Smart Energy
13.05.2016

App in die Zukunft

Foto: Enffi
Apps visualisieren den Stromverbrauch und vergleichen ihn mit dem von Freunden.

Mehr als ein Gag: Applikationen fürs Smartphone machen die Digitalisierung der Energiewirtschaft für Kunden erst sichtbar. Die Jagd nach kreativen Anwendungen fängt gerade an – dank einer wegweisenden Kooperation.

Der Unterschied zwischen alter und neuer Energiewelt zeigte sich selten so deutlich wie am 17. Februar dieses Jahres. Vormittags verschickt der Traditionskonzern RWE eine Ad-hoc-Mitteilung, Stammaktionäre sollen in diesem Jahr keine Dividende erhalten. „Stärkung der Finanzkraft“, „schweres Marktumfeld“ – so die Schlagworte. Nur ein paar Autominuten entfernt, am Abend des gleichen Tages. In den Essener Messehallen klatschen die Besucher der E-world einem anderen Unternehmen Beifall. 

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OEEX der Name. Kurz für Open Energy Exchange. Das Start-up hat auf der Messe einen Preis für eine von ihm entwickelte App gewonnen – eines dieser kurzweiligen, kleinen Programme, mit denen man zwischendurch auf seinem Smartphone rumdaddelt. Die Marketing-Leute von RWE twittern Bilder von der Preisverleihung, der Konzern ist einer der Sponsoren. Hier einer von Europas größten Energieversorgern, 118 Jahre alt, rund 24 Millionen Kunden. Dort eine wenige Monate junge GmbH. Produkte auf dem Markt: keine.  

 

Die Branche giert nach Innovationen

Der Bedarf an Innovationen ist groß in der Energiebranche und Apps sind das sichtbarste Zeichen der neuen, digitalen Welt. Sie sind angesagt, weil leicht begreifbar. 

Drei Viertel aller Deutschen ab 14 Jahren nutzen nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom inzwischen ein Smartphone. Geht man nach Zahlen des Marktforschungsunternehmens Nielsen für die USA, hat jeder durchschnittlich 27 der kleinen Programme auf seinem Mobilgerät installiert. Ende Mai soll nach Unternehmensangaben  eine Testversion der App von OEEX verfügbar sein.

Die Anwendung will Nutzer darüber informieren, wie viel Grünstrom in ihrer Nachbarschaft produziert wird. Bei starkem Sonnenschein oder steifem Wind können Verbraucher ihre Spül- oder Waschmaschine einschalten und im günstigsten Fall dazu beitragen, dass Erzeugungsanlagen nicht abgeregelt werden müssen.  Gegen eine Abogebühr stellt OEEX einen intelligenten Zwischenstecker, der die Haushaltsgeräte bei hohem Stromangebot automatisch anknipst. Ebenfalls ab Ende Mai sollen die Teilnehmer eines Pilotprojekts die ersten Smartplugs nutzen können.

 

Kooperationen sind das A und O

Einnahmen soll die App darüber hinaus durch Kooperationen mit Energielieferanten bringen, die besonders variable Tarife anbieten. Der Strompreis ist dann nicht mehr nur in Haupt- und Nebenzeit unterteilt, sondern schwankt im Laufe eines Tages abhängig von Angebot und Nachfrage nach Strom. „Unsere App visualisiert die Einspeisung. Verbraucher können dann besser nachvollziehen, warum sich der Strompreis ändert“, sagt OEEX-Mitgründer Marco Borghesi. „Die Visualisierung bietet Versorgern die Möglichkeit, sich im Wettbewerb zu differenzieren.“ Der promovierte Ingenieur ist überzeugt, dass Energielieferanten sich mit dynamischen Tarifen für die Zukunft wappnen, weil den Strommarkt langfristig nur noch zwei Preismodelle beherrschen würden. „Entweder gibt es eine Flatrate, mit der jeder Verbraucher so viel Strom verbrauchen kann, wie er möchte. Oder es wird variable Tarife geben – dann aber wirklich variable.“

Funktionieren kann dieses Modell allerdings nur mit regionalen Daten. Wie viel Grünstrom im gesamten deutschen Stromnetz oder in der eigenen, riesigen Regelzone fließt, zeigen bereits mehrere etablierte Unternehmen in ihren Apps, darunter Tennet, RWE und die Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin. Die Hamburger OEEX will regionale Erzeugungsdaten durch Kooperationen mit Anlagenbetreibern und Aggregatoren solcher Informationen ermitteln. Damit würde tatsächlich sichtbar, wie viel Grünstrom aus der Nachbarschaft kommt.  

