Die vorsichtige Nutzung von Windkraft auch in Waldgebieten könnte laut einer Branchenuntersuchung den nötigen Zubau an Anlagen im wichtigsten Erzeugerland Niedersachsen umweltgerecht ergänzen. Dieses Bild zeichnet eine Analyse, die der Landesverband Erneuerbare Energien Niedersachsen-Bremen (LEE) am Montag an Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) übergab. "Wir haben das Potenzial, Klimaschutz voranzutreiben", sagte LEE-Chefin Bärbel Heidebroek. Sie stellte klar, dass es in der Regel um Flächen etwa in Nutzforsten gehe, keinesfalls um Mischwald oder gar Schutzgebiete.

Lies gab sich grundsätzlich offen dafür. "Wald und Wind" müssten keine Konkurrenz, sondern könnten eine gegenseitige Ergänzung beim Klimaschutz sein. Natürlich müsse man jedoch darauf achten, dass Natur- und Artenschutzregeln weiterhin berücksichtigt werden.

Seit längerem herrscht ein Zielkonflikt zwischen dem klimapolitisch erforderlichen Ausbau mit neuen und dem Ersatz alter Windräder auf der einen Seite sowie Bedenken von Natur- und Landschaftsschützern auf der anderen Seite. Heidebroek sagte zum Umfang des Ausbaus in Niedersachsen, dem Bundesland mit der größten installierten Kapazität: "Wir brauchen mindestens 2,1 Prozent der Landesfläche ab 2030 für die Windenergie, um die Klimaschutzziele zu schaffen."

Repowering hängt besonders von Flächenkulisse ab

In der Studie werden durch die Nefino GmbH verschiedene Szenarien für Flächenpotenziale im Forst und im Offenland berechnet - mit unterschiedlichen Abständen zu Siedlungsbereichen und zu Wohnbebauungen. Bei zeigt sich, dass insbesondere für das Repowering von Windkraftstandorten die Unterscheidung zwischen Innenbereich (= im Zusammenhang bebauten Ortsteile) und Außenbereich (= Einzelhäuser und Splittersiedlungen) von enormer Bedeutung ist. Der LEE setzt sich dafür ein, statt pauschaler Mindestabstände die Vorgaben zur optisch bedrängenden Wirkung sowie die TA Lärm als Standortkriterium zugrunde zu legen.

Eine Erhöhung der Mindestabstände zur Wohnbebauung im Innenbereich verringert der Studie zufolge die Flächenpotenziale im Offenland erheblich: Pro 100 Meter Pufferabstand gingen etwa 12 Prozent an Flächenpotentiale verloren, umgekehrt würden sich die Flächenverluste im Außenbereich sogar um bis zu 17 Prozent pro 100 Meter weniger Abstand verringern, erläutert Jan-Hendrik Piel von Nefino.

Mitnutzung von Wäldern erhöht Potential auf 2,5 Prozent Flächenanteil

Besonders umstritten ist die Errichtung großer Windräder in Wäldern. In der Analyse heißt es dazu, dass dort - ohne Einschluss von Schutzgebieten - bis zu 3,7 Prozent der Fläche "behutsam" nutzbar wären, wenn Wohnsiedlungen mindestens 800 Meter und Einzelhäuser mindestens 500 Meter entfernt sind. Das zugehörige Potenzial ist demnach besonders in den Kreisen Celle und Uelzen groß. Insgesamt ließe sich der landesweite Flächenanteil für die Windkraft durch Mitnutzung von Wäldern auf bis zu 2,5 Prozent erhöhen, hieß es.

Am heutigen Dienstag soll in Hannover ein neuer Windenergie-Erlass ins Kabinett kommen, der nach Verabschiedung erneut von Verbänden angehört werden soll. Lies bekräftigte: Wenn die durch Atomausstieg bis 2022 und Kohleausstieg bis spätestens 2038 wegfallenden Strommengen ersetzt werden sollen, müsse der Windkraftausbau jetzt energisch vorangehen. Das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei dafür "ein kleiner, wichtiger Schritt" gewesen. Lies ergänzte: "Ich hätte mir gewünscht, der Schritt wäre etwas größer geworden."

Der LEE, der die Novellierung des niedersächsischen Windenergieerlasses begleitet, setzt sich für ein verbindliches Flächenziel der Kommunen von 2,1 Prozent für die Ausweisung von Windenergieflächen ein. Der geltende Erlass sieht lediglich 1,4 Prozent vor.

Auch bei vielen Anwohnern ist der Windkraft-Zubau umstritten. Zunächst war eine feste Abstandsregel von einem Kilometer zwischen Anlagen und Wohnbebauung vorgesehen gewesen, was Kritik an den Vorstellungen des Bundes ausgelöst hatte. Die Länder haben nun mehr Spielraum zur Auslegung und Ergänzung eigener Regeln.

Dabei müssten freilich weiter Lösungen gelingen, um die Geräusche der Anlagen aus Wohngebieten möglichst herauszuhalten und das Landschaftsbild möglichst zu erhalten, sagte Minister Lies. Zwischen Klima- und Naturschutz müssten aber weitere Kompromisslinien ausgelotet werden: "Auch dort werden wir ran müssen."

Das sogenannte Offenland-Potenzial - die mögliche Windkraftfläche außerhalb von Wäldern - schätzt die Untersuchung für Niedersachsen nach Berücksichtigung von "Tabu-Flächen" bei theoretisch 19,8 Prozent ein. "Wenn substanziell Raum geschaffen werden soll, müssten davon 10 Prozent ab 2030 ausweisbar sein", sagte Nefino-Mitgründer Jan-Hendrik Piel. "Das wären also etwa 2 Prozent der Flächen Niedersachsens."

2020 steckte der Windkraft-Ausbau in Niedersachsen weiter in der Krise. Landesweit wurden nur 48 neue Anlagen errichtet, während gleichzeitig 34 Anlagen zurückgebaut wurden. Nur acht alte Anlagen wurden durch neue mit stärkerer Leistung ("Repowering") ersetzt.

jst/dpa

Windkraft ist inzwischen zum wichtigsten Stromerzeuger in Deutschland geworden. (Copyright: Istock)