Kapazitätsmärkte
20.04.2016

Brüssel bereitet EU-Regelung für Kapazitätsmärkte vor

foto: Deposit
EU-Energiekommissar Arias Cañete will europäischen Energiemarkt vorantreiben.

Europaweiter Intraday-Handel und Ausbau von Grenzkuppelstellen sind Teil eines Maßnahmenpakets.

EU-Energiekommissar Arias Cañete will nationale Alleingänge verhindern. Weil eine ganze Reihe von EU-Staaten an Kapazitätsreserven für ihre künftige Energieversorgung basteln, startet Cañete jetzt seine Gegenoffensive. „Die EU-Kommission wird noch dieses Jahr eine Initiative zu Kapazitätsmärkten vorlegen“ verrät einer seiner Berater im Gespräch mit bizz energy. Es sei das „derzeit vordringlichste Projekt der europäischen Energiepolitik“ – mit dem Ziel, nationale Kapazitätsmärkte weitgehend überflüssig zu machen.

Anzeige

Anzeige

Die geplante Initiative ist ein zentraler Baustein der Energieunion, die wiederum eine der Prioritäten von Kommissionschef Jean-Claude Juncker ist. Ihr Fundament soll ein gemeinsamer Markt für Strom und Gas sein. Doch bislang gleicht dieser eher einem Flickenteppich. Die Tendenz zu Insellösungen könnten nationale Kapazitätsmärkte noch verstärken. „In vielen Fällen folgen die Pläne der Mitgliedstaaten rein nationaler Logik“, klagte Cañete kürzlich auf einer Konferenz der europäischen Strommarktregulatoren in Florenz. Sie verletzten, so der Kommissar, die grundlegenden Prinzipien des Energiebinnenmarkts, nach denen „Strom frei dorthin fließen soll, wo er am meisten gebraucht wird“ und seine „Vergütung nur nach Marktsignalen erfolgt“. Nationale Kapazitätsmärkte torpedierten die Entwicklung eines europäischen Energiemarkts.

 

Nationale Kapazitätsmärkte in elf EU-Staaten in Planung

Elf EU-Staaten planen angesichts des zunehmenden Anteils an grünem Strom nationale Kapazitätsreserven. Sie sollen die Versorgung bei bewölktem Himmel und Windflauten sicherstellen und Black-Outs verhindern. Auch in Deutschland gibt es Forderungen aus Politik und Wirtschaft, nach dem Ausstieg aus der Atomenergie Kohlekraftwerke als Reserve vorzuhalten und diese mittels einer Umlage der Stromkunden zu finanzieren.  Angesichts des Widerstands aus Brüssel hat die Bundesregierung die Pläne für eine Reservekraftverordnung jedoch zurückgestellt. Weniger zurückhaltend zeigen sich die Nachbarn im Westen. Belgiens Regierung hat bereits die Einführung einer strategischen Reserve beschlossen und Frankreich steht kurz davor.

Gegen die Pläne für einen französischen Kapazitätsmarkt hat Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager bereits im November 2015 eine Untersuchung eröffnet. Sie befürchtet einen von „Beihilfen abhängigen Markt“, der ausländische Wettbewerber benachteiligt. Mit dem am 13. April veröffentlichten Zwischenbericht zur Sektoruntersuchung von Kapazitätsmärkten leistet Vestager ihrem Kollegen Cañete weitere Schützenhilfe. Tenor des Berichts der Wettbewerbskommissarin: Zwar sei das Bemühen der Mitgliedsstaaten, mit Kapazitätsreserven für Strom die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, legitim, doch dieses Ziel dürfe nicht auf Kosten der Kunden und Konkurrenten erreicht werden. „Ein gut gestalteter Kapazitätsmarkt muss offen für Wettbewerber sein und darf die Möglichkeit von Stromimporten nicht ausschließen“, schreibt Vestager den EU-Staaten ins Stammbuch.

 

Cañete warnt vor Risiken

Nationale Alleingänge sind nach Ansicht Cañetes mit erheblichen Risiken verbunden. Sie seien nicht nur kostspielig, sie konterkarierten auch den Abbau von Subventionen für umweltschädliche Energieträger und verzerrten den Strommarkt.

Der Kommissar machte in Florenz klar, allenfalls grenzüberschreitend verfügbare Kapazitätsreserven zu erlauben. So dürften Subventionen Stromerzeuger jenseits der Grenzen nicht diskriminieren, klimaschädliche Kraftwerke nicht unnötig lang am Netz halten und Konzernen nicht erneut marktbeherrschende Stellungen garantieren. Die Reserven müssten zudem nach einem einheitlichen Bewertungssystem  dimensioniert werden, um nicht übermäßig die Strompreise zu belasten. Letztlich zielten, so Cañetes Berater, die Pläne der Kommission darauf, Kapazitätsreserven überflüssig zu machen. Gegen Wettbewerbsverzerrungen durch bestehende nationale Reservemärkte werde Brüssel „mit dem scharfen Schwert des Beihilfenrechts vorgehen“.

Nach internen Überlegungen will Cañete mit einem Bündel von Maßnahmen gegen nationale Kapazitätsmärkte vorgehen. Sie dürften Europas Strominfrastruktur grundlegend verändern. Parallel zum grenzüberschreitenden Stromhandel mit langfristigen Kontrakten will Brüssel einen europaweiten Intraday-Handel einführen, um kurzfristige Versorgungslücken abzupuffern. Gleichzeitig sollen die nationalen Märkte stärker miteinander verkoppelt und der grenzüberschreitende Stromfluss intensiviert werden. So will die Kommission aus dem EU-Haushalt vermehrt Kuppelstellen finanzieren, um die grenzüberschreitenden Transportkapazitäten auszuweiten und den Ausbau eines europäischen Stromnetzes voranzutreiben. Ein gemeinsamer Rechtsrahmen soll zudem einheitliche Standards für Ausbau und Verwaltung der europäischen Strominfrastruktur liefern. 

Norbert Mühlberger
Keywords:
EU-Energiekommissar | Kapazitätsmärkte | grenzüberschreitenden Stromhandel | Intraday-Handel | Versorgungslücken | EU-Kommission | Subventionen
Ressorts:
Governance

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen