Volocopter
16.10.2018

Verkehrsminister Scheuer: „Flugtaxis sind Realität“

Foto: Volocopter

Deutschland soll bei Zukunftstechnologien in der Mobilität führend sein, fordert Verkehrsminister Andreas Scheuer – zum Beispiel bei Flugtaxis. Als ein Favorit gilt Volocopter aus Baden-Württemberg. Es startet 2019 eine Testserie in Singapur.

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Sanft hebt der Volocopter von der Betonpiste im Wüstensand ab. Im Cockpit sitzt – niemand. Das Lufttaxi fliegt ohne Pilot. Angetrieben von 18 Propellern, dreht es sich im Morgenlicht einmal um die eigene Achse. Dann schwebt es in Richtung der Skyline von Dubai davon.

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Es ist ein sonniger Montagvormittag im badischen Bruchsal bei Karlsruhe. Der achtminütige autonome Jungfernflug in den Vereinigten Arabischen Emiraten läuft am Volocopter-Firmensitz in Dauerschleife. Unmittelbar zu Gesicht bekommt derzeit kein Journalist das Hightech-Fluggerät, die technische Entwicklung habe Priorität, heißt es.

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Tausende Geräte am Himmel

Alexander Zosel, Innovationschef und Mitgründer von Volocopter, albert für ein Foto auf dem Flur mit einem Kollegen herum. Der Mittfünfziger ist einer der neuen Pioniere des Luftverkehrs: Er und sein Team entwickeln einen auf Drohnen-Technologie basierenden Senkrechtstarter, auf Englisch VTOL (Verticle Take-off And Landing). Er soll die Menschen künftig in Megacities und Ballungsräumen durch die Lüfte transportieren. „Es werden tausende Geräte im Einsatz sein, die man am Himmel kaum sehen kann“, beschreibt Zosel die aus seiner Sicht gar nicht so ferne Zukunft.

Volocopter verkündete an diesem Donnerstag auf einer Konferenz in Paris, in der zweiten Hälfte 2019 eine Testserie innerstädtischer Flüge in Singapur starten zu wollen. Dabei wird das Unternehmen von der lokalen Zivilluftfahrtbehörde CAAS unterstützt. Zudem ist Volocopter in Singapur ab sofort auf der Suche nach Partnern aus den Bereichen Immobilienentwicklung, Mobilitätsdienstleistungen und Infrastrukturentwicklung.

Das Lufttaxi ist mittlerweile zum Hype geworden: Derzeit arbeiten weltweit rund 70 Unternehmen an der verlockenden Idee, kilometerlange Staus einfach zu überfliegen – darunter die von Google-Gründer Larry Page finanzierte Firma Kitty Hawk, der Taxi-Dienst Uber, das chinesische Start-up Ehang, der Flugzeugbauer Airbus und das Münchner Unternehmen Lilium Aviation. Im Juli hatte auch der Triebwerkhersteller Rolls Royce ein Flugtaxi mit Hybrid-Antrieb vorgestellt, das dank seines Hybridantriebs auf 800 Kilometer Reichweite kommt. Zosel nimmt das gelassen: „Wir sind technologisch viel weiter als die Konkurrenz, weil wir bereits seit 2011 fliegen und Daten sammeln.“

Politik entwickelt den rechtlichen Rahmen

Dubais Kronprinz saß bereits Probe in dem Senkrechtstarter aus Baden-Württemberg. Dubai soll zur Smart City werden, in der Flug­taxis bis 2030 ein Viertel des Pendelverkehrs übernehmen. Volocopter erhielt 2017 die Zulassung für einen fünfjährigen Testbetrieb in der Wüstenstadt. Gemeinsam mit den dortigen Behörden arbeitet das Team aus Bruchsal während der fünfjährigen Testphase an der Technik und den gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Flugbetrieb. „Dubai ist sehr progressiv“, sagt Zosel.

Seitdem der Jungfernflug in dem Emirat geglückt ist, sind regelmäßig Journalisten aus der ganzen Welt zu Besuch im Büro-Rundbau in der badischen Provinz. Auch aus der Politik kommt inzwischen Unterstützung für autonome Flugtaxis: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, Staatsministerin Dorothee Bär (beide CSU), sowie Vertreter von Audi und Airbus unterzeichneten im Juni eine Absichtserklärung, die Bedingungen für Lufttaxis erproben zu wollen. Tests mit Flugtaxis sollen demnach im bayerischen Ingolstadt stattfinden. Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt ist involviert.

Scheuer sagte am Dienstag während der Digital Mobility Conference des Branchenverbands Bitkom in Berlin: „Wir reden mit den Herstellern parallel zur Entwicklung der Prototypen über den Rechtsrahmen", so Scheuer. Geschehe dies erst, wenn das Fluggerät schon fertig sei, werde wertvolle Zeit verloren, die die Konkurrenz in Nordamerika für sich nutzen werde.

Der Sound: „Ein angenehmenes Brummen“

Fliegende Autos beflügeln schon seit Jahrzehnten die Fantasie von Filmemachern – James Bond lässt grüßen. Den Utopien sind die Ingenieure nun deutlich nähergekommen, dank Fortschritten in der Batterietechnologie und der wachsenden Digitalisierung und Automatisierung des Verkehrs. Elektrische Antriebe machen Flugzeuge nicht nur schadstoff- sondern auch geräuscharm. Dadurch wird ein neuer Flugverkehr innerhalb der Städte denkbar, der sonst wegen des zusätzlichen Lärms keine Chance hätte. Den Sound des Volocopters beschreibt Zosel als „angenehmes Brummen“.

Mit einem fliegenden Auto hat der Volocopter eigentlich nicht viel zu tun. Zosel: „Das ist ein fliegender Industrie 4.0-Roboter“. Bilder aus Filmen wie „Das fünfte Element“, in denen Flugobjekte in Scharen beliebig durch die Luft düsen, seien jedoch „völlig übertrieben“, sagt der Gründer. „Das wird in einem ganz engen Rahmen und geordnet vor sich gehen.“

Unternehmenschef per Headhunter gesucht

Zosel ist ein großgewachsener Mann mit Bürstenschnitt, der viel lacht. Aus seinem T-Shirt schaut ein Tribal-Tattoo hervor. Vor  mehr als sieben Jahren gründete der Lehrersohn Volocopter, gemeinsam mit seinem Jugendfreund Stephan Wolf. Schon früh war klar, dass ihnen die Führung eines großen Unternehmens nicht liegt. „Eine Horde von 20 Leuten kann ich aus dem Bauch heraus führen, aber wenn es größer wird, braucht man professionelle Strukturen“, sagt Zosel.

Deshalb suchten die Gründer per Headhunter nach einem Unternehmenschef. Die Wahl fiel auf Florian Reuter, den sie aus der Siemens-Forschungsabteilung abwarben. Danach folgte Jan-Hendrik Bohlens von Airbus Helicopter als Technologie-Chef. Die Mitarbeiterzahl von Volocopter hat sich mittlerweile fast vervierfacht – von 20 auf 70. Jüngster Neuzugang ist Rene Griemens, früher Finanzchef des Start-ups Kreditech. Er soll helfen, die nächste Finanzierungsrunde zu stemmen. Frisches Geld wird das Team brauchen für seine wahnwitzig klingenden Pläne.

Ökosystem am Reißbrett

Am Reißbrett hat Zosel ein ganzes Ökosystem für den Betrieb des Volocopters entworfen. Die Basis bildet eine Art Parkhaus, das im obersten Stockwerk von Hochhäusern Platz finden könnte – der sogenannte Volo-Port. Dort sollen die zwei- bis viersitzigen Volocopter starten und landen. „Man kann sich das vorstellen wie eine Gondelbahn ohne Seil“, sagt Zosel. Im Falle eines Unwetters oder bei einer Terrorwarnung würden die Lufttaxis in den Stationen geparkt wie Skigondeln, sagt Zosel. Unterwegs sein sollen sie im unteren Luftraum, in 150 bis 500 Metern Höhe.

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Keywords:
Neue Mobilität | Digitalisierung | Flugtaxis
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

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