BIZZ-Exklusiv
02.01.2013

Autos für gewisse Stunden

Carsharing boomt wie noch nie. Autobauer entdecken in den Mobilitätsdiensten ein neues Geschäftsmodell.

 

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Bisher galt Dieter Zetsche, Chef des Autobauers Daimler, nicht als Anhänger radikalpolitischer Ideen. Doch wer seinen Worten auf der weltgrößten Schau für Consumer Electronics CES in Las Vegas lauschte, hätte meinen können, in der Branche sei es mit dem Kapitalismus vorbei. „Natürlich – in einer Industrie, die seit mehr als 100 Jahren Autos verkauft, denken einige Kollegen, dass Carsharing an Kommunismus grenzt.“ In diesem Sinne rief Zetsche aus: „Viva la Revolucion!“ 

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Ein Autobauer, der Autos vermieten will, statt sie zu verkaufen? Noch vor einigen Jahren hätten sich Zetsches Schnurrbarthaare bei diesem Gedanken aufgestellt. Doch die Zeiten ändern sich. Während der Absatz von Neuwagen einbricht, floriert das Carsharing-Geschäft. In Deutschland nutzen bereits 220.000 Menschen die Teilzeitautos. Die Zahl der Kunden ist im Vorjahresvergleich um 15 Prozent gestiegen und das Wachstum geht weiter. Vishwas Shankar, Analyst beim Unternehmensberater Frost and Sullivan, geht von einem jährlichen Zuwachs in Europa von 30 Prozent aus. „Wir rechnen mit 15 Millionen Kunden und mehr als 200.000 Autos im Jahr 2020.“

Ein Treiber der neuen Lust am Teilen ist der Verkehr in den Städten. Parkraum wird dort knapper und teurer, die Umweltauflagen werden strenger. Carsharing erscheint da vielen als attraktive Alternative. Hinzu kommt, dass der Anteil der städtischen Bevölkerung zunimmt: 2020 werden laut Schätzung der Vereinten Nationen 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben.

Ein waher Goldrausch

Neuen Schwung bringt zudem das noch recht junge, sogenannte flexible Carsharing. Die Autos stehen dabei nicht an festen Stationen, sondern sind im Stadtgebiet verteilt. Sie lassen sich per Smartphone orten und per Chip entriegeln. Abgerechnet wird über das Internet.

Mittlerweile buhlen allein in Deutschland mehr als 140 Carsharer um Kunden. Neben etablierten Firmen wie Cambio oder Stattauto bieten auch Leasingfirmen oder die Deutsche Bahn mit dem Dienst Flinkster entsprechende Angebote. Die Dienstleister sind erst seit wenigen Jahren auf dem Markt aktiv, drängen dafür umso vehementer in die Städte. „Wir erleben einen regelrechten Run, jeder versucht der
Erste zu sein“, sagt Klaus Stricker, Automobil­experte bei der Unternehmensberatung Bain and Company. 

Immer mehr Anbieter

Daimler genießt einen Vorsprung. Mit dem Angebot Car to Go ist Zetsche seit 2009 dabei. Mittlerweile nutzen mehr als 100.000 Menschen in zwölf Städten Europas und Nordamerikas die Leih-Smarts, darunter in Berlin, Hamburg und Düsseldorf. Konkurrent BMW etablierte zusammen mit Sixt im vergangenem Jahr das Carsharing-Angebot Drive Now. Die Münchner wollen bis 2020 eine Million Kunden gewinnen. Bisher sind es 55.000 in vier deutschen Städten. „Wir gehen davon aus, dass das flexible Carsharing weiterhin an Fahrt gewinnen wird“, sagt Drive-Now-Sprecher Michael Fischer. 

Noch sind es die urbanen Hipster, die Carsharing nutzen. Laut Fischer ist die Kundschaft  jung, männlich, technikaffin und gut verdienend. „Es sind Menschen, die Mobilität nicht an einem Fahrzeug festmachen, sondern an einem Mix aus verschiedenen Verkehrsmitteln.“ Drive Now bietet nicht nur Autos, sondern kooperiert mit Nahverkehrsbetrieben. Multicity von Citroën geht noch einen Schritt weiter und hat Zug- oder Flugreisen im Portfolio.

„Die Autobauer begreifen sich zunehmend als Anbieter von intelligenten Mobilitätslösungen“, erläutert Automobilexperte Stricker. Letztendlich setzt sich ein Trend fort, der sich in der Branche schon seit längerem abzeichnet: die Verlagerung der Wertschöpfung. Geld verdienen die Hersteller inzwischen abseits des Neuwagengeschäftes, etwa mit Autokrediten oder dem Ersatzteilhandel. Nun kommt das Leihgeschäft hinzu. Umsatzzahlen veröffentlichen Daimler und Co. dazu noch nicht, doch sind die Ziele ehrgeizig. „Innerhalb von zwei Jahren muss eine Stadt, in der wir aktiv sind, profitabel sein“, sagt Michael Fischer. In München, wo Drive Now 2011 startete, sehe der Trend gut aus.

Ein Ende des Goldrausches ist noch nicht absehbar. Alle Anbieter werden sich aber nicht am Markt halten können, glaubt Analyst Vishwas Shankar: „Früher oder später wird es zu einer Konsolidierung kommen.“ Er verweist auf Übernahmen in europäischen Nachbarländern. So schluckte der US-Riese Zipcar im Juli den österreichischen Anbieter Denzeldrive.

Bei Daimler boomt das Carsharing-Geschäft weiter. Bis Jahresende will Car to Go acht neue Städte erobern. Commandante Zetsche dürfte das freuen: „Viva la Revolucion!“

Karsten Wiedemannn
Keywords:
Carsharing | Daimler | BMW | Drive Now
Ressorts:
Markets

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