Klimaschutz
29.04.2016

Brüssels undurchsichtige Klimaschutzpläne

foto: Wikipedia
Das bei der Ölförderung austretende methanhaltige Gas wird abgefackelt.

Irrungen und Wirrungen: Warum eine geplante EU-Richtlinie zur Minderung klimaschädlicher Gase bei der Erdölförderung letztendlich die Verkehrswende abbremsen könnte.

 

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Gut gedacht, falsch gemacht? Brüssel schreibt sich Klimaschutz groß auf die Fahnen. Deshalb geht es Produzenten klimaschädlicher Treibhausgase zunehmend an den Kragen. Dabei hat die EU-Kommission auch Erdöl- und Gasfirmen im Visier, speziell die Offshore-Förderung. Bei den Bohrungen auf den Plattformen auf See entstehen nämlich jede Menge Klimagase, die ungenutzt in die Atmosphäre gepustet werden. Pro Jahr entweichen damit so viele Treibhausgase, wie Italien in einem Jahr ausstößt, zeigt eine diese Woche in Berlin veröffentlichte Studie der griechischen Beratungsfirma Exergia, die im Auftrag des Verbands Deutscher Biokraftstoffe erstellt wurde.
Zusätzlich tritt Methan aus, das die Firmen einfach abfackeln. Jedes Jahr wird damit eine Menge Methan verschwendet, die etwa einem Drittel des gesamten europäischen Erdgasverbrauchs entspricht.
Dieses Problem wurde nun also auch in Brüssel erkannt. Eine neue EU-Vorgabe verlangt deshalb, die Menge dieser so genannten Begleitgase um sechs Prozent im Jahr 2020 zu reduzieren. Die entsprechende Richtlinie soll nächstes Jahr in Deutschland umgesetzt werden.

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Bremst die neue Richtlinie alternative Antriebe aus?

Die Umsetzung schrammt allerdings am Klimaschutz vorbei ­– und würgt den Einsatz alternativer und strombasierter Kraftstoffe im Verkehr ab. Das prognostizieren zumindest die weiteren Ergebnisse der Exergia-Studie. Grund dafür seien Konstruktionsfehler in der Richtlinie, so Studienautor und Exergia-Geschäftsführer Theodore Goumas. Für den Klimaschutz wäre es förderlich, tatsächlich bei der Bohrung die Begleitgase nicht einfach entweichen zu lassen. Brüssel aber erlaubt den Konzernen einen Deal: Sie müssen die Emissionen nicht vor Ort bei der Förderung senken, sondern können sie auch an anderer Stelle einsparen. Beispielsweise, indem sie in ihrer Lieferkette verstärkt auf elektrische Antriebe oder Biokraftstoffe setzen.

Damit beginnt ein kompliziertes Rechenspiel, dessen Seriosität die griechische Studie anzweifelt. Denn, so argumentiert Goumas, was auf dem ersten Blick als Klimaschutzmaßnahme daher komme, entpuppt sich letztendlich als Freifahrtschein für Tricksereien. „Da bisher keine Kontrollen vorgesehen sind und große Mengen von Begleitgasen emittiert werden, besteht die Gefahr, dass die Mineralölindustrie lediglich deren Ausstoß auf dem Papier reduziert“, sagte Goumas bei der Vorstellung seiner Studie diese Woche in Berlin. Denn ohne zentrales Register könnten solche Ausgleiche mehrfach verbucht werden, ohne dass die doppelte Anrechnung jemals auffliege.

Weil die Sechs-Prozent-Minderung ausschließlich für das Jahr 2020 vorgewiesen werden muss, sind die Tricksereien laut Goumas besonders attraktiv. Darin sieht er den zweiten Schwachpunkt der Richtlinie. Er schlägt deshalb einen längeren Planungszeitraum über 15 bis 20 Jahre vor. Das könnte Konzerne tatsächlich dazu bringen, für den Ausgleich ihrer Klimagase auf alternative und strombasierte Kraftstoffe umzusteigen. Denn dann erst rechneten sich die Investitionen in neue Fahrzeuge und Maschinen. In der aktuellen Fassung der Richtlinie „wird kein Anreiz geschaffen für die Nutzung erneuerbarer Energien und alternativer Antriebe“, schlussfolgert Goumas.

 

Biokraftstoffbranche moniert Ungleichbehandlung

Weil die Konzerne auf den Einsatz von alternativen Kraftstoffen verzichten könnten, um unterm Strich ihre Klimabilanz aufzupolieren, fürchtet VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann um die Daseinsberechtigung seiner Branche ­– und sieht sie im Vergleich mit den Fossilen ungleich behandelt. Der Hintergrund: Produzenten von Biokraftstoffen müssen sich seit 2011 ständigen Kontrollen aussetzen, bei denen die Nachhaltigkeit beim Anbau von Raps und Co geprüft werden. Dazu hatte die EU-Kommission sie nach der heftig geführten Teller-Tank-Debatte gezwungen. Solche Standards will Baumann auch in der Mineralölwirtschaft sehen. „Die fehlenden Vorgaben zu Dokumentationen und Kontrolle führen abermals zu einer abenteuerlichen Ungleichbehandlung“, moniert er und verlangt: „Wenn die Reduktion von Begleitgasen angerechnet werden soll, dann muss die Produktion von fossilem Öl zertifiziert werden, so wie es bei Biokraftstoffen üblich ist.“

 

Jana Kugoth
Keywords:
Klimaschutz | EU-Kommission | Biokraftstoffe | Emissionen | Alternative Kraftstoffe | VDB | Biokraftstoff | Exergia
Ressorts:
Governance

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