Energiezukunft
10.01.2019

Blockchain: Digitale Frischzellenkur für Stadtwerke

Foto: IC Develpment GmbH
Im Wiener Viertel Zwei werden verschiedene Blockchain-Anwendungen getestet.

Kommunale Versorger gehen schweren Zeiten entgegen. Energiewende und Digitalisierung zerstören die alten Geschäftsmodelle – neue müssen her. Die Blockchain wird zum Hoffnungsträger.

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Im Wiener Stadtentwicklungsgebiet „Viertel Zwei“ erprobt der lokale Versorger Wien Energie mit den Bewohnern von rund 300 Wohnungen eine Blockchain-Infrastruktur. „Das erste Mal wird hier eine wirkliche End-to-End Lösung für Blockchain-Systeme in einem Stadtviertel geschaffen, die die Bewohnerinnen und Bewohner selbst aktiv nutzen sollen“, sagt Michael Strebl, Vorsitzender der Geschäftsführung. Eine Idee: Bewohner einer gemeinschaftlichen Wohnanlage beziehen Strom über die PV-Anlage vom Dach und können Überschussstrom per Blockchain-Technologie untereinander tauschen.

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Die Community sei ideal, um mit neuen Technologien verschiedene Versuchsreihen zu starten –  auch unter Einbeziehung von neuen Solarstrom-Modellen, erläutert Strebl. Durch die Speicherung und Verschlüsselung von Transaktionsdaten auf den Computern der Teilnehmer ermögliche die Blockchain eine sichere Person-zu-Person-Abwicklung von vertrauensbasierten Geschäften. „Damit stellt sie einen radikalen Gegenentwurf zur bestehenden Systemarchitektur dar, mit deren Hilfe die Energiewirtschaft auf die Herausforderungen der Dezentralisierung und Digitalisierung der Energieversorgung reagieren kann.“

Gefahr für die Mittelsmänner

„Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, die Energiebranche komplett zu verändern“, sagt Strebl. Wien Energie wolle hier ganz vorne dabei sein und teste deshalb in verschiedenen Einsatzfeldern, wie die Blockchain-Technologie in zukünftigen Geschäftsmodellen genutzt werden könne. Möglichkeiten sehen die Österreicher in den Bereichen Elektromobilität, Strom-Sharing, Internet of Things, Energiehandel, Photovoltaik und Stadtentwicklung.

Blockchain-Technologie kann allerdings  Mittelsmänner in Geschäftsprozessen überflüssig machen. Dass sich Wien Energie deshalb mit der Blockchain selbst schaden könnte, glaubt Strebl nicht. „Wir sind genau deshalb führend an Pilotprojekten beteiligt, um die Blockchain frühzeitig in unsere Geschäftsmodelle zu integrieren“, sagt Strebl. „Man kann auch den Kopf in den Sand stecken, aber die Branche wird sich verändern – mit oder ohne uns.“ Der Vorteil von kommunalen Versorgern wie Wien Energie: Sie können Energie und zahlreiche weitere Dienstleistungen aus einer Hand anbieten. Ebenfalls von Vorteil ist die lokale Anbindung an die Kunden.

Digitale Geschäftsfelder besetzen

Stadtwerke-Berater Walter sieht deshalb einen Vertrauensvorsprung, insbesondere von kleinen, kommunal verwurzelten Versorgern. Diese seien ein fester Bestandteil der städtischen Infrastruktur und daher nicht in Gefahr. Doch „für die Großen wird es spannend, weil Amazon, Google und Co. einsteigen werden“, sagt der Berater. Die Digitalkonzerne mit ihrer Präsenz und Finanzmacht seien scharf auf die Kunden- und Verbrauchsdaten, die über die neuen Blockchain-Plattformen generiert würden. Deshalb sei es empfehlenswert, schon jetzt die neuen digitalen Geschäftsfelder zu besetzen, wie es die Wuppertaler Stadtwerken tun.

Deren Blockchain-basierter Ökostrom-Handelsplatz Tal.Markt gilt als Leuchtturmprojekt. Hier können Kunden ihren Strom bei lokalen Ökostromanbietern erwerben und sich ihren Energiemix selbst zusammenstellen. „Das Konzept hat die Kraft, den Stromvertrieb zu revolutionieren“, sagt WSW-Vorstandsvorsitzender Andreas Feicht. Erstmals sei es möglich, dass Kunden eigenständig und mit einem echten Herkunftsnachweis ihre Stromerzeuger auswählen könnten.

Bedeutend sei das neue Konzept aber auch für die Zukunft der Erneuerbaren-Branche. „Schon bis zum Jahr 2020 werden deutschlandweit über 5.000 Windräder aus der EEG-Förderung laufen“, sagt Feicht. Die Erlöse, die nach der Förderung an der Strombörse erzielt werden können, reichen aus heutiger Sicht nicht aus, um die Betriebs- und Wartungskosten zu decken. Die Windräder würden in der Folge stillgelegt und demontiert – aus Feichts Sicht eine Vernichtung volkswirtschaftlichen Vermögens.

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Keywords:
Blockchain | Digitalisierung | Stadtwerke
Ressorts:
Technology

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