Vor zehn Jahren klang noch alles anders. Atsutoshi Nishida, damals Chef des japanischen Technikkonzerns Toshiba, erläuterte mir stolz seine Nuklearstrategie: Die Kernkraft stehe vor einer Renaissance und werde in den kommenden Jahren immer höhere Gewinne einfahren. Bis zum Jahr 2015 wolle das Unternehmen allein in den USA 33 neue Reaktoren bauen, bis 2020 weltweit 65. Toshiba war damals gerade dabei, seine Nuklearaktivitäten in der US-Tochter Westinghouse zu bündeln.

Es kam anders. Im Jahr 2015 waren weltweit gerade einmal 16 Einheiten des Westinghouse-Reaktors AP1000 im Bau. Nun folgt der letzte Akt des Dramas: Westinghouse wird am Firmensitz in Pittsburgh Insolvenz anmelden, wie ein japanischer Regierungssprecher bestätigte. Damit einher geht die Abwicklung des gesamten Atomgeschäfts von Toshiba. Westinghouse ist auf die Entwicklung, die Planung, den Bau und den Betrieb von Kernkraftwerken spezialisiert.

Jahrelange Verluste

Die Kernkraftsparte hat bereits jahrelang Verluste eingefahren. Die Japaner müssen allein in diesem Jahr umgerechnet sechs Milliarden Euro nach Amerika überweisen, um die dort anfallenden Kosten zu decken. Eine geordnete Insolvenz schützt die Konzernmutter nun vorerst vor den Forderungen der Gläubiger. Toshiba selbst hat einen Skandal um gefälschte Bilanzen und vertuschte Verluste am Hals und kann die Kosten der Atom-Tochter daher derzeit nicht tragen.

Noch vor zwei Jahren hatte Westinghouse einen teuren Zukauf gestemmt, der sich nun als unbezahlbar erweist. Nishida hatte gehofft, aus dem Zukauf einen Gewinnbringer zu machen, der das Unternehmen vor den kurzen Konjunkturzyklen der Elektronikbranche schützt. Stattdessen wurde Westinghouse zum Milliardengrab.

Toshiba hat Westinghouse im Jahr 2006 für über fünfeinhalb Milliarden Dollar gekauft – das Doppelte des geschätzten Marktpreises. Der Aufschlag galt damals als gerechtfertigt: China hatte gerade angekündigt, bis zum Jahr 2020 Dutzende neue Meiler in Auftrag zu geben. In Europa – mit Ausnahme Deutschlands – lag eine Renaissance der Kernenergie in der Luft.

Gas und Kohle statt Kernkraft

US-Präsident George Bush ließ ebenfalls neue Nuklearprojekte prüfen. Und nicht zuletzt hat Toshibas Heimatland Japan seinerzeit daran gearbeitet, den Nuklearkreislauf zu schließen und die klimafreundliche Energiequelle in den Mittelpunkt seiner Zukunftspolitik gestellt.

Doch dann wendete sich das Blatt. Die USA stürzten sich in den Schieferöl-Boom und forcieren nun unter US-Präsident Donald Trump sogar wieder die Kohle als Energieträger. Dort sind derzeit lediglich fünf Reaktoren in Planung. China baut derzeit zwar tatsächlich zwanzig neue Meiler und plant Dutzende mehr – hat sich die Technik schlauerweise jedoch selbst angeeignet und will jetzt weltweit zum Anbieter werden.

In Europa ist die zwischenzeitliche Begeisterung wieder abgeflaut: Nur Frankreich, Polen und Großbritannien verfolgen je ein neues Projekt. Russland zeigt zwar immer noch Sympathie, setzt aber ebenfalls auf eigene Technik. Japan selbst hat unterdessen mit Fukushima die zweitgrößte Atomkatastrophe in der Geschichte zu verkraften. Alle neuen Projekte liegen auf Eis; der Regierung gelingt es nur im Schneckentempo, Betriebsgenehmigungen für die bestehenden Anlagen durchzusetzen. Neue Sicherheitsvorschriften machen es den Bürgern leichter, das Wiederanfahren der Meiler zu verhindern.

Wettbewerber mit Staatshilfe

Statt den von Nishida angekündigten Geldsegen durch den Neubau Hunderter neuer Kernkraftwerke zu genießen, musste Westinghouse um jeden Auftrag kämpfen. Das Unternehmen musste sich in einem unerwartet schmalen Markt vor allem gegen staatlich gestützte Wettbewerber durchsetzen: Areva aus Frankreich, die China National Nuclear Corporation oder den russischen Anbieter Rosatom. Die Kosten für Schlüsselprojekte in den US-Bundesstaaten Georgia und South Carolina liefen derweil aus dem Ruder.

Das alles waren mit Gründe für Ratingagenturen, Toshiba-Schuldpapieren den Status von „Müll-Anleihen“, also von Investments mit hohem Ausfallrisiko zu geben. Kurz danach gab die Konzernführung in Tokio bekannt, keine neuen Aufträge für Atomkraftwerke mehr anzunehmen. Toshiba zieht sich damit praktisch aus dem Nukleargeschäft zurück. Das Unternehmen hat jedoch weiterhin Verbindlichkeiten in Milliardenhöhe am Bein.

Neue Kernreaktoren kann Westinghouse kaum bauen. (Foto: Wikipedia / flickr / Christopher Peterson / CC BY 2.5)