Digitalisierung
19.04.2018

„Blockchain lässt Energie-Manager nachts nicht schlafen“

Foto: Carsten Kloth
Hervé Touati (Mitte), Präsident der Energy Web Foundation, stellt in Berlin deren Blockchain-Projekt vor.

Die Energiebranche setzt derzeit große Hoffnungen in die Blockchain. Auf der internationalen Konferenz "Event Horizon" wird deutlich, dass vor allem das Projekt der Energy Web Foundation elektrisiert.

Die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) machen es vor: Als erster Energieversorger in Deutschland testen sie seit Kurzem in einem Feldversuch die Blockchain-Technologie für die dezentrale Laststeuerung von Strom. Das Unternehmen simuliert hierfür eine autarke Stromgemeinschaft (Microgrid) aus Verbrauchern und Produzenten.

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Die Blockchain-Technologie wird dabei von der Energy Web Foundation (EWF) geliefert, einer globalen Nonprofit-Organisation mit Sitz im Schweizer Kanton Zug. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Einsatz der Blockchain-Technologie im Energiesektor voranzutreiben. Auf ihre Entwicklung blickt nun die internationale Szene – dies wird auf der „Event Horizon“ deutlich. Die Konferenz, die diese Woche im ehemaligen Berliner Heizkraftwerk Mitte stattfindet, gilt als die weltweit bedeutendste Blockchain-Veranstaltung der Energiebranche.

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Schlüssel für das dezentrale Energiesystem

„Die Blockchain ist das derzeit wichtigste Thema in der Energiewirtschaft“, sagt Christoph Frei, Generalsekretär des Weltenergierates, auf der Veranstaltung. Die Erkenntnis des globalen Energienetzwerkes basiert auf einer Umfrage unter 3000 Managern aus 91 Ländern. „Die Blockchain ist das Thema, dass die Energie-Akteure nachts wach hält“, sagt Frei. Sie sei der Schlüssel, um das volle Potenzial eines dezentralisierten Energiesystems zu erschließen. 

Auch andere Teilnehmer äußern im futuristischen Rahmen der Konferenz im Kraftwerk Berlin die Hoffnung, dass die Technologie die Lösung für neue Energiekonzepte liefert, und Dekarbonisierung, Dezentralisierung sowie Digitalisierung im Energiesektor voranbringt. „Denn uns läuft die Zeit davon“, sagt Moderator und Blockchain-Experte Michael Casey zu Beginn der Veranstaltung in Bezug auf den Klimawandel.

EWF erreicht Meilensteine

Den Weg, die Energiewirtschaft von Morgen mit Hilfe der Blockchain zu koordinieren, will die EWF gefunden haben. Ihr Präsident Hervé Touati hält es für ein gutes Zeichen, dass die alte Kohleverstromung immer teurer und kleine Versorgungsnetze immer günstiger werden. „Die Dekarbonisierung im Energiesektor geht schnell voran“, sagt er. Heute würden wir uns zudem auf eine Systemarchitektur zubewegen, in der Millionen Geräte mit Hilfe der Digitalisierung miteinander interagieren. Die Blockchain sei nun einerseits Bestandteil dieser Digitalisierung, ermögliche aber auch einen komplett neuen Blick auf die Branche. „Die Blockchain erfindet das Elektrizitätssystem neu, diesmal aus der Perspektive des Verbrauchers“, sagt der EWF-Stiftungspräsident. Diese Digitalisierung mache die Dezentralisierung möglich.

Ziel der EWF ist es, eine Blockchain-Infrastruktur für die spezifischen Bedürfnisse des Energiesektors zu entwickeln. „Und diese Infrastruktur läuft bereits“, sagt Touati. Sowohl große als auch zahlreiche kleine Unternehmen beteiligten sich am Projekt und man habe die gesetzten Meilensteine erreicht. „Wir kündigen nicht nur an, wir liefern auch“, so der EWF-Präsident.

Deutsches Stadtwerk geht voran

So sind die Mitglieder der Energy Web Foundation bereits in der Lage, Anwendungen für die EWF-Blockchain zu entwickeln. Mehr als 30 Unternehmen nehmen an Tobalaba, dem Testnetzwerk, teil. Eines dieser Unternehmen ist das einzige deutsche Gründungsmitglied Technische Werke Ludwigshafen, das zusammen mit dem Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers (PwC) das Projekt Lutricity gestartet haben. Bei Lutricity werden Verbraucher und Produzenten des öffentlichen Verteilnetzes sowie Speicher dezentral durch "Smart Contracts" auf der Blockchain gesteuert. Solche "Smart Contracts" sind intelligente, automatisch ablaufende Verträge.

TWL-Vorstand Hans Heinrich Kleuker, der das selbstregulierende Microgrid Lutricity auf der Konferenz zusammen mit PwC-Manager Gunther Dütsch präsentiert, sagt: „Wir wollen mit Lutricity ein Plattform-Anbieter für Peer-to-Peer Stromverkäufe und -käufe werden“. In der Zukunft erhoffe man sich zudem, dem Energiesektor eigene Blockchain-Anwendungen liefern und lokale Netze ausbalancieren zu können. Sogar eine Mitarbeit im boomenden Markt für E-Mobilität könne man sich vorstellen.

Trotz aller Fortschritte benötige die Blockchain-Technologie noch zwei bis fünf Jahre um erwachsen zu werden, sagt Christoph Frei. Doch Initiativen wie die EWF brächten die Entwicklung rasant voran – eine Reihe erster Anwendungsfälle würde getestet. „Jetzt ist es an der Zeit für weitere Unternehmen und Start-ups, Fähigkeiten aufzubauen und eigene Blockchain-Piloten zu entwickeln“, so der Generalsekretär des Weltenergierates.

Lesen Sie auch: Blockchain ist überschätzt, aber vielversprechend im Energiesektor

Carsten Kloth
Keywords:
Blockchain | Digitalisierung
Ressorts:
Technology

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