Biomethan
15.08.2018

Biogas statt Bier: Dürre macht erfinderisch

Foto: istock/lenawurm
Die Rohstoffe für Biogasanlagen werden knapp – Braugerste ist eine Alternative zu Mais.

Die Dürre stellt deutsche Landwirte mit Biogasanlagen vor ein Dilemma: Sollen sie die mickrige Maisernte verfüttern oder in den Fermenter werfen? Eine Alternative ist Braugerste, die wegen schlechter Qualität gerade schwer verkäuflich ist.

Der trockene Sommer lässt bei Verbänden die Alarmglocken läuten: Nach Schätzung des Deutschen Raiffeisenverbands (DRV) wird die Getreideernte mit 36,3 Millionen Tonnen so niedrig ausfallen wie zuletzt 1994. Selbst die schwache Ernte des vergangenen Jahres wird damit noch um ein Fünftel untertroffen. Besonders deutlich zeigt sich das etwa beim Mais: Die Bauern werden voraussichtlich gerade mal halb so viel davon ernten wie 2017.

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Doch gerade Mais ist wegen seines hohen Energiegehaltes der Haupttreibstoff aller Biogasanlagen, aber auch ein wichtiges Viehfutter. Aus Sicht von Stefan Rauh, Agrarwissenschaftler und Geschäftsführer des Biogasverbandes, kann die Trockenheit für die Betreiber von Biogasanlagen existenzbedrohlich werden – insbesondere dann, wenn sie zugleich auch Vieh- und Milchwirtschaft haben. Drei Viertel aller deutschen Biogasanlagen werden von Landwirten betrieben. Sie müssen sich nun häufig entscheiden, ob sie den Mais verfüttern oder in der Biogasanlage fermentieren. 

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Vielen Brauereien sind die Gerstenkörner zu klein und zu proteinhaltig

Ein Ausweg: Jetzt die Leistung der Anlagen drosseln und im Winter wieder hochfahren, wenn der Bedarf an Wärme und Strom steigt. „Klar ist aber auch, dass eine Drosselung mit massiven wirtschaftlichen Einbußen verbunden ist“, sagt Rauh. Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung alternativer Rohstoffe (Substrate) wie der Braugerste. Deren Einsatz drängt sich in diesem Jahr geradezu auf: Weil die Körner dürrebedingt klein und sehr proteinhaltig sind, nehmen viele Brauerereien den Bauern die Gerste nicht ab.

Doch der Einsatz alternativer Substrate ist keineswegs so einfach, wie es erscheinen mag.  Denn wer die schwer verkäufliche Gerste nicht verfüttert, sondern in seine Biogasanlage schiebt, muss mit neuen Problemen rechnen. „Man muss sich eine Biogasanlage weniger als eine Maschine vorstellen und mehr als ein Lebewesen. Da können Nahrungsumstellungen zu ernsten Beschwerden führen“, sagt Prozessbiologe Lukas Neumann, der im Labor des Biogas-Serviceunternehmens MTE Service im niedersächsischen Zeven arbeitet.

„Solche Havarien verhindern“

So können die langen Grannen der Gerste zum Beispiel dazu führen, dass sich das Substrat im Bioreaktor, auch Fermenter genannt, verfestigt. Im schlimmsten Fall versäuert der Fermenter und die Mikroorganismen, die das Methangas bilden, sterben ab. „Mein Job ist es, solche Havarien zu verhindern“, sagt Neumann. Unternehmen wie MTE Service haben derzeit Hochjunktur, weil viele Landwirte ihre Biogasanlage auf alternative Rohstoffe umstellen wollen. Doch dieser Prozess kann Monate dauern.

Selbst der Mais sei in diesem Jahr anders als im Vorjahr, sagt Neumann: Er habe mehr Zellulose und weniger Stärke, weil die Kolben nicht ausreifen konnten. „Der Gasertrag des diesjährigen Maises ist daher definitiv schlechter. Viele unsere Kunden versuchen deswegen, ihre Maisreserven aus dem Jahr 2017 zeitlich zu strecken und füttern andere Substrate zu.“

Großanlagen haben genug Vorräte

Nicht alle Biogasanlagen sind von der Dürre gleich betroffen: Großanlagen, die zum Portfolio von Finanzinvestoren, Stadtwerken oder überregionalen Versorgern gehören, haben häufig genug Vorräte für schwierige Zeiten angelegt. Das von den Stadtwerken Groß-Gerau im südhessischen Wallerstädten betriebene Biogaswerk (1.240 Kilowatt) verfügt über so große Vorräte, dass die Betreiber erwägen, Rohstoffe an andere Betreiber zu verkaufen. Die Anlage verschlingt jährlich 13.000 Tonnen Energiepflanzen, darunter Mais, Grünroggen, Zuckerhirse und Zuckerrüben von 50 Landwirten aus der Region. „Wir haben aus den schlechten Ernten der Vergangenheit gelernt“, erklärt Landwirt Stefan Ruckelshaußen, zugleich Betriebsleiter der Anlage.

In Deutschland sind rund 9.000 Biogasanlagen mit einer elektrischen Leistung von 4,2 Gigawatt (GW) in Betrieb. Davon sind etwa 2.000 bei der Bundesnetzagentur für flexiblen Anlagenbetrieb gemeldet, sie addieren sich zu einer elektrischen Kraftwerksleistung von 1,2 GW. Nach Schätzung des Fachverbands Biogas werden etwa drei Viertel aller Anlagen von einem oder mehren Landwirten betrieben, bei einem Viertel handelt es sich um Großanlagen. 

Neue Gruppe von Biogasgegnern

Die schlechte Ernte ruft nun eine neue Gruppe von Biogasgegnern auf den Plan. Statt der bisherigen Tank-oder-Teller-Diskussion geht es jetzt um den Tierschutz. Berichte, wonach die Bauern nicht wissen, wie sie ihre Tiere bis zum nächsten Frühsommer ernähren sollen, treiben die Tierschützer auf die Barrikaden. Und wieder verläuft die Diskussion hochemotional: Darf man den knappen Mais in die Biogasanlage werfen, während im Nachbarhof das Vieh notgeschlachtet wird? Trog oder Tank, lautet also der neue Glaubenskampf.

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Thomas Bauer
Keywords:
Biogas | Biomethan | erneuerbare Energien | Landwirte | Brauereien
Ressorts:
Markets

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