Schifffahrt
04.09.2018

Binnenfrachter sollen mit Wasserstoff fahren

Darstellung: Portliner
So wie in dieser Computerdarstellung sollen die elektrisch angetriebenen Frachter des niederländischen Unternehmens Portliner einmal aussehen.

Portliner aus Holland und H2 Industries aus München planen Elektro-Frachtschiffe mit Brennstoffzellen. Doch E-Antriebe in der Schifffahrt zu etablieren, ist ein mühsames Geschäft.

Während in Norwegen bereits die ersten elektrischen Autofähren über einige Fjorde pendeln, ist Elektromobilität in der Binnen-Frachtschifffahrt Europas noch Zukunftsmusik. Ton van Meegen will das ändern. Der niederländische Unternehmer plant seit 2017 Frachter mit Batterien. Jetzt erweitert er sein Konzept um den Energieträger Wasserstoff.

Anzeige

Van Meegens Unternehmen Portliner hat sich Anfang September mit dem deutschen Hersteller von LOHC-Wasserstoffanlagen H2-Industries zusammengetan. Dessen Technologie bindet Wasserstoff (H2) in der Ölmischung Dibenzyltoluol – LOHC steht für „Liquid Organic Hydrogen Carrier“. Durch diese Art der Flüssigspeicherung lässt sich Wasserstoff günstiger und sicherer aufbewahren und transportieren als in den bisher üblichen Gas-Hochdrucktanks. An Bord der Portliner-Schiffe soll das H2 aus dem Öl gelöst werden und per Brennstoffzelle Antriebsstrom für die Elektromotoren liefern. (Lesen Sie auch: Hydrogenious: Deutsche Wasserstoff-Technologie startet in den USA)

Anzeige

Luxusyacht mit Brennstoffzelle

H2 Industries hat im August ein ähnliches Projekt mit der Rendsburger Werft Nobiskrug vereinbart: Die beiden Unternehmen wollen eine wasserstoffbetriebene Yacht entwickeln, auf der das LOHC-Verfahren eingesetzt wird. Nobiskrug baut sogenannte Superyachten – besonders große, luxuriöse Motoryachten.

Portliner-Chef van Meegen reizt an LOHC die – im Vergleich zu Batterien – große Reichweite und der Tankvorgang, der dem Betanken mit herkömmlichem Diesel-Treibstoff ähnelt. Vor der Kooperation mit H2 Industries plante er seine E-Frachter ausschließlich auf Batteriebasis: Die Schiffe sollen ihre Batterien in jeweils vier Frachtcontainern mitführen. Geladen werden soll entweder durch das Austauschen der Container oder durch das Laden der Batterien an Bord.

Problem Infrastruktur

Der Reeder, der seine konventionellen Frachtschiffe im Jahr 2014 verkaufte und Portliner gründete, ist mit seinen Plänen in Verzug. Der Aufbau einer Ladeinfrastruktur und das Aushandeln von Stromlieferverträgen sind offenbar komplizierter als erwartet: „Ich habe mir das vor zwei Jahren einfacher vorgestellt“, sagt van Meegen im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. Ein einziger E-Frachter brauche täglich eine Energieleistung von zehn Megawatt. „Solche Mengen zu laden, ist in deutschen, belgischen und niederländischen Häfen schwierig.“ Dennoch ist van Meegen zuversichtlich, dass 2019 die ersten Portliner-Batteriefrachter fahren. Er sagt, er führe Gespräche über den Bezug von Strom mit mehreren europäischen Energieversorgern.

Der Bau der Schiffe selbst ist nach van Meegens Worten der leichtere Part. „Da ist im Prinzip nichts Neues dran. Wir wissen, wie es geht.“ Als Reeder hat der Unternehmer rund 40 konventionelle Binnenfrachter auf niederländischen Werften konstruieren lassen. Mit dem Bau eines Batteriefrachter-Prototypen will er beginnen, sobald ein Stromliefervertrag ausgehandelt ist.

Alles passt in Container

LOHC-Anlagen sollen nun zu einer zweiten Antriebsvariante für Portliner-Schiffe werden. Die Technik von H2 Industries wird nach Aussage von Unternehmensgründer Michael Stusch die komplette Kette von der Wasserstofferzeugung per Elektrolyse über das Beladen der Trägerflüssigkeit mit Wasserstoff und das Herauslösen auf dem Schiff bis zum Verstromen in einer Brennstoffzelle an Bord enthalten. Sie lässt sich in Frachtcontainer unterbringen.

Allerdings kann auch Stusch noch nicht mit einer ausgereiften, einbaufähigen LOHC-Anlage für Schiffe aufwarten. H2 Industries ist nach seinen Worten dabei, eine Serienfertigung für multifunktionale LOHC-Anlagen aufzubauen. „Unser Ziel ist der Massenmarkt“, sagt Stusch. Die Anlagen sollen nicht nur in der Mobilität, sondern beispielsweise auch in Gebäuden einsetzbar sein. Eine Pilotanlage läuft nach Angaben des Unternehmens bereits in einem Wohnhaus in Österreich.

Umweltsünder Schifffahrt

LOHC könnte sich auch für Züge eignen. Das Helmholtz-Institut Erlangen-Nürnberg für Erneuerbare Energien forscht an einer entsprechenden Anlage. Damit soll der Wasserstoff-Zug Coradia iLint des Bahntechnik-Anbieters Alstom ausgerüstet werden. (Lesen Sie auch: Forscher planen Brennstoffzellenzüge mit „flüssiger Pfandflasche“)

In der Schifffahrt treffen alternative Antriebe wie die Brennstoffzelle erst allmählich auf Interesse. Konventionelle Treibstoffe – insbesondere für Seeschiffe – sind für die Betreiber wesentlich billiger. Aber sie sind hochgradig umwelt- und gesundheitsschädlich. Der öffentliche Druck auf die Branche steigt. Deshalb beginnen einige Reedereien, einzelne Schiffe mit Flüssigerdgas-Antrieben auszurüsten. Verflüssigtes Erdgas (LNG) setzt bei der Verbrennung weniger Schadstoffe und weniger Kohlendioxid frei werden als Schweröl-Treibstoff oder Schiffsdiesel.

In Norwegen, wo grüner Strom aus Wasserkraft reichlich verfügbar ist, fahren erste rein elektrisch betriebene Autofähren, beispielsweise Schiffe der Reederei Fjord 1 im Nordfjord.

Schiffbauverband: UN-Klimaregelung für Seefahrt reicht nicht

 

Christian Schaudwet
Keywords:
Elektromobilität | Schifffahrt | LOHC | Brennstoffzelle
Ressorts:
Technology

Kommentare

Nach Aussage in http://www.hydrogenious.net/de/technologie/ ist die Trägerflüssigkeit LOHC "Nicht toxisch und nicht als Gefahrgut klassifiziert".
Diese angebliche Ungiftigkeit wird jedoch durch die EU-Gefahrstoffkennzeichnung "umweltgefährlich" widerlegt:
http://www.linkfang.de/wiki/Dibenzyltoluol
Jede Technologie ist nur so gut wie ihr schwächstes Glied. Mit LOHC würde ein umweltgefährlicher Stoff in großen Mengen in Umlauf gebracht.
Weitere kritische Hinweise zur LOHC findet man in:
https://www.energienovum.de/enxpress/tag/speichertechnologie/

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy – Herbst 2018

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab dem 03.09.2018 bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de sowie als E-Paper bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen