Auch die Biogasbranche kommt nicht am Wasserstoff vorbei – und will es mittlerweile gar nicht. Statt aus Erdgas kann mittels Dampfreformierung auch aus Biogas Wasserstoff gewonnen werden. Dafür gibt es eine eigene Abkürzung BtX (Biomasse-to-X). Der H2 ist dann ein grüner, selbst wenn bei der Umwandlung des Biogases – in der Hauptsache Methan – in Wasserstoff auch Kohlendioxid entsteht. Der Kohlenstoff wurde vorher durch die Biomasse der Luft entzogen.

Theoretisch ließe sich, rechnen Branchenexperten aus, fast der gesamte Wasserstoffbedarf der schweren Nutzfahrzeuge in Deutschland oder der von 20 Prozent des Pkw-Verkehrs durch biogrünen Wasserstoff decken. Die Produktion von grünem Wasserstoff auf biogener Basis hält auch Sandra Rostek vom Fachverband Biogas für "vielversprechend", wie sie diese Woche auf Anfrage erklärt. Dadurch ließe sich die Effizienz steigern, ohne dass mehr Biomasse benötigt würde.

Ein Grund, warum die Branche auf H2 setzt, ist die abzusehende Deckungs"lücke" bei dem mittels Ökstrom- Elektrolyse erzeugten Wasserstoff. Einen schnellen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft sehe sie eher "verhalten", sagt Janet Hochi, Geschäftsführerin des Biogasrates, gegenüber bizz energy. "Wir sehen uns ganz klar als Teil der grünen Wasserstoffwirtschaft und fordern von den politischen Entscheidungsträgern, allen erneuerbaren Wasserstoffoptionen technologieneutral einen Markthochlauf zu ermöglichen."

Hochi legt noch nach: Der aus Biogas hergestellte Wasserstoff werde derzeit "politisch bewusst" bei der Umsetzung der Treibhausgasminderungsquote (RED II) im Verkehr ausgeschlossen - mit der Begründung, dass Biogas eine sehr kostengünstige Option sei, grünen Wasserstoff herzustellen.

Im Verkehr "zu kostengünstig"?

Für die Managerin läuft diese Sicht auf eine Art politisches Paradoxon hinaus: Im Stromsektor sei der Branche jahrelang vorgeworfen worden, sie sei zu teuer und daher nicht mehr förderungswürdig. "Im Verkehrssektor sind wir mit unserem grünen Wasserstoff aus Biogas nun zu kostengünstig", wundert sich Hochi. Das grenze für sie an "volkswirtschaftlichen Wahnsinn" und sei – mit Blick auf die drohende Verfehlung der Klimaziele und den daraus resultierenden Strafzahlungen – "an politischer Verantwortungslosigkeit kaum zu überbieten",  macht sie ihrem Ärger Luft.

Der sitzt offenbar recht  tief und hat die Branche erfasst. Zwölf Verbände schickten jetzt eine Erklärung herum und fordern darin eine "verlässliche Bestimmung" der Rolle von Biogas und -methan noch in dieser Legislaturperiode. Die Wunschliste ist ordentlich lang: Biomethan soll im Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz sowie in den Bundesprogrammen effiziente Wärmenetze und effiziente Gebäude berücksichtigt werden. Gasförmige Biomasse solle auch bei der Umsetzung der RED-II-Richtlinie eine Rolle spielen. In der Gesetzesvorlage, wie sie das Bundesumweltministerium kürzlich vorlegte, wird Biomasse bis 2030 tatsächlich praktisch in eine Nischenrolle gedrängt.

Sandra Rostek vom Biogasverband räumt dabei ein, die neueren Gesetze – das EEG 2021 und der Entwurf der RED-II-Umsetzung – würden Biomethan durchaus als besonders förderungswürdig anerkennen. Allerdings reichten die gesetzten Impulse nicht aus, um das beträchtliche Potenzial von Biomethan umfassend zu heben, sagt sie.

Heute seien, so Rostek weiter, übers EEG und die Kraftstoff-Förderung etwa elf Terawattstunden Biomethan verfügbar. "Wir könnten aber an die 200 Terawattstunden Biomethan mobilisieren, 100 davon allein durch die Umrüstung des Biogasanlagenbestands." Letzteres bedeutet zum Beispiel, den Bau von Sammelleitungen, also die Kopplung mehrerer kleinerer Anlagen und eine zentrale gemeinsame Aufbereitung auf Erdgasqualität, um das Gasnetz dann als Langzeitspeicher zu nutzen.

Biomethan könne als Einstieg in die Grüne-Gas-Welt dienen, ist sich Rostek sicher. "Wir müssen nicht auf den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft warten, um grüne Gase schon heute im Energiesystem zu verankern." Gerade das habe man mit dem Appell verdeutlichen wollen.

Blick auf Biogasanlage
Mit Biogasanlagen kann man nicht nur Strom und Wärme erzeugen, sondern auch grünen Wasserstoff. Auf den setzt die Branche für die Zukunft. (Copyright: Istock)