Energiewende
20.06.2019

BDEW sendet „Weckruf“ an die Politik

Foto: iStock
Der Branchenverband BDEW fordert einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft fordert, dass die Kapazität bei Windkraft und Photovoltaik bis 2030 in etwa verdoppelt wird, um das 65-Prozent-Ziel zu erreichen.

Ob die Große Koalition derzeit über ihr Versprechen nachdenkt, bis 2030 den erneuerbaren Energien einen Anteil von 65 Prozent zu verschaffen – das will man gern hoffen. Nachgedacht hat jetzt aber der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und Szenarien vorgelegt, wie der Zwei-Drittel-Anteil der Erneuerbaren am Strommarkt zu erreichen ist.

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Keine Frage: Die bisherigen Maßnahmen, wie sie im EEG 2017 festgeschrieben sind, genügen nicht. Diese würden 2030 lediglich einen Anteil des Ökostroms von 54 Prozent sichern, rechnete BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer in dieser Woche vor, auch wenn man schon dieses Jahr voraussichtlich die 40-Prozent-Marke reißen werde.

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Um auf die 65 Prozent zu kommen, müsste dem BDEW zufolge die bisherige installierten 120.000 Megawatt Erneuerbare-Energien-Anlagen – je nach Szenario –auf 215.000 bis 237.000 Megawatt erhöht, praktisch also innerhalb der nächsten zehn Jahre verdoppelt werden. Neu gebaut würden dabei nur Windkraft onshore und offshore sowie Photovoltaik, letztere in erster Linie auf Freiflächen.

Politische Deckelungen aufheben

Damit die Verdopplung ausreicht, muss der BDEW annehmen, dass der Stromverbrauch bis 2030 nur um 0,2 Prozent pro Jahr wächst und 2030 mit knapp 600 Milliarden Kilowattstunden nur unwesentlich höher liegt als 2018, wie Kapferer schätzte. Begründet wurde diese optimistische Annahme vor allem damit, dass mit der Reduktion der Kohleverstromung auch der hohe Eigenverbrach dieser Kraftwerke wegfiele. In den 600 Milliarden sei auch der Bedarf einiger Millionen E-Autos sowie 2.000 bis 3.000 Megawatt zur Wasserstoff-Elektrolyse eingeplant.

Um den Ausbau anzuschieben, forderte Kapferer alle politischen Deckelungen bei den erneuerbaren Energien aufzuheben: keine Beschränkung der EEG-Förderung auf Solarstrom-Anlagen bis zehn Megawatt, kein Photovoltaik-Deckel bei insgesamt 52.000 Megawatt und keine Begrenzung des Windkraft-Ausbaus auf See auf 15.000 Megawatt bis 2030.

Offshore und PV stärker ausbauen

Angesichts der sinkenden Akzeptanz für Windkraft an Land schlägt der BDEW vor, für das 65-Prozent-Ziel Windkraft auf See sowie Solarstrom stärker auszubauen. Offshore müsste dann bis 2030 mindestens auf 17.000, besser 20.000 Megawatt wachsen. Je nachdem, welches Potential bei Wind an Land wirklich erschlossen werden kann – der BDEW rechnet hier mit einer Spannbreite bei der langfristigen Kapazität von rund 67.000 bis 77.000 Megawatt – müsste der „restliche“ Strom dann aus neuer Photovoltaik kommen.

Allerdings könnte das Akzeptanzproblem bei Wind an Land nach Ansicht des Verbandes den ehrgeizigen Ausbauplänen einen ordentlichen Strich durch die Rechnung machen. Wenn künftig eine bundesweite Vorschrift gelte, dass Windkraft an Land nur noch im Abstand von mindestens 1.000 Metern zu Wohngebäuden errichtet werden darf, könnte die deutsche Onshore-Kapazität Anfang der 2030er Jahre zwar auf einen „Peak“ von 82.000 Megawatt steigen, würde in den Folgejahren dann aber dauerhaft bei rund 63.000 Megawatt stagnieren.

Der Grund: Windkraft-Anlagen, die heute auf Flächen stehen, auf denen wegen der Abstandsprobleme kein Repowering möglich ist, würden dann rückgebaut. Eine 1.000-Meter-Abstandsregelung würde die Flächenverfügbarkeit aus Sicht des BDEW so sehr einschränken, dass selbst das 65-Prozent-Ziel nicht zu schaffen ist. „Pauschale Flächenrestriktionen sind kein gangbarer Weg, um die Ausbauziele zu erreichen“, sagte Kapferer in Richtung Bundespolitik.

Kein Wunschszenario sondern Weckruf

Generell stellten die Forderungen der Branche kein „Wunschszenario“ dar, sondern einen „klaren Weckruf“, sagte der Verbandschef. Es gehe um Entscheidungsnotwendigkeiten, und darum, der Politik deutlich zu machen, „vor welchen Klippen sie steht.“

Eher zurückhaltend sind die Forderungen des BDEW, wie der weitere Ausbau der Erneuerbaren finanziert werden soll. Im Kern soll am EEG und an den wettbewerblichen Ausschreibungen festgehalten werden. Verändert werden soll aber die Anrechnung der Erlöse, wenn Ökostrom im EEG über die Marktprämie vergütet wird. Derzeit dürften die Erzeuger, wenn sie die Kilowattstunde für beispielsweise sechs Cent an der Börse verkaufen und der EEG-Zuschuss bei fünf Cent liegt, den einen Cent als Gewinn behalten. Künftig soll dieser Erlös nach dem Willen des BDEW in die EEG-Kasse fließen und so nicht nur die Verbraucher entlasten, sondern für die Ökostromerzeuger auch einen Anreiz setzen, in den freien Strommarkt zu gehen.

Dreister Vorschlag für Strompreiskompensation

Ist diese Forderung noch plausibel, so sieht das anders aus beim BDEW-Vorschlag nach einer Strompreiskompensation für energieintensive Unternehmen – auch wenn diese „freien“, also nicht-EEG-geförderten Ökostrom beziehen, zum Beispiel aus Wind- oder Solaranlagen, die aus dem EEG gefallen sind.

Stromintensive Unternehmen erhielten derzeit bei Bezug des üblichen Strommixes eine Kompensation, um die CO2-Kosten im Strompreis auszugleichen, so Kapferer. Die Unternehmen würden deswegen mit einem niedrigeren Strompreis kalkulieren. Würden sie aber auf grünen Strom umsteigen, wäre der zwar CO2-frei, aber aus Sicht der Unternehmen teurer. Zum einen koste Ökostrom meist noch mehr und zum anderen falle die Kompensation weg. Deswegen sei es für stromintensive Unternehmen derzeit „nicht attraktiv“, sich langfristig Ökostrom liefern zu lassen.

Anders gesagt: Die stromintensive Industrie will sich mit erneuerbarem Strom – wie andere Branchen es vormachen – gern ein grünes Image zulegen, sich den Einkauf CO2-freien Stroms aber dennoch mit einer Strompreiskompensation belohnen lassen. Das ist ein schon ein wenig dreister „Weckruf“.

Lesen Sie auch: Solarbranche sieht Licht am Ende des Tunnels

Jörg Staude
Keywords:
Energiewende | BDEW | erneuerbare Energien
Ressorts:
Governance

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