Finance
22.10.2012

Biosprit versiegt an der Börse

Joerg Simanowski

Tank-Teller-Diskussion, hohe Rohstoffpreise – Biosprithersteller erfahren derzeit einigen Gegenwind. Nun will die EU-Kommission die Quoten für Biokraftstoffe aus Nahrungsmitteln senken. Lohnt ein Investment noch?

Claus Sauter hat schon angenehmere Zeiten erlebt. Der Chef des Leipziger Biokraftstoffherstellers Verbio muss mitansehen, wie der Aktienkurs seines Unternehmens seit Mitte August kontinuierlich einbricht. Für diesen Kursrutsch genügten ein paar Worte des Entwicklungshilfeministers Dirk Niebel (FDP). Der hatte gefordert, den Verkauf des Biokraftstoffgemisches E10 zu stoppen, weil es Nahrungsmittel verteuere. „Schwachsinnig“, nennt Sauter die ganze Diskussion. „Wir hatten super Ernten und exportieren sogar Getreide.“

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Schon seit Jahren wird heftig über die Konkurrenz der Biokraftstoffe zur Lebensmittelproduktion gestritten. „Durch Biokraftstoffe wird eine neue Nachfrage generiert und die hat einen verteuernden Einfluss auf Rohstoffe“, sagt Matthias Fawer vom Schweizer Bankhaus Sarasin in Basel. Beispiel USA: 40 Prozent der Maisernte gehen dort in die Ethanol-Produktion. In diesem Jahr fiel die Ernte aufgrund der seit Monaten anhaltenden Dürre in den Anbaugebieten im mittleren Westen schlechter aus. „Das treibt die Weltmarktpreise, weil nun andere Länder stärker in die USA exportieren, um das fehlende Maisangebot zu ersetzen“, so Fawer. In Deutschland wird zwar weitaus weniger Getreide zu Biokraftstoff verarbeitet als in den USA, die Hersteller sind dennoch vorsichtig. Die Mannheimer Südzucker-Tochter Cropenergies etwa, einer der größten deutschen Ethanol-Hersteller, möchte sich nicht zur aktuellen Debatte um Biokraftstoffe äußern. 

Von 49 Biodieselanlagen blieben 22 übrig

Die Branche steht auf einem fragilen Fundament. Sie ist abhängig von den Vorgaben der Politik. Alle EU-Mitgliedsstaaten sind verpflichtet, fossilem Sprit einen fixen Anteil an Biokraftstoffen beizumischen. In Deutschland liegt dieser Wert, bezogen auf den gesamten Kraftstoffverbrauch, bei 6,25 Prozent. „Bisher hat die Politik das regulatorische Umfeld für Biokraftstoffe nicht verändert“, sagt Stephan Wulf, Analyst bei Warburg Research in Hamburg. Die Bundesregierung hält aus Mangel an Alternativen an den grünen Treibstoffen fest. 

Eine sichere Perspektive für Investitionen ist dies aber nicht: In der Vergangenheit hat die Politik mehrfach die Bedingungen für Biokraftstoffe verändert. So stoppte sie 2007 die Steuerbefreiung für reinen Biodiesel, der ohne Steuervorteil nicht mehr konkurrenzfähig war. Von 49 Produktionsanlagen blieben 22 übrig. Was die deutschen Hersteller noch schwerer trifft als die Nachhaltigkeitsdebatte, sind die Billigimporte, die den EU-Markt überschwemmen. Sie stammen vor allem aus Argentinien und Indonesien. Wie aus einem internen Papier des Verbandes der Deutschen Biokraftstoff-Industrie hervorgeht, ist die Biodiesel-Produktion hier­zulande in den ersten sechs Monaten 2012 im Vergleich zum Vorjahr um ein Fünftel eingebrochen. Dabei war die Produktion schon im Jahr 2011 rückläufig. Im Schnitt sind die Anlagen nur noch zu 58 Prozent ausgelastet.

Pflanzendiesel ist der mengenmäßig größte Teil der deutschen Biokraftstoffproduktion. Wie lange sich der Betrieb angesichts dieser Zahlen lohnt, ist fraglich. „Für einige Hersteller, insbesondere solche, die nicht in entsprechenden Mengen produzieren, könnte es existentiell werden“, glaubt Analyst Wulf. Hersteller Verbio hält er trotz eingetrübter Aussichten allerdings für gut aufgestellt und empfiehlt die Aktie zum Kauf. Düster sieht es dagegen bei Biopetrol aus, mehrheitlich im Besitz des Rohstoffriesen Glencore. Im letzten Jahr stoppte Biopetrol die Produktion in Schwarzheide, nun steht auch die Anlage in Rotterdam still. 

Rohstoffpreise steigen

Die Branche leidet darunter, dass sie im Vertrauen auf gute staatliche Rahmenbedingungen kräftig expandiert hat. In der Zeit von 2000 bis 2006 sind allein in Deutschland Biodiesel-Anlagen mit einer Kapazität von fünf Millionen Tonnen entstanden. Voll ausgelastet waren sie nie. Viele haben branchenfremde Investoren errichtet, die auf gute Geschäfte hofften – vergeblich. Die Aktienkurse der Produzenten liegen durchweg unter Ausgabeniveau.

Für zusätzlichen Druck sorgen die Rohstoffpreise: Seit Jahresbeginn hat sich Sojaschrot um 60 Prozent verteuert, auch bei Raps und Mais ging der Preis deutlich nach oben. „Das sind Trends, die die Produktion von Biokraftstoffen aus essbaren Pflanzen ökonomisch immer heikler werden lässt“, sagt Finanzexperte Fawer. Die Schweizer Credit Suisse sieht dabei insbesondere für Ethanolhersteller wachsende Probleme.

EU will Quoten senken

Wenig gute Nachrichten für die Branche kommen auch aus Brüssel. Zwar geht die EU-Kommission mit einem Anti-Dumping-Verfahren gegen Spritimporte aus Argentinien und Indonesien vor, sie plant aber, die Ausbauziele für Biokraftstoffe aus Nahrungspflanzen nach unten zu korrigieren. Künftig soll ihr Anteil fünf Prozent nicht überschreiten, vorgesehen waren ursprünglich acht Prozent. Anlass ist eine von der Kommission beauftragte Studie, die zeigt, dass einige Biospritsorten sogar mehr Emissionen verursachen als fossiler Sprit. EU-Kommissar Günther Oettinger hat es mit Rücksicht auf die Industrie seit mehr als einem Jahr vermieden, Konsequenzen zu ziehen. 

Sollte die EU die Pläne umsetzen, sieht es für Hersteller, die nicht an Kraftstoffen auf Basis von Reststoffen oder Algen arbeiten, düster aus. Sie bieten laut Fawer langfristig die einzige Alternative zu herkömmlichem Benzin oder Diesel. Noch sind diese Spritsorten zu teuer, um am Markt konkurrieren zu können. Fawer rät daher aktuell von einem Investment in Biokraftstoffe ab. „Das Risiko ist zu hoch.“

Karsten Wiedemann
Keywords:
Biosprit | Verbio | Erneuerbare Energie | E10 | Ethanol | Biodiesel | EU | Crop energies | Biopetrol
Ressorts:
Finance | Markets

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