BIZZ-Exklusiv
07.05.2014

Autoritäre Vereinsmeier

Illustration: Valentin Kaden; Titelbild: ADAC
Autopapst Ferdinand Dudenhöffer; Titelbild: Vorsitzender der ADAC-Geschäftsführung Karl Obermair

Der Skandal um manipulierte Zahlen und Ranglisten ist fast schon verpufft. Der ADAC leidet weiter an autoritären Strukturen und Selbstherrlichkeit.

Am 14. Januar 2014 war der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) noch übermächtig und spottete über die Süddeutsche Zeitung. Die berichtete an diesem Tag erstmals über Manipulationen beim ADAC und dessen „Gelben Engel“. Der damalige ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair antwortete auf diesen Bericht mit Polemik: „In die Zeitung von gestern wickelt man den Fisch ein.“ Doch schon ein paar Tage später war der Betrug nicht länger zu leugnen. Zehn Jahre lang hatte der ADAC gefälschte Zahlen bei seiner Mitgliederwahl für die „Lieblingsautos der Deutschen“ verwendet und sowohl Teilnehmerzahl als auch Rangfolge manipuliert.

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Danach stürzte Selbstherrlichkeit den Club immer tiefer in die Krise. Der ADAC hat sich komplett verheddert in seinen zahllosen Untergesellschaften, seinen autoritären Strukturen und seiner Vereinsmeierei. Die Untergesellschaften verhökerten auf Provisionsbasis Versicherungen, Kreditkarten und vieles mehr. Sie sorgten, neben anderem, für rasch wachsende Interessenkonflikte; diese haben die angeblich unabhängigen Auto-, Reifen- und Gewässertests des ADAC stark beeinflusst. Solche Interessenkonflikte hatten Branchen-Insider seit Langem angeprangert, fanden damit aber kaum Gehör.

Bis Januar kam kein Politiker an der Stimmgewalt von 18 Millionen ADAC-Mitgliedern vorbei. Kein Autobauer oder Reifenhersteller wagte öffentlich Kritik. Der Club prägte die bundesdeutsche Verkehrspolitik, die Kanzlerin gab der Clubzeitschrift ADAC-Motorwelt bereitwillig Interviews. Deren langjähriger Chefredakteur Michael Ramstetter, zugleich ADAC-Kommunikationschef, musste im Januar seinen Hut nehmen. Ein Gütetermin vor dem Arbeitsgericht München wurde für den 22. Mai anberaumt.

Nachdem der Betrug nicht mehr zu leugnen war, postulierte der ADAC öffentlich Demut – und einen Neuanfang. Präsident und Geschäftsführer wurden abgelöst. Die Unternehmensberatung Deloitte wurde beauftragt, die Stimmen beim Lieblingsauto der Deutschen nachzuzählen. Die Londoner Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer arbeitet an einer Corporate-Compliance-Richtlinie für den ADAC. Werbespots in Funk und Fernsehen verbreiten die Botschaft vom „neuen“ ADAC. Zudem schrieben PR-Agenten eilig ein Zehn-Punkte-Programm für das ADAC-Präsidium und rekrutierten vier honorable Persönlichkeiten für den neuen Beirat. Sprecher ist der angesehene Familienunternehmer und Unicef-Chef Jürgen Heraeus, sein Stellvertreter der Politologe Rupert Graf Strachwitz. Mit dabei sind auch Hans-Jürgen Papier, Ex-Präsident des Bundesverfassungsgerichts, und Edda Müller, Vorsitzende der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International. Allerdings existiert dieser Beirat gemäß ADAC-Statuten gar nicht. Er ist also ein reines Kommunikations-Phantom. 

Die Realität ist eben weit entfernt von den schönen Bildern der Marketing-Kampagne. Nach wie vor ist keine Bilanz der vielen ADAC-Töchter auf der Homepage des Clubs einsehbar. Nach wie vor bleiben geschäftliche Verbindungen im Dunkeln, etwa zum Öl-Multi Shell, der ADAC-Mitgliedern satte Rabatte einräumt.

Die Autofahrer werden wohl weiter auf die Pannenhilfe des ADAC setzen, trotz preisgünstigerer Alternativen; das Präsidium wird dies in den kommenden Monaten als Zeichen des öffentlichen Vertrauens interpretieren.

Bleibt also alles beim Alten? Nicht ganz. Die Politik hat gelernt, dass der ADAC nicht nur Mitglieder, sondern auch Kunden und Geschäftspartner hat, etwa die Allianz, Huk oder HDI-Versicherungen. Der Spiegel hat Anfang Mai das üppige Wertpapier- und Immobilienvermögen des ADAC im Detail publik gemacht. Der Fiskus verlangt jetzt Steuern, eine Rechnung in Höhe von 500 Millionen Euro hat die Münchener Zentrale offenbar schon erreicht. Natürlich will die Club-Führung die steuerlich lukrative Rechtsform des eingetragenen Vereins unbedingt bewahren.

Die Glaubwürdigkeit der ADAC-Tests und ADAC-Produkte ist stark angekratzt. Der Club hat viel Reputation außerhalb seines Kerngeschäfts eingebüßt. Auch manche Personalie überzeugt nicht: Peter Meyer übernahm nach seinem Rücktritt als ADAC-Präsident die Führung des ADAC-Regionalclubs Nordrhein, mit 2,6 Millionen Mitgliedern größter Regionalverband. Neuanfang geht anders.

 

Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des dortigen Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft.

Ferdinand Dudenhöffer
Keywords:
Ferdinand Dudenhöffer | ADAC
Ressorts:
Markets | Community

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