der Staat engagiert sich, der Heizungsbestand ist unfassbar alt, ein Technikwechsel rechnet sich für die Eigentümer – und trotzdem bleibt die Austauschquote seit Jahren auf extrem niedrigen Niveau.“

Es hapert an der Beratung

Der Thermondo-Chef macht dafür vor allem eine mangelhafte Beratung von Heizungskunden durch die Industrie verantwortlich. „Es wird zu wenig von Kundenseite aus gedacht, Preis und Leistung sind oft intransparent, es gibt keine Markenneutralität, keine geordnete Absatzfinanzierung und keine Inklusion von Förderprogrammen.“ All dies will Thermondo besser machen: „Wir bieten alle Leistungen rund um die Heizung aus einer Hand an, sind strikt markenneutral, machen verbindliche Festpreisangebote und unterstützen unsere Kunden bei der Beantragung von Fördergeldern.“ Mit diesem Ansatz sei sein Start-up in wenigen Jahren zum nach Stückzahlen größten Heizungsbauer Deutschlands geworden.

Dass Thermondos Marktanteil trotzdem unter einem Prozent liegt, zeigt, wie fragmentiert der Markt ist. „Es ist ein eingefahrenes Ökosystem, das durch Besitzstandswahrung dominiert ist“, sagt Pausder. Auf der Herstellerseite gebe es ein Oligopol, Großhändler übernähmen die Logistik, und den letzten Meter zum Kunden deckten 53.000 kleine und mittelgroße Handwerksbetriebe ab.

Alles aus einer Hand

Moderne Energieversorger müssten möglichst viele Kundenbedürfnisse abdecken, sagt Pausder. Deshalb kann man bei Thermondo bereits bewirtschaftete Heizungen mieten, und bald soll ein Wärme-Contracting hinzukommen. Dabei wird Wärme in Kilowattstunden angeboten. Noch in diesem Jahr will Thermondo außerdem Gas und Strom aus erneuerbaren Quellen verkaufen. „Wärme und Strom nähern sich immer mehr einander an“, so Pausder.

Etwas länger warten müssen seine Kunden noch auf Photovoltaik-Anlagen (PV) und Batteriespeicher. „Das wird kommen, aber aktuell konzentrieren wir uns neben dem Heizungsgeschäft auf neue Produkte im Bereich Gas und Strom“, erläutert der Thermondo-Chef. Gesättigt ist der PV-Markt jedenfalls nicht. „Obwohl PV-Anlagen förderbar sind und sich für jeden deutschen Hauseigentümer rechnen würden, gibt es eine Million Einfamilienhäuser, auf deren Dach keine PV-Anlage steht.“

Den Grund dafür sieht Pausder in der Konditionierung des Photovoltaik-Absatzes über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Da diese Förderung gesenkt wurde, müsse PV jetzt ganz anders verkauft werden. „Den Kunden überzeugt nicht mehr die staatliche Förderung, sondern nur noch eine attraktive Vollkostenrechnung“, sagt der Thermondo-Chef.

Sanierungen scheitern am Schornstein

Nicht nur bei Ein- und Zweifamilienhäusern, auch bei den etwa drei Millionen deutschen Mehrfamilienhäusern kommt die Heizungsmodernisierung nur schleppend voran. Viele davon sind Altbauten. „Wenn ich dort Gasetagenheizungen durch effiziente Brennwertthermen ersetzen will, muss ich wegen der niedrigeren Abgastemperaturen erst den Schornstein sanieren und in den Schacht ein Plastikrohr einziehen“, erläutert Pausder. Das mache diese Projekte in Deutschland sehr komplex – anders als in Holland oder England, wo Schornsteine schon vor einer Generation saniert worden seien. Der Thermondo-Gründer wünscht sich deshalb Förderanreize für die Schachtsanierung.

Auch beim Thema Power-to-Heat kann die Politik nach Pausders Ansicht noch einiges tun. „Wir haben im deutschen Stromnetz überschüssigen Strom, und jeder Wasserspeicher, den wir einbauen, könnte auch ein Energiespeicher sein, der Überschüsse aus dem Netz nimmt und bei Bedarf wieder einspeist. „Das ist aber regulatorisch noch sehr anspruchsvoll, vor allem mit Blick auf die Frage, wann ich welche Netzentgelte zahlen muss“, sagt Pausder.

Lesen Sie auch: Wärmemarkt – von wem Deutschland lernen kann

Gregor Hallmann
Keywords:
Wärmewende | Heizung | Thermondo | Heizungsindustrie | Heizungsbauer
Ressorts:
Technology | Markets

Kommentare

Der Sanierungsstau in deutschen Heizungskellern ist seit jahrzehnten "hausgemacht" und wurde durch die Politik durch das Immisionsschutzgesetz zementiert. Das die Schornsteinfeger jedes Jahr die Feuerstätten prüfen ist zwar gut, jedoch trügt diese sog. Prüfbescheinigung einen intakten und "gut" funktionierenden Wärmeerzeuger gegenüber dem Hausbesitzer. Das dieser festgestellte Wert jedoch nur den feuerungstechnischen Wirkungsgrad bescheinigt ist in der Politik und auch bei vielen Fachleuten heute immer noch nicht bekannt. Ich war nun über 50 Jahre in diesem Fachbereich als Heizungsbaumeister und Staatl. gepr. Versorgungstechniker tätig und könnte zu diesem Thema "Arien" vorsingen. Es liegt nicht an mangelnder Beratung durch das Heizungsbauerhandwerk, nein, es liegt an den jährlichen Messungen durch die Schornsteinfeger! Ich hatte in meiner beruflichen Laufbahn viele Beratungsgespräche geführt und überzeugte einige Hausbesitzer für eine Austausch der Heizungskessel, welche bereits über 30 bis 40 Jahre alt waren. Am Ende der Beratungsgespräche kamm überwiegend die Äußerungen des Hausbesitzer; "Ja, der Schornsteinfegermeister hat aber gesagt und durch seinen Prüfbericht bestätigt, dass mein Heizungskessel noch sehr gut ist. Er bringt ja noch eine Wirkungsgrad von über 90%! Der hält noch viele Jahre." Damit war das Beratungsgespräch am Ende. Es wurde von den Schornsteinfermeistern auch oft geäußert; "Die Heizungsbauer möchten ja nur Geld verdienen." Solange diese Praxis nicht geändert wird, wird sich auch in den deutschen Heizungskellern in den kommenden 10 bis 20 Jahren nicht viel verändern, den ein alter deutscher Guß- oder Stahlheizkessel hält sicher 40 bis 60 Jahre!!!
Ich habe mich nunmehr zurückgezogen und bin in Rente!
Mit sonnigen Grüßen aus dem Frankenland
Hans Schmidt
Staatl. gepr. Versorgungstechniker
Heizungs- und Lüftungsbaumeister
Bachelor Engineering

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