Energiepflanzen
03.07.2019

Biomasse: Wildpflanzen sollen Mais ausstechen

Foto: Werner Kuhn
Das Projekt „Bunte Biomasse“ will Wildpflanzenmischungen für die Biomasseproduktion fördern.

In Deutschland wächst aktuell auf fast einer Million Hektar Fläche Energiemais, oft zum Schaden der Böden und der Artenvielfalt. Ob Wildpflanzen als Alternative taugen, will ein neues Projekt herausfinden.

Rund 40 Interessierte kamen da im westfälischen Delbrück zusammen, um im Landwirtschaftsbetrieb von Richard Schulte bei der Aussaat einer mehrjährigen, ertragreichen Wildpflanzenmischung dabei zu sein. Die Mischung aus bis zu 25 verschiedenen Wildpflanzenarten soll Biomasse für die Methanproduktion liefern – und die Monokultur Mais auch mit Farben- und Blütenpracht ausstechen.

Anzeige

„Bunte Biomasse“ wurde das Projekt getauft. Ins Leben gerufen haben es die Projektpartner Veolia Stiftung, Deutscher Jagdverband und Deutsche Wildtier Stiftung. Sie wollen in den kommenden fünf Jahren deutschlandweit 500 Hektar Mais durch ertragreiche mehrjährige Wildpflanzenmischungen ersetzen, um die Erträge zur Biomasseproduktion zu nutzen. Zum Vergleich: Energiemais für die Biogasproduktion wuchs 2018 auf rund 900.000 Hektar Fläche.

Anzeige

Magnet für Artenvielfalt

Landwirt Schulte aus Delbrück ist einer von rund zwei Dutzend Landwirten, die jetzt beim neuen Feldversuch mitmachen. Schulte betreibt neben seinem Hof eine Biogasanlage und will auf rund zehn Hektar seiner Fläche Mais durch Wildpflanzen ersetzen. Die Wildpflanzen, sagt er, seien „wahrscheinlich die effizienteste Möglichkeit, um die Lebensräume in der Feldflur zu verbessern“ und „ein Magnet für Feldhasen, Fasanen und viele Brutvögel“.

Die dürfte das freuen. Denn ihre Lebensräume schrumpfen. Das Artensterben in der Feldflur trifft nicht nur Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten, sondern auch viele Feldvögel: „Kiebitz, Grauammer oder Feldlerche sind vielerorts verstummt“, so Volker Böhning vom Deutschen Jagdverband. Das Rebhuhn-Verbreitungsgebiet sei von 2009 bis 2017 um ein Drittel eingebrochen.

Energiebilanz bleibt hinter Mais zurück

Maisanbau in Deutschland
Maisanbau in Deutschland. Quelle: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR)
Ob Wildpflanzen- mischungen tatsächlich als naturverträglichere Alternativen zum Maisanbau taugen, wollte auch der Naturschutzbund (NABU) Baden-Württemberg herausfinden. Ein Ergebnis seines im Frühjahr abgeschlossenen Praxisprojekts „Biodiversität für Biogasanlagen“: Wildpflanzen wie die Wilde Malve, Flockenblumen oder Eibisch bleiben in der Energiebilanz zwar hinter dem Mais zurück, haben aber andere Vorteile.

„Neben den Insekten, Vögeln und dem Niederwild profitieren auch der Boden und das Grundwasser“, sagt NABU-Landwirtschaftsreferent Jochen Goedecke. Markus Frick aus Kißlegg, der mit seinem landwirtschaftlichen Betrieb beim NABU-Projekt mitgemacht hat, sagt, dass sich die Wildpflanzen gut in den betrieblichen Ablauf einbinden ließen und weniger Dünger als Mais brauchten, keinen Pflanzenschutz und weniger Zeit für die Bewirtschaftung. Auch ließ sich die Wildpflanzen-Silage problemlos gemeinsam mit Mais vergären.

Nur: Landwirte rechnen heute in der Regel mit spitzem Stift. Was zählt, ist der Ertrag an Trockenmasse und Methan. Und diese Erträge liegen „deutlich unter den Ergebnissen von Mais“, so Jörg Messner vom Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg Aulendorf. Damit ergeben sich nach seiner Einschätzung auch höhere Kosten in der Biomasseerzeugung.

Projekt „Bunte Biomasse“ lockt mit Ausgleichszahlung

Das jüngst gestartete Projekt „Bunte Biomasse“ der Veolia-Stiftung und ihrer Partner stellt diesen Umstand schon in Rechnung. „Bei den Biomasseerträgen besteht zwischen dem Anbau von Wildpflanzen und Silomais zwar kaum noch eine Differenz“, sagt Stiftungsvorstand Sylke Freudenthal. Der Methanertrag der Wildpflanzen liege allerdings nur bei etwa 70 Prozent des Ertrags von Mais. „Deswegen zahlen wir teilnehmenden Landwirten einen Ausgleich von 250 Euro pro Hektar und Nutzungsjahr.“

Wo es am Ertrag fehlt, punkten die Wildpflanzen mit ihren Ökosystemleistungen – und mit einer spürbar geringeren Arbeitsbelastung für die Landwirte. Nach der Bodenvorbereitung, Aussaat und Düngung im ersten Jahr sind die Wildpflanzen quasi Selbstläufer. Vier weitere Ernten sind dann möglich, bei insgesamt nur acht Arbeitsgängen in fünf Jahren. Mais verlangt mehr Aufmerksamkeit: Laut NABU 25 Arbeitsgänge im selben Zeitraum – bei zugleich höheren Aufwendungen für Betriebsmittel, Diesel und Maschinen.

Lesen SIe auch: Bund könnte durch Biosprit zehn Milliarden Euro sparen

Lesen Sie auch: Biogas statt Bier - Dürre macht erfinderisch

Thomas Wischniewski
Keywords:
Biomasse | Artenschutz
Ressorts:
Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen