Digitalisierung
02.04.2019

Blockchain-Stromhandel: Warum die Gasag Lition fördert

Foto: Gasag/Werner Popp
Das Blockheizkraftwerk auf dem Berliner Euref-Campus ist die derzeit beliebteste Anlage der Lition-Kunden.

Wie viele etablierte Versorger sucht die Berliner Gasag nach neuen Geschäftsmodellen. Das Blockchain-Start-up Lition soll dabei helfen.

vorherige SeiteSeite 1Seite 2

Die Erzeugungseinheiten für erneuerbare Energie im Angebot der Lition-Börse kommen von der Gasag – beispielsweise eine Bio-Erdgasanlage im Hackeschen Quartier oder eine Photovoltaik-Anlage in Mariendorf. Mit dabei ist auch ein Blockheizkraftwerk auf dem Berliner Euref-Campus. „Das ist das am meisten gewählte Kraftwerk zurzeit bei den Lition-Kunden“, sagt Geschäftsführer Richard Lohwasser. Eigentlich ist er eher Techniker und Programmierer. Schon früh hat er ein Start-up aufgebaut, eine Internetseite für Computerspiele. Nach Stationen bei einer Unternehmensberatung und verschiedenen Energieversorgern ist er nun wieder in der Gründerszene gelandet: „Ich hatte immer den Eindruck, die Energiewirtschaft wird in fünf bis zehn Jahren nicht vergleichbar mit der heutigen sein“, sagt er.

Anzeige

Anzeige

Lohwasser hält die Blockchain bei den derzeitigen Aufbrüchen für ein zentrales Thema. Doch etablierte Konzernstrukturen seien nicht unbedingt geeignet, den Wandel voranzubringen. Deshalb entschied er sich, erneut ein Start-up zu gründen. Doch ganz alleine geht es nicht: Für die notwendige Unterstützung bei der Abrechnung hat er sich – nicht zuletzt wegen der modernen Software – für die Gasag entschieden. „Wenn eine Technologie die Energielandschaft in einem Gebiet nachhaltig verändern soll, muss es für den normalen Endkunden Vorteile bringen“, sagt Lohwasser. Sonst sei es nur eine technische Spielerei. Die Energiebranche – und gerade das Blockchain-basierte P2P-Trading – sei einer der wenigen Anwendungsfälle, in denen der normale Endkunde konkrete Vorteile habe: Der Mittelsmann entfällt, also wird der Strombezug günstiger. Außerdem könne die Herkunft über die Blockchain nachgewiesen werden.

Schnöder Strom – eigentlich uninteressant

Matthias Trunk, Gasag
Matthias Trunk, Vorstands-Mitglied der Gasag, im Gespräch. Foto: Gasag/Thomas Ecke
„Ich habe natürlich zu den Anlagen, die ja Gasag-Anlagen sind, einen besonderen Bezug“, ergänzt Trunk, der die Lition-Börse daheim ausprobiert hat. „Doch das ist für einen Kunden auch möglich.“ Das Problem der Energieversorger ist, dass sie mit dem schnöden Strom ein eigentlich eher uninteressantes Produkt haben. Diesem könne man mit einer Direktverbindung zur Erzeugungseinheit aber ein bisschen Leben und Persönlichkeit einhauchen, sagt Trunk.

„Jetzt, wo wir Kunden und Kraftwerk direkt verbinden und auch Geld von der monatlichen Stromrechnung direkt zu einem bestimmten Kraftwerk fließt, ändert sich die Dynamik des Marktes“, ergänzt Lohwasser. Dies sei auch ein Hebel für die erneuerbaren Energien.

Kundenzahlen möchte Lition aktuell nicht nennen, sie fallen noch zu niedrig aus. Das Unternehmen hat auch noch keine Werbung geschaltet. Es gibt aber schon Kunden aus zwölf bis 13 verschiedenen Städten, vor allem aus den größeren. Die Lition-Nutzer seien vor allem Blockchain-affine und ökologisch denkende Menschen, die etwas Neues testen und sicher sein wollen, dass ihr Geld zu ihrem Kraftwerk kommt. Eine Motivation durch die Kostenvorteile spiele natürlich auch eine Rolle. Ein durchschnittlicher Berliner Haushalt spare beispielsweise im Vergleich zur Grundversorgung rund 20 Prozent im Monat.

Bitcoin-Bezahlsystem in der Pipeline

„Es ist für uns als Traditions-Energieversorger auch spannend zu sehen, welche Kundensegmente man damit eigentlich erwischt“, ergänzt Trunk. „Wir kommen zudem in die Ära, in der die 20-jährigen EEG-Vergütungen auslaufen und neue Geschäftsmodelle für die alten Windräder und PV-Parks gesucht werden.“ Hier könnte die Blockchain-Technologie als Instrument der Direktvermarktung ins Spiel kommen.

Erste Erfahrungen sammelt Lition nun auch mit einem Bitcoin-Bezahlsystem. Das Start-up bietet Kunden neuerdings an, die monatliche Stromrechnung nicht mit Euro zu begleichen, sondern mit der führenden, aber umstrittenen Kryptowährung Bitcoin. „Damit ist Deutschland das erste Land, in dem ein ganz normaler Bürger seine Stromrechnung mit einer Kryptowährung bezahlen kann“, sagt Lohwasser. Der Kunde solle generell die Wahl haben, ob zwischen Kraftwerken oder auch zwischen verschiedenen Zahlungsmitteln und -methoden.

„Wenn man mit Bitcoin und Co. auch seinen Energieversorger bezahlen kann, dann stoßen wir in völlig neue Bereiche vor“, meint Trunk. „Wir entwickeln uns in Richtung Energiedienstleistung“. Wo genau die Reise hingeht, weiß er aber noch nicht. Um Licht ins Dunkel zu bringen, probiert die Gasag einiges aus – etwa die Kooperation mit Lition. Vertriebschef Trunk erhofft sich davon eine gute Positionierung: „Es ist gut, dicht dran und vorne mit dabei zu sein“.

Lesen Sie auch: Blockchain – Digitale Frischzellenkur für Stadtwerke

Carsten Kloth
vorherige SeiteSeite 1Seite 2
Keywords:
Blockchain | Stromhandel | Digitalisierung
Ressorts:

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen