Eine stählerne Schlange zieht sich weitgehend unterirdisch gut 500 Kilometer durch den Osten Deutschlands - von Lubmin bei Greifswald im Norden bis tief in Sachsen an die Grenze zu Tschechien: die neue Ferngasleitung Eugal. Durch einen ihrer beiden Stränge fließt schon Erdgas, der andere soll bis Mitte 2021 in Betrieb gehen.

Durch die Eugal können jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas fließen – so viel, wie die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream 2 in Lubmin einmal anlanden soll. Damit deren Gas europaweit verteilt wird - dazu vor allem ist die Eugal da. Deutschland ist eigentlich nur ein Transitland. Aus Klimasicht wirkt so eine neue Erdgas-Pipeline quer durchs Land aus der Zeit gefallen, zumal mit ihr absehbar kein einziger Kubikmeter erneuerbares Gas, also "grüner" Wasserstoff, transportiert werden wird.

Dabei ist der Osten Deutschlands, wo der Netzbetreiber 50Hertz die großen Stromtrassen regelt,  das Energiewendegebiet par excellence. 2019 stammten schon 60 Prozent des Stroms, den 50Hertz verteilte, aus erneuerbaren Quellen. 2032 will 50Hertz-Chef Stefan Kapferer im Netzgebiet auf hundert Prozent Ökostrom kommen. Auch "grünen" Wasserstoff findet er interessant. Dass parallel eine auf Jahrzehnte Betrieb ausgelegte Erdgasgroßleitung durch die Region gelegt wird – damit hat Kapferer kein Problem. Im 50Hertz-Gebiet gebe es zum Glück eine vergleichsweise gute Situation für den Ausbau der Infrastruktur und die Akzeptanz dafür. In ein "Konkurrenzdenken" von Strom und Gasnetz einzutreten, würde nicht weiterhelfen, erklärte Kapferer Mitte Dezember bei einem Online-Pressetermin der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Gasnetz muss Klimavorgaben bekommen

Die bislang eher friedliche Koexistenz von Gas- und Stromnetz könnten sich ändern. "Wenn Gasnetzbetreiber fünf Jahre nach dem Klimaabkommen von Paris weiterhin unbehelligt neue Leitungen für fossiles Gas bauen können, läuft klimapolitisch etwas mächtig schief", meinte DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner gegenüber den Medien. Für ihn hat die Bundesregierung es versäumt, den Gasnetzbetreibern den Weg zu weisen und Klimaschutzvorgaben einzuführen. Dies müsse nun schleunigst nachgeholt werden.

Beim Stromnetz, so Müller-Kraenner, gebe es Prozesse und Kriterien für die Planung, die den Klimaschutz sicherstellten. Das laufe zwar noch nicht optimal, da gebe es "Luft nach oben" - beim Gasnetz aber stehe man erst am Anfang, um dessen Ausbau an Klimazielen zu orientieren. Müller-Kraenner: "Mit dem schrittweisen Ausstieg aus der Nutzung des fossilen Erdgases wird auch das Gasnetz selbst in den Blickpunkt rücken - und das muss es auch."

Zu berücksichtigen sei dabei, dass "grünes" Gas, meist also Wasserstoff, anders als heutiges Erdgas nur in deutlich geringeren Mengen und zu höheren Kosten verfügbar sein wird. Werde das "grüne" Gas dann auch nur dort eingesetzt, wo es alternativlos sei wie in der Stahlindustrie oder im Flug-, Schiffs- und Schwerlastverkehr, laufe das, so Müller-Kraenner, auf ein Netz hinaus, das das Gas genau nur zu diesen Verbrauchsstellen leitet.

Betreiber "schustern" sich Bedarf selbst zusammen

Dazu passt nach seiner Ansicht überhaupt nicht, dass derzeit die Gaswirtschaft ihren Bedarf praktisch selbst festlegt, danach plant und das Netz baut. "Da brauchen wir einen politisch geframten Prozess wie im Strombereich", erklärte er.  Anders als beim Stromnetz könnten beim Gasnetz weder die Bundesnetzagentur noch der Bundestag korrigierend eingreifen.

Nadine Bethge, Vize-Leiterin Energie und Klimaschutz der DUH, geht in ihrer Kritik noch weiter: Ihr erscheine es fast so, als schusterten sich die Gasnetzbetreiber einen eigenen "wunderbaren Szenariorahmen" zurecht und packten diesen in einen passenden Netzentwicklungsplan. Bethge warnt: "Wird die derzeitige Gasnetzplanung bestätigt, werden in den nächsten zehn Jahren acht Milliarden Euro in ein falsches Energiesystem investiert."