 

Per Smartphone zur nächsten freien Ladesäule

Standortdaten sind noch für eine zweite Kategorie von Energie-Apps wichtig: Für Player aus dem Bereich Elektromobilität gehört eine App, die Standorte von Stromtankstellen anzeigt, inzwischen zum guten Ton. Die Suche nach „Ladesäulen“ im Google Play Store für Android-Smartphones liefert rund 100 Treffer. 

Mit den Applikationen von PlugSurfing und The New Motion App können Fahrer beispielsweise Stationen herausfiltern, an denen gerade ein anderes E-Auto seine Akkus auflädt. Noch komfortabler ist die Roaming-Funktion. Die jungen Unternehmen haben Kooperationen mit Betreibern von Ladesäulen in Deutschland und anderen europäischen Ländern geschlossen. So brauchen Nutzer nicht mehr jeweils eigene Verträge und Karten, um an den Säulen verschiedener Anbieter Strom zu tanken. Beide Dienste haben nach eigenen Angaben Zugriff auf 25.000 Ladepunkte. An einigen ist auch das Bezahlen per App möglich, für die anderen stellen die Unternehmen einen einheitlichen Chip zur Verfügung. Als weiterer Betreiber von Stromtankstellen will auch Vattenfall im Lauf des Jahres das Bezahlen per App für Spontankunden an 108 Ladepunkten in Hamburg und Berlin ermöglichen, sagt der Leiter Elektromobilität des Unternehmens, Gunter Nissen.

 

Nicht alle Ideen zünden

Dass Apps auch Hürden mit sich bringen können, zeigt das Beispiel einer anderen Plattform. Im Projekt Ladenetz kooperieren über 50 Stadtwerke von Sylt bis München mit 500 eigenen Ladesäulen und einer Vielzahl weiterer Roamingpartner. Hinter dem Projekt steht der Anbieter smartlab, eine Tochtergesellschaft der Stadtwerke Aachen, Duisburg und Osnabrück. Eine erste Applikation für Apples iOS mit Such- und Bezahlfunktion für Ladesäulen hat Ladenetz aber schon wieder eingestellt. Sie war den Stadtwerken schlicht zu aufwändig. Nach einer Umstellung des IT-Systems hätte die App neu programmiert werden müssen. „Heutzutage reicht es nicht mehr, eine App nur für iOS zu entwickeln, sie muss auch für Android und Windows verfügbar sein“, sagt Smartlab-Sprecherin Katharina Vassillière. Der finanzielle Aufwand war den Partnern aber zu hoch. Für die Suche nach der nächstgelegenen Ladesäule bleibt den Stromtankern der Ladenetz-Stadtwerke nur der weniger komfortable Weg über den Browser ihres Smartphones. Eine inzwischen selbstverständliche Routenanzeige vom Standort des Nutzers bietet diese Online-Karte derzeit nicht. 

Bei der Bezahlfunktion versprechen sich die Stadtwerke-Partner von einer handfesten Ladekarte mit dem Logo des jeweiligen Versorgers eine höhere Kundenbindung. Bei einigen Unternehmen in der Energiewirtschaft gibt es also immer noch eine gewisse Skepsis gegenüber Apps. Man kann die Entscheidung gegen solch ein Programm aber auch als rationale Abwägung der erreichbaren Aufmerksamkeit betrachten: Auf einem Handy ist eine Stadtwerke-App eine von durchschnittlich 27, in eine Brieftasche passen deutlich weniger Karten. Für Nicht-Kunden seiner Partnerunternehmen bietet smartlab nun eine einfacher zu realisierende Bezahlmöglichkeit via Paypal über den Smartphone-Browser.

 

Ein Avatar fürs Energiesparen

Andere Anbieter haben es sich dagegen zum Ziel gesetzt, Apps zum täglichen Begleiter ihrer Kunden zu machen. Am deutlichsten wird das beim Themenkomplex Smart Home und Energiesparen – mit weit über 200 Treffern im Google Play Store der größte Einsatzbereich von Apps in der Energiewirtschaft. Einige Anwendungen versuchen, die Zeit bis zu einer flächendeckenden Verbreitung von Smart Metern zu überbrücken. Mit der App Mein E.ON können Kunden des Konzerns die analoge Anzeige ihres Ferraris-Zählers mit dem Smartphone abfotografieren und so die Grundlage für die fortschreitende Kontrolle ihres Stromverbrauchs schaffen (siehe auch Seite 57). Das Start-up Enffi will mit seiner App zusätzlich Funktionen eines sozialen Netzwerks bieten. Auf einen Blick sehen die Nutzer, ob sie sparsamer mit Strom umgehen als ihre Freunde.

Einen virtuellen Energie-Kumpel hat das Start-up EnergieSparSchein erschaffen. Der Avatar Mark Berger soll das abstrakte Thema Effizienz persönlicher machen und den Nutzern Energiespartipps geben. Eine Anfangsberatung wird von Stadtwerken oder Wohnungsbaugesellschaften kommen, mit denen das Start-up kooperiert. „Auf der E-world haben wir viele neue Kontakte geknüpft“, berichtet Sprecherin Alessa Lück. Bis Juli starte zunächst ein Pilotprojekt mit den Stadtwerken im niederrheinischen Willich. Die Figur Mark Berger soll den Kontakt zu den Kunden auch nach dem persönlichen Erstgespräch halten und damit das gleiche Problem lösen wie die Netzwerk-App Enffi: Nach einer Beratung verlieren viele Nutzer bald das Interesse. Die Steckdosenleiste bleibt dann abends eben doch an.

 

Per App das smarte Zuhause steuern

In kompletten Smart-Home-Systemen sind Apps bei großen Versorgern schon seit Jahren Standard. Übers Handy können User beispielsweise von der Arbeit aus die Heizungsventile aufdrehen, wenn sie im Winter früher nach Hause kommen. Die latente Spionage-Möglichkeit jedes Smart Homes hat die Thüga-Gruppe zu einer Fürsorge-Funktion für ältere Angehörige entwickelt. Sie können beispielsweise die Steckdose der Nachttischlampe mit einem Zwischenstecker ausstatten und die Regel definieren: Fließt dort zwischen 7 und 10 Uhr kein Strom, informiere meinen Sohn! Dafür wurde die Thüga-App bei der E-world mit einem Preis in der Kategorie Kundennutzen prämiert.

Zwischenstecker liegen derzeit noch in fast jedem Smart-Home-Paket, das Energieversorger an ihre Kunden verschicken. Sie sind es eigentlich, mit denen die Steuerungselektronik kommuniziert  – und nicht mit Waschmaschinen oder Kühlschränken selbst. Das ändert sich gerade schrittweise. Ein Schulterschluss zwischen führenden Geräteherstellern und Softwareunternehmen hat das Zeug, sämtliche Energieverbraucher und Erzeuger in Haushalten wirklich smart zu machen. Aus den E-Energy-Modellprojekten der Bundesregierung ist 2012 die Kooperation EEBus entstanden, mit dabei sind neben bekannten Herstellern wie BSH und Liebherr auch die Telekom sowie die Versorger Eon, EnBW, Stawag und MVV.

 

Ein Standard für alle Geräte

Zusammen haben die Unternehmen ein Datenmodell entwickelt, mit dem wichtige Bestandteile eines Smart Homes überhaupt erst steuerbar werden, beispielsweise Elektroherde, Wärmepumpen und Heizkessel. Entscheidend ist jedoch die neue Möglichkeit, dass die Geräte untereinander kommunizieren. Fällt die Haustüre ins Schloss, kann beispielsweise abgefragt werden, ob der Herd noch an ist. In Zukunft könnte dann eine innovative App Alarm bimmeln – maßgeblich befeuert dank einer noch weitergehenden Kooperation.

Bisher setzen viele Smart-Home-Anbieter bei der Entwicklung von Software und Steuerungselektronik noch auf unterschiedliche, selbst entwickelte Standards. EEBus arbeitet seit einem Jahr aber mit der vornehmlich US-amerikanischen Open Connectivity Foundation (OCF) zusammen, zu der Schwergewichte wie Intel, Cisco, Honeywell und der koreanische Hersteller Samsung gehören. Die OCF hat einen Rahmen für die Software-Entwicklung erstellt, der allen Programmierern offen steht. „Sobald Geräte im Haushalt kompatibel mit unseren Standards sind, werden proprietäre Systeme überflüssig. Für die Entwicklung von Apps bedeutet unsere Kooperation den Durchbruch“, ist EEBus-Vorstand Peter Kellendonk überzeugt. „Programmierer können nun sämtliche elektronischen Geräte ansteuern und sicher sein, dass alle die Befehle verstehen. Das macht Anwendungen möglich, die wir heute erst erahnen.“ Andere Anbieter arbeiten allerdings bereits an weiteren Kooperationen oder versuchen wie Apple eigene Schnittstellen zu etablieren.

Manuel Berkel
Keywords:
Smart Energy | Smart Home | smart Grids | Digitalisierung | Elektromobilität | Energiesparen | Ladesäulen
Ressorts:

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