In zwei, drei Jahren könnten in Deutschland die ersten Elektrolyseure der 100-Megawatt-Klasse laufen. Für das Ex-Kohlekraftwerk Moorburg in Hamburg gibt es jetzt eine Absichtserklärung, dort einen 100er Elektrolyseur zu bauen. Dann könnte dort ab 2025 grüner Wasserstoff produziert werden.

Im Emsland sind die Planungen schon weiter. Bereits 2023, in zwei Jahren also, will der Essener RWE-Konzern so eine Anlage am Standort seines Gaskraftwerks Emsland bei Lingen real in Betrieb nehmen und fürs grüne H2 regionalen Windstrom nutzen.

Für den Konzern ist der Schritt zum grünen Wasserstoff recht logisch. Man sei einer der größten erneuerbaren Erzeuger weltweit und verfüge in Deutschland über Gasspeicher, die man kurz- bis mittelfristig für die H2-Speicherung umrüsten könne, schilderte Lisa Willnauer von RWE am Mittwoch auf der Wasserstoffvollversammlung der NOW. Auch ließen sich die RWE-eigenen Gaskraftwerke am Ende klimaneutral mit Wasserstoff betreiben.

Der grüne Wasserstoff aus Lingen soll dann - und das erstmalig in Deutschland - über eine 130 Kilometer lange und auf reinen Wasserstoff umgerüstete Gasleitung zu Raffinerien in Gelsenkirchen und Lingen transportiert werden. RWE nennt das ganze Projekt "GET H2 Nukleus". Perspektivisch kann die Elektrolyse in Lingen bis 2026 auf 300 Megawatt ausgebaut werden. Parallel soll, ebenfalls bis 2026, eine Importleitung für Wasserstoff in die Niederlande gebaut werden. Willnauer plädierte aber dafür, zunächst einen deutschen Binnenmarkt für grünen Wasserstoff aufzubauen als Basis für den Import. Letzterer sei zwar unbedingt nötig, aber eben erst der zweite Schritt.

RWE will die Gasleitung nicht exklusiv allein nutzen, sondern als regulierte Pipeline mit einem diskriminierungsfreien Zugang auch Dritten öffnen, erklärte Projektmanagerin Willnauer. Bei den Forderungen gegenüber der Energiepolitk bleibt die Managerin eher im Ungefähren.  Mit der beschlossenen Befreiung der Herstellung grünen Wasserstoffs von der EEG-Umlage sei man einen "guten Schritt" weiter gekommen. Auch setze der aktuelle Referentenentwurf zur Umsetzung RED-II-Richtlinie nunmehr bessere Anreize für die Nutzer von Wasserstoff.

In den Lücke zwischen dem ersten "Nukleus" einer hiesigen Wasserstoffwirtschaft und den eher anspruchsvollen Klimazielen in der Industrie stieß auf der Versammlung auch der norwegische Staatskonzern Equinor. Er hat insbesondere die Emissionen der deutschen Stahl- und Eisenindustrie von jährlich 50 bis 60 Millionen Tonnen im Blick.

Equinor hält "blauen" Wasserstoff für guten Ansatz

Allein, damit ThyssenKrupp seinen Stahl klimaneutral erzeugen kann, seien bis zu acht Milliarden Kubikmeter H2 nötig. "Das ist eine immens große Herausforderung", sagte Bull-Berg. "Wir glauben, dass blauer Wasserstoff einen guten Ansatzpunkt bieten kann und dann sukzessive mehr und mehr Wasserstoff hinzugefügt werden kann." Mittelfristig gehe Equinor von einem Anteil des grünen Wasserstoffs von 60 bis 70 Prozent aus, später könnten es dann mehr werden.

Bull-Berg argumentierte hier auch mit der Effizienz und sieht insbesonders in der schwankenden Erzeugung des Ökostroms einen vorläufigen Nachteil grünen Wasserstoffs. Mit der H2morrow-Steel-Initiative von Equinor und Partnern könnten nach seinen Angaben 10,5 Millionen der insgesamt 18,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen von ThyssenKrupp beseitigt werden.

Mit der Initiative könnte eine Kapazität von 2.700 Megawatt per Dampfreformierung hergestellten "blauen" Wasserstoffs ab Mitte der 2020er Jahre mobilisiert werden. Um dieselbe Kapazität grünen Wasserstoffs aufzubauen, seien dagegen 7.700 Megawatt Windkraft nötig - also praktisch die gesamte aktuelle deutsche Offshore-Leistung. Vorteil des "blauen" Wasserstoffs sei eben, dass dieser kontinuierlich sieben Tage die Woche 24 Stunden erzeugt werde, meinte Bull-Berg.

Für ein schrittweisen Umbau der Stahlindustrie plädierte auf der Vollversammlung auch Alexander Redenius von der Salzgitter AG. Für ihn stellt nicht "blauer" Wasserstoff die Übergangstechnik dar, sondern einfach Erdgas.

Erdgasdirektreduktion als Absprungpunkt

Am Standort Salzgitter entstünden bei der Produktion von jährlich etwa 4,6 Millionen Tonnen Rohstahl rund acht Millionen Tonnen CO2. Um hier einen "Breakthrough" zu erreichen, müsse man, so Redenius, auf völlig neue Technologien umstellen. Im Kern werde dazu die bisherige kohlenstoffbasierte auf eine elektrische Stahlherstellung umgestellt, bei der CO2 erst gar nicht entstehe. Das solle zwar im industriellen Maßstab, aber auch "schrittweise" geschehen.

Für Redenius ist dabei klar, dass es für so einen industriellen Maßstab anfangs nicht genug grünen Wasserstoff geben werde. Der "ideale Absprungpunkt" für die Salzgitter AG sei deswegen zunächst die "Erdgasdirektreduktion". Mit der Methode würden jetzt schon weltweit 80 Millionen Tonnen Stahl hergestellt, besonders in Gegenden, wo Gas bei der Ölförderung als Abfall billig anfalle. Auf diese Weise könnten die CO2-Emissionen schon um zwei Drittel verringert werden, so Redenius.

"Wir fangen heute an mit Erdgas und können, je nach Verfügbarkeit, immer größere Mengen Wasserstoff einsetzen." Beginnen soll die Umsetzung ab 2026, das erscheint realistisch, sagte der Salzgitter-Manager. Da könnte eine Direktreduktionsanlage stehen. Mit einer kleinen Elektrolyse und einem kleinen Lichtbogenofen könnten 2 Millionen Tonnen CO2 reduziert werden.

Die dadurch steigenden Kosten hält Redenius für beherrschbar. Er bezieht sich auf eine Agora-Studie aus dem vergangenen Jahr, die die Klimakosten für die energieintensive Industrie abgeschätzt hat. Dort nehme man, so Redenius, 100 bis 200 Euro Mehrkosten für die Tonne Rohstahl aus.  Gehe man aber davon aus, dass in einem Auto beispielsweise um die 800 Kilo Stahl steckten, dann relativierten sich diese Zusatzkosten angesichts der üblichen Fahrzeugpreise.

Auf dem Gelände des Gaskraftwerks Emsland bei Lingen will RWE eine 100-Megawatt-Elektrolyse errichten und schon 2023 in Betrieb nehmen. (Copyright: RWE)