Im Ruhrgebiet lässt die Qualität der Mobilität zu wünschen übrig, das weiß ich aus eigener leidvoller Erfahrung. Straßen und Autobahnbrücken müssen dringend saniert werden. Bei Regionalbahnen geht jede vierte Türen nicht auf. Die Züge kommen oft mit großer Verspätung, die Bahnhöfe sind dreckig und mit Graffiti zugesprayed. Man wagt kaum, nachts unterwegs zu sein.
Als ich Ende April Beijing und Shanghai besuchte, fühlte ich mich wie auf einem anderen Stern. Gemeinsam mit den Kollegen der Tongji Universität in Shanghai haben wir dort mit dem CAR-Institut der Universität Duisburg-Essen unseren ersten Automobilkongress veranstaltet, zeitgleich und ganz nah an der mittlerweile größten Automesse der Welt, der Shanghai Auto 2015.

Innovationszentrum Jiading Campus

Vor zwei Jahren war das Messegelände in Shanghai noch eng, die Anfahrt mit Dauerstaus verbunden und die Ausstellungshallen schäbig. Jetzt steht dort ein nagelneues hochmodernes Messezentrum. Es ist Teil von „Shanghai Automotive City“ und liegt nicht weit vom Jiading Campus entfernt, der Ingenieurs- und Automobilwissenschaften beherbergt und zur Tongji Universität gehört. Die betreibt auf ihrem Muster-Campus den größten Windkanal in Zentralasien, um die Aerodynamik von Fahrzeugen zu testen und stetig zu verbessern. Sogar sonntags tagen und tüfteln Wissenschaftler, während die Studenten büffeln. Der Campus lebt. Nebenan sitzt Volkswagen Shanghai mit Verwaltung und Produktion. Fast alles hier erinnert ans kalifornische Silicon Valley, Keimzelle vieler junger Wachstumschampions. Auch die Chinesen schaffen ständig neue Strukturen, die Synergie-Effekte und neue Produkte ermöglichen und den Übergang in eine Sättigungsphase vermeiden.   



In Deutschland ist der Bau eines Flughafens in der Hauptstadt oder eines Konzerthauses an der Elbe schon mal mit Pleiten, Pech und Pannen verbunden. In China brauchen Großprojekte viel weniger Zeit. In den Riesenstädten werden Stadtviertel permanent neu gestaltet. Die Umsetzungsrate ist enorm. Neue Infrastruktur erlaubt jungen Unternehmen, neue Geschäftsfelder zu besetzen. Ein konkretes Beispiel: Das Reich der Mitte treibt mit milliardenschweren Investitionen in Pakistan den Aufbau einer neuen Seidenstraße voran. Chinas Präsident Xi Jinping reiste im April in das Nachbarland, um dort Projekte im Umfang von 46 Milliarden Dollar zu starten.  

Unzureichende Förderung in Deutschland

Hohe Investitionen in Infrastruktur und Forschung, verbunden mit extrem hoher Anpassungsgeschwindigkeit, ermöglichen überdurchschnittliches Wachstum. In den letzten 15 Jahren ist das chinesische Bruttosozialprodukt jährlich im Schnitt um knapp zehn Prozent gewachsen. In Deutschland schwebt die Kanzlerin schon bei zwei Prozent Wirtschaftswachstum auf Wolke Sieben. Aber ihre Infrastrukturpolitik wirkt im Vergleich zu China wie ein fauler Kompromiss. Statt moderne Straßensysteme und Elektromobilität nach vorne zu bringen, forciert sie die Pkw-Maut für Österreicher und handelt sich – wie von fast allen Experten zuvor prognostiziert  – gerade großen Ärger mit der EU-Kommission ein.

 



Chinas Automarkt zeigt die hohe Veränderungsgeschwindigkeit besonders eindrucksvoll. 1998 wurden in China 500.000 Neuwagen verkauft, soviel wie etwa in Holland. 2013 wurden im Reich der Mitte 16,3 Millionen neue Pkw verkauft – seitdem ist China der größte Pkw-Markt weltweit. Und das wird sich nicht mehr ändern. Für 2025 sind für China mehr als 25 Millionen verkaufte Neuwagen prognostiziert. Auch wenn sich das Turbo-Wachstum jetzt abkühlt, gilt weiterhin die Regel: Infrastruktur schafft Wachstum. China gibt uns eine Blaupause.

 

Sauber Luft für Beijing

Natürlich drohen in China Immobilienblasen. Natürlich ist die Luft in Beijing so schlecht wie im Ruhrgebiet der sechziger Jahre. Natürlich gibt es in China Korruption und Todesstrafe. Natürlich mangelt es an Gewaltenteilung, Rede- und Pressefreiheit. Die Zentralregierung beobachtet Entwicklungen und steuert dagegen, oft ganz und gar nicht demokratisch, sondern mit harter Hand. Darum fahren inzwischen alle Autos und Mopeds in Beijing elektrisch, ohne stinkende Abgase. Die Dynamik der Veränderung ist so gewaltig, dass ich hier die Prognose wage: Die Chinesen werden schneller einen klaren Himmel über Beijing und anderen Megacities bekommen als weiland die Deutschen – nachdem 1961 der damalige Kanzlerkandidat Willy Brand in seiner Rede auf dem SPD-Parteitag gefordert hatte: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“

 

Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen  sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Die Kolumne ist zuerst im Sommerheft von BIZZ energy today erschienen. Alle Ausgaben von BIZZ energy today gibt es u.a. bei unserem Abonnement-Service unter 040 / 41 448 478.

(fotos: deposit, Illu: Valentin Kaden)