Die Umwelthilfe fordert als erstes, die aktuellen Planungen der Infrastruktur für fossiles Gas umgehend zu stoppen. Und weil der "grüne" Strom künftig die Basis des "grünen" Gases abgebe, dürften Strom- und Gasnetz nicht mehr nebeneinanderher laufen, sondern müssten integriert geplant werden. In einem Positionspapier verlangt die DUH unter anderem, Klimaschutz als Gesetzeszweck ins Energiewirtschaftsgesetz aufzunehmen. Wie beim Stromnetz müssten Minderungsziele für Treibhausgase und Ausbauziele für Erneuerbare auch beim Gasnetz planerische Leitlinien werden. Zudem brauche es eine frühzeitige Umweltprüfung.

Auch lehnt die DUH einige der derzeitigen Geschäftsideen der Gaswirtschaft ab, so die Beimischung des "grünen" Wasserstoffs ins Erdgasnetz sowie das "Umswitchen" der Erdgas- in Wasserstoffleitungen. Letzteres sei derzeit nicht nötig, sagte Bethge. Und sollten für kleinere Inselsysteme wirklich Extra-Wasserstoffleitungen gebaut werden, dürfen deren Kosten nicht mehr auf alle Gaskunden umgelegt werden, sondern das hätten dann die Nutznießer zu zahlen.

50Hertz-Chef für "integratives" Denken

So weit in der Kritik wie die Umweltorganisation ging 50Hertz-Chef Kapferer gegenüber den Medien natürlich nicht. Aber auch er plädiert dafür, die Strom- und die Gasinfrastruktur stärker "integrativ zu denken". Für ihn ist das auch eine Frage von Effizienz. In der Öffentlichkeit werde Wasserstoff zwar als eine Art eierlegende Wollmilchsau dargestellt, er, Kapferer, sehe aber auch Einsatzgrenzen, so beim Wasserstoff-Pkw oder bei der Wasserstoff-Heizung im Einfamilienhaus. Das Nachnutzen von Infrastrukturen nur deshalb zu ermöglichen, weil man schon eine Infrastruktur habe - das Argument überzeuge ihn nicht. An vielen Stellen werde es betriebswirtschaftlich günstiger sein, eine Wärmepumpe zu installieren oder den E-Pkw zu nutzen.

Auch Kapferer fragt sich, ob man künftig den Wasserstoff durchs Land transportieren solle oder besser den Strom, um den Wasserstoff dann vor Ort zu erzeugen. Kapferer betonte beim Medientermin zwar, es gebe da "keine Schwarz-Weiß-Antwort", wies aber auch darauf hin, dass dreimal höhere Energieverluste entstehen, wenn man Wasserstoff über weite Entfernungen transportiere - als wenn man im Vergleich den Strom hinbringe und dann mit dem Elektrolyseur Wasserstoff vor Ort erzeuge.

Nord Stream 2 passt in kein Klimaschutz-Szenario

Für DUH-Expertin Bethge werde sich erst, wenn Strom- und Gasnetzplanung verzahnt werden, zeigen, welche Infrastruktur am günstigsten zu den Klimazielen beitragen kann. "Doppelte Infrastruktur, unnötige Kosten für den Verbraucher sowie Belastungen für Natur und Landschaft können so minimiert werden."

Kapferer kann sich in dem Punkt selbstverständlich entspannt zurücklehnen. Den Stromtrassen von 50Hertz ist es schließlich egal, ob der Strom öko, fossil oder atomar ist - bei Gasleitungen ist das nicht so. Da gebe es schon Assets, die ihren Wert für die Zukunft möglicherweise einbüßen könnten, schaute der Unternehmenschef voraus. Man dürfe die Gespräche um künftige Leitungsplanungen nicht nach dem Motto führen, dass es in erster Linie um den Erhalt des Wert bestehender Assets gehe. Ziel von 50Hertz sei vor allem eine künftige Infrastruktur, die die Klimaneutralität 2050 sichere, betonte er.

Für Müller-Kraenner passen jedenfalls die neuen Kapazitäten von Nord Stream 2 in kein Klimaschutz-Szenario. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass so eine Struktur einmal mit Wasserstoff gefüllt wird. "Dass irgendwann in der russischen Arktis Windkraftwerke stehen und daneben der Elektrolyseur - das ist sicher eine sehr fantasievolle Vorstellung, darauf würde ich keine größeren Beträge meines Geldes verwetten."

Ein Gasleitung wird von einer Maschine verlegt
Inzwischen liegen die Rohre der Eugal - der Europäischen Gas-Anbindungsleitung - schon einige Zeit in der Erde und leiten bereits Erdgas durch. (Copyright: Eugal)