"Erst wenn es keine Landwirte mehr gibt, werden wir feststellen, dass man erneuerbaren Strom nicht essen kann.“ Der Satz war nicht ganz ernst gemeint, aber in der Zuspitzung drückte Bert Tschirner aus, welcher Konflikt in einigen Gegenden Brandenburgs für Diskussionen sorgt. Tschirner, Leiter der Brandenburger Energieagentur, sagte dies letzte Woche während einer Online-Anhörung der bündnisgrünen Landtagsfraktion zum Ausbau von Photovoltaik-Freiflächenanlagen.

Der Landwirt Jörg Köppen, Eigner einer Biolandwirtschaft, meldete sich mehrmals kritisch zu Wort. "Wir verlieren nächstes Jahr 17 Hektar", hielt er fest.  Für große Solarfreiflächenanlagen werde auch Land aufgekauft, das bisher landwirtschaftlich genutzt wird. Den Verpächtern gehe es ums Geld und ein Solarpark könne mehr zahlen als die Landwirtschaft. Köppens Befürchtung: "Die Energiewende findet auf dem Rücken der Bauern statt."

Aus dem Online-Publikum kam die Anmerkung, in den letzten Jahren sei in Brandenburg viel landwirtschaftliche Fläche verloren gegangen und die Tendenz zu Freiflächensolaranlagen sei "stark steigend". Besser sollten die Städte erst einmal ihre Potenziale auf Dächern und in Gewerbegebieten nutzen.

Auch Jörn Braemer, Energiemanager bei der Regionalen Planungsgemeinschaft Havelland-Fläming, mahnte die Verantwortung der Städte an. Schließlich sei jedes Energieprojekt ein Eingriff in die Natur und verändere zudem das Landschaftsbild.

Demgegenüber betonte der auf Solaranlagen spezialisierte Potsdamer Anwalt Sebastian Lange, für die Energiewende seien sowohl Gebäude- als auch Freiflächenphotovoltaik dringend nötig. Letztere habe den Vorteil, dass sie schneller und billiger errichtet werden könne. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Clemens Rostock stimmte ihm zu.

Kommunen befürchten leer auszugehen

Die grüne Fraktion hatten schon im November ein Positionspapier zu diesem Thema  veröffentlicht. Damals sprachen sie den Kommunen "eine wichtige lenkende Rolle" zu, schließlich könnten die die Errichtung von Solarparks mittels der Bauleitplanung befördern oder behindern. Allerdings bräuchten sie "Handlungsempfehlungen und Argumentationshilfen". Eine Kommune muss nicht nur abschätzen, inwieweit ein neuer Solarpark für Flächenkonkurrenz mit der Landwirtschaft oder dem Naturschutz sorgen kann, sondern sie will auch selbst etwas davon haben.

"Die Kommunen sind positiv eingestellt", ist die Erfahrung von Bert Tschirner. Die Landesenergieagentur sei über "Energiedialoge" in Kontakt mit ihnen und stelle fest, dass Freiflächenanlagen "ein stark nachgefragtes Thema" seien. Allerdings wollten die Kommunen nicht dasselbe erleben wie beim Bau vieler Windparks: "Da wurde ihnen viel für ihre Kassen versprochen."

Erst die Landesregierung hat dafür gesorgt, dass Kommunen von Windparks sicher Geld erhalten. Allerdings gilt das nur für Anlagen, die seit Anfang 2020 sich in den bundesweiten Ausschreibungen durchsetzten und dann auch gebaut werden Ob so eine Beteiligung der Gemeinden nun auch in Bezug auf Solaranlagen geschehen sollte, werde im Lande diskutiert, sagte Clemens Rostock.

EEG kann auch bei Solar Gemeinden Einnahmen bringen

Eine bundesweite Regelung für zusätzliche Einnahmen der Kommunen durch Solarparks wird durch das kürzlich erneuerte Erneuerbare-Energien-Gesetz ermöglicht. Direkt erwähnt ist im Gesetz zwar nur die Windkraft, aber per Verordnung könne die Regierung das auch auf die Solarenergie beziehen, erklärte Anwalt Lange. Das Gesetz sieht vor, dass die Kommune bis zu 0,2 Cent pro produzierter Kilowattstunde von der Anlagenbetreiberin verlangen darf. Bei einem Solarpark wären das, grob geschätzt, um die 2.000 Euro pro Hektar und Jahr, hielt Lange weiter fest. Angesichts der Größe von Solarparks im hohen zweistelligen, manchmal sogar dreistelligen Hektarbereich kämen da also reizvolle Summen zustande.

Allerdings sieht der Anwalt diese Art der finanziellen Beteiligung einer Kommune auch kritisch, wie er nach der Veranstaltung gegenüber bizz energy sagte. Die Kosten trüge nämlich die Allgemeinheit. Es sei wenig bekannt, dass sich die Anlagenbetreiberinnen die an die Kommunen gezahlte Abgabe zu Lasten des EEG-Kontos zurückholen dürfen.

Die Grünen wollen jedenfalls ein spezielles Modell für Freiflächensolaranlagen stärker fokussieren: die Agrar-Photovoltaik. In der Veranstaltung wurden Modelle und teils auch realisierte Projekte vorgestellt, bei denen senkrechte Solarmodule auf Feldern nicht nur Strom produzieren, sondern auch die Erträge erhöhen können, weil sie etwa Verdunstung und Erosion verringern.

Dass in Brandenburg so ein Projekt verfolgt wird, war jedenfalls in der Online-Debatte niemandem bekannt. Dabei wäre dieses Modell gerade hier nützlich, um der Solar-Agrar-Flächenkonkurrenz entgegenzuwirken. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Isabell Hiekel sprach sich deshalb am Ende dafür aus, so ein Projekt nach Brandenburg zu holen. Sie sehe politischen Handlungsbedarf bei einem wirtschaftlich sinnvollen und umweltverträglichen Ausbau von Photovoltaik-Freiflächenanlagen. Die Grünen nähmen die Befürchtungen "sehr ernst", dass Photovoltaik-Freiflächenanlagen zu Flächenverlusten für die Landwirtschaft führen können.

Die Branche fordert den Ausbau aller erneuerbarer Energien - nicht nur von Photovoltaik und Windkraft - voranzutreiben.
Große Freiflächen-Solaranlagen rechnen sich wirtschaftlich auch ohne EEG-Förderung - sie brauchen nur jede Menge wertvoller Fläche, die der Landwirtschaft verloren zu gehen droht. (Copyright: iStock)