Finanzen
11.08.2016

Bochum will RWE-Aktien loswerden

Foto: RWE (2)
Die RWE-Zentrale in Essen.

Nach den herben Kursverlusten hat sich der Wind für RWE im Ruhrgebiet gedreht. Bochum will als erste Großstadt im Pott ihr Aktienpaket abstoßen. Das sagte der Stadtkämmerer Manfred Busch gegenüber bizz energy. Sein Beispiel könnte Schule machen.

 

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In Bochum laufen die Vorbereitungen für einen möglichen Verkauf der RWE-Aktien auf Hochtouren. Am 15. September will der Rat über den Verkauf des Aktienpakets entscheiden. Stadtkämmerer Manfred Busch (Bündnis 90/Die Grünen) ist zuversichtlich, dass Bochum die derzeit 6,6 Millionen Aktien loswerden kann. Voraussichtlich werde „früher oder später ein Verkauf stattfinden“, sagte er auf Anfrage von bizz energy. "RWE ist zudem Konkurrent unserer Stadtwerke."

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Bereits vor der Sommerpause hatte der Aufsichtsrat der Stadtwerke entschieden, den Weg für einen Verkauf der Aktien freizumachen. Die Stadt hält derzeit etwa 1,1 Prozent an dem RWE-Konzern. Das Vorgehen in mehreren Schritten hat damit zu tun, dass Bochum seine RWE-Aktien und die Stimmrechte gemeinsam mit weiteren Kommunen als Schachtelbeteiligung in der sogenannten „RW Energie-Beiteiligungsgesellschaft“ bündelt.

 

Verluste in Millionenhöhe

Neben ökologischen Kriterien führt der grüne Stadtkämmerer Busch vor allem ökonomische Argumente ins Feld. Auf seiner letzten Hauptversammlung hatte RWE bekanntgegeben, für 2015 die Dividende für Stammaktien komplett zu streichen. Der Energieriese, der sein Geld überwiegend mit Kohlestrom verdiente, steht mit dem Rücken zur Wand, glaubt Kämmerer Busch. Man sehe „keine Perspektive für RWE.“ Er selbst habe bereits vor knapp zehn Jahren vorgeschlagen, die Anteile an RWE aufzugeben. Damals habe der Wert einer RWE-Aktie nochbei 100 Euro gelegen. In der Eröffnungsbilanz am 1. Januar 2009 wurde die Aktie immerhin noch mit 49,50 Euro notiert. Heute dümpelt der Kurs bei rund 15 Euro vor sich hin. Demnach hätte die Stadt gegenüber 2009 mit dem Abstieg des Konzerns Verluste in Höhe von rund 231 Millionen Euro eingefahren.

Bochum ist nicht die einzige Ruhrpottstadt, die ihr Engagement bei RWE überdenkt. Mülheim an der Ruhr hat einen Teil seiner Schachtelbeteiligung bereits gekündigt, wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) berichtete. Demnach beabsichtigt die Verwaltung, auch den Rest der Aktien zum 30. September zur städtischen Beteiligungsholding zurückzuholen. „Dann ist die Handlungsfähigkeit für 3,6 Millionen Aktien sofort gegeben“, zitiert die WAZ den Kämmerer Uwe Bonan. Der Weg für den Verkauf wäre frei.

 

Dortmund liebäugelt mit Tausch

Indes denkt die Stadt Dortmund laut über einen Tausch der alten RWE-Aktien gegen Anteile der neuen Tochtergesellschaft Innogy nach, die sich auf erneuerbare Energien, Vertrieb und Netze konzentrieren soll. Bislang ist Dortmund mit 23,6 Millionen Aktien der größte kommunale Einzelaktionär. Zwar prüfe man derzeit „alle Optionen“, sagte ein Sprecher der Dortmunder Stadtwerke DSW21 gegenüber bizz energy. Eine Entscheidung könne allerdings erst dann getroffen werden, wenn die ersten Innogy-Aktien Ende des Jahres an der Börse platziert seien. Schließlich müsse man zunächst „alle Parameter kennen“.

Auch wenn einige Städte noch zögern: Der Trend ist klar erkennbar. Lange standen die Ruhrpott-Städte fest zu ihren Aktien bei RWE. Mit der Energiewende hat sich der Wind gedreht. Wovor Klimaökonomen schon sein Längerem warnen, scheint einzutreten: Konzerne, die ihr Geld überwiegend mit Kohle verdienen, verlieren an Wert. Londoner Finanzökonomen malen sogar das Szenario einer drohenden platzenden Kohlenstoffblase an die Wand, ähnlich der Immobilienblase, die 2007 die Finanzkrise auslöste. Mit den Zielen aus dem Pariser Weltklimavertrag sollen die Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf praktisch Null gesenkt werden. Wenn die Staaten entsprechende Gesetze erließen, stünde den Ländern und Konzernen nur noch ein begrenztes Budget an CO2-Emissionen zur Verfügung. Alles, was darüber hinaus an Kohle-, Öl- und Gasvorräten in den Firmen-Büchern steht, wäre damit nichts mehr wert.

 

Divestment-Bewegung macht Druck

Zusätzlich unter Druck stehen die Konzerne durch die weltweite Divestment-Bewegung. Sie fordert Städte, Kirchen und Gemeinden auf, ihr Geld aus kohle- und öllastigen Unternehmen abzuziehen, um damit den Fossilen den finanziellen Boden zu entziehen. US-Schauspieler Leonardo DiCaprio und der Rockefeller Brother’s Fund unterstützen das Vorhaben. In Deutschland haben sich unlängst die Städte Münster und Berlin angeschlossen und wollen sich grüne Anlagerichtlinien verordnet.

Das geht den Ruhrpottstädten dann aber doch zu weit. Von einer grundsätzlichen grünen Anlagerichtlinie für städtische Gelder will beispielsweise der Dortmunder Stadtrat nichts wissen. Vor der Sommerpause wurde ein entsprechender Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen abgelehnt.

Die darin enthaltenen Forderungen wären überhaupt nicht oder wenn, dann nur mit außerordentlich hohem Aufwand zu kontrollieren, begründet der CDU-Fraktionsvorsitzende Ulrich Monegel seine Ablehnung. Aufgabe einer städtischen Kämmerei könne es nicht sein, „insbesondere die in den städtischen Beteiligungsgesellschaften vorhandenen Misch- und Spezialfonds dahingehend zu durchforsten, ob eventuell kleinste Anteile von zum Beispiel Rüstungsunternehmen, Energieunternehmen, die Fracking betreiben oder Saatguthersteller mit eventuell gentechnisch veränderten Materialien sich im Portfolio des jeweiligen Fonds befinden“.

Jana Kugoth
Keywords:
RWE | Innogy | Dortmund | Bochum | Aktien | Stadtwerke | Stadtkämmerer | grüne Anlagerichtlinien
Ressorts:
Governance

